Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Concours Complet
Concours Complet

Geländetrainings liegen im Trend – und lösen hitzige Debatten aus

19 September 2016 10:59

In der schönen Jahreszeit wird an fast jedem Wochenende irgendwo in der Schweiz ein Kurs angeboten, um Pferde und Reiter über Baumstämme, durch Wassergräben und Hänge hinunter zu locken. Die Teilnehmerlisten dieser Trainings sind voll, doch es werden auch kritische Stimmen laut.

Reiter und Pferd rundum geschützt. Reiter und Pferd rundum geschützt.

Wenn die Buschreiter an den Olympischen Spielen von Rio tollkühn über die festen Hindernisse fliegen, kann man sich der Faszination der Königsdisziplin des Reitsports kaum entziehen. Das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd scheint grenzenlos. Dieses Gefühl einmal mit dem eigenen Pferd selbst zu erleben, wünscht sich wohl jeder Reiter. Unerreichbar für den Durchschnittsreiter? Ganz und gar nicht!

Vom Freiberger bis zum Vollblüter

Was an diesen Geländetrainings besonders auffällt, ist die Vielfalt der anwesenden Pferde. Ob Warmblut oder Friese, ob Jungspund oder Routinier – es gibt Platz für alle! Auch die Motivation der Kursteilnehmer könnte unterschiedlicher nicht sein. Wo der eine mit seinem Vierbeiner ein kleines Abenteuer erleben und ihm eine spannende Abwechslung bieten möchte, ist der andere motiviert, seine sportlichen Erfolge im Concours Complet voranzutreiben. Eines aber wünschen sich alle Geländereiter: einen in jeder Lebenslage verlässlichen vierbeinigen Sport- und Freizeitpartner. Das Überwinden von festen Hindernissen soll die Beziehung zum Pferd stärken und so mancher ist am Ende des Kurstages selbst überrascht, wozu Reiter und Pferd bei entsprechender Begleitung in der Lage sind.

Sicherheit wird grossgeschrieben

Die Anforderungen an die Reiter und Pferde werden ganz individuell angepasst. In den Einsteigerkursen werden zunächst die Grundregeln des Geländereitens und die wichtigsten Hinweise für die Sicherheit von Pferd und Reiter erläutert. So tragen denn auch alle Reiter Helm und Rückenschutz. Ein Halsring oder Vorgeschirr mit Lederriemen um den Hals sorgt für weitere Sicherheit. Auch die Pferdebeine sind mit Rundgamaschen und Glocken optimal geschützt. Ganz im olympischen Sinne ist das Dabeisein alles und jeder Reiter soll über seine ganz persönlichen Grenzen hinauswachsen. Dem einen oder anderen ist vor dem ersten Sprung über den Wall schon etwas bange. Wenn er dann aber gelingt, ist die Euphorie umso grösser!

Vielseitige Ausbildung wieder im Trend

Was früher im Hinblick auf die Ausbildung von zuverlässigen Kavallerie-Pferden ganz selbstverständlich war – daher auch die frühere Bezeichnung «Military» –, ist mit der Modernisierung des Reitsports und der frühen Spezialisierung der Reitpferde für eine bestimmte Disziplin etwas in Vergessenheit geraten. Auch ist es heute nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor wenigen Jahrzehnen, ein abwechslungsreiches Ausreitgelände zur Verfügung zu haben, wo Pferde noch ganz natürlich an Hindernisse wie Steigungen, Senkungen, Bäche oder querliegende Baumstämme herangeführt werden können. Auch sind viele Reiter heute nicht in Pferdefamilien gross geworden, und somit sind Kenntnisse, die früher als reiterliches Allgemeinwissen galten, nicht zwingend vorhanden. Als dann mit der Abschaffung der Kavallerie der Wandel hin zur Reiterei als Breitensport einsetzte, wuchs die Nachfrage nach Freizeitpferden, die den hohen Ansprüchen einer variantenreichen Nutzung genügen müssen. So rücken die Vorzüge einer vielseitigen Ausbildung des verlässlichen Reitpferdes wieder in den Vordergrund und die Geländereitkurse entsprechen einem grossen Bedürfnis.

Aufschwung für den CC-Sport in der Schweiz

Nicht zuletzt sind es aber auch Vorbilder für pferdegerechtes Reiten wie die Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke, die zeigen, dass ein vertrauensvoller Umgang mit dem Pferd, bei dem der Vierbeiner als echter Partner wahrgenommen wird, auch im Spitzensport der Disziplin Concours Complet möglich ist. Ob dieser neue Trend mittelfristig auch dazu beitragen kann, die Reiterbasis im Schweizer Vielseitigkeits-Turniersport zu verbreitern, wird sich zeigen. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang sicher, dass Vereine vermehrt Kurse und Prüfungen anbieten, in denen man sich an die Disziplin herantasten kann, um so neue CC-Fans zu gewinnen.

Cornelia Heimgartner

Fotos: Andrea Heimgartner

Kontra – Geländekurse von und für jedermann

Peter Hasenböhler. Peter Hasenböhler.

Peter Hasenböhler ist seit der Gründung des IENA in Avenches vor 17 Jahren zuständig für das Geländereiten auf der Anlage und ein weltweit gefragter CC-Trainer und Cross-Parcoursbauer. Er bietet regelmässig Geländetrainings für jedes Niveau an.

Im IENA finden immer mehr Geländereitkurse verschiedener Trainer statt. Ist das eine erfreuliche Entwicklung?
Grundsätzlich ist das sicher eine erfreuliche Entwicklung. Wir müssen zurück zur vielseitigen Ausbildung, denn die Anforderungen an das Freizeitpferd sind hoch. Und auch bei den Reitern stelle ich immer wieder mangelndes Gleichgewicht fest – das muss unbedingt geschult werden, nicht zuletzt aus Respekt gegenüber dem Pferd. Weniger erfreulich ist hingegen, dass es bei vielen dieser Geländetrainings an Disziplin fehlt und es deshalb zu heiklen Situationen kommen kann. Freude am Reiten ist gut und wichtig, aber solche Trainings erfordern vom Ausbilder viel Professionalität und Erfahrung, damit es auch für andere Nutzer des Geländeplatzes nicht gefährlich wird.

Wo müsste man also Verbesserungen ansetzen?
Es braucht eine bessere Basisausbildung von Trainern, Reitern und Pferden im Bereich des Geländereitens. Dabei ist mir in erster Linie das Wohlbefinden des Pferdes ein Anliegen. Vielen Pferden fehlt es an klarer Führung – damit meine ich nicht harsches Auftreten gegenüber dem Pferd, sondern einfach eine strikte Linie im täglichen Umgang und beim Reiten. Das hat auch – wie ich schon sagte – mit Konsequenz zu tun. Ich spreche nicht von militärischem Strammstehen, ganz und gar nicht. Es geht vielmehr darum, sich an gewisse Grundregeln zu halten, die schlussendlich zur Sicherheit aller Beteiligten beitragen.

Woran erkenne ich einen guten Ausbilder für ein Geländetraining?
Das ist sehr schwierig, denn Trainer ist kein geschützter Beruf. Jeder darf unterrichten. Ein wichtiger Punkt ist sicher, dass ein Trainer, der eine solide Basisausbildung vermitteln möchte, viel Erfahrung braucht. Hier im IENA spielen wir derzeit mit dem Gedanken, einen entsprechenden Lehrgang für die Basisausbildung im Geländereiten anzubieten, bei dem man eine Art Abzeichen erlangen kann – ein Gütelabel, das Kursinteressenten einen Hinweis auf die Qualität des Ausbilders gibt.

Was hat sich in den letzten Jahren im CC-Sport verändert?
Früher waren Vielseitigkeitsturniere im Grunde Prüfsteine in der Ausbildung der Kavallerie-Pferde. Die Geländestrecke wurde dem Bauern ins Feld gelegt oder verlief durch den Wald. Das wäre heute nicht mehr möglich. Die Wende zum modernen CC-Sport fand 2006 mit der Weltmeisterschaft in Aachen statt. Das war der Beginn einer neuen Ära. Ich war damals dabei, als wir die allererste Geländestrecke in Aachen bauten. Der Untergrund wurde vorbereitet wie bei einer Autobahn, nichts wurde dem Zufall überlassen. Ausserdem musste die Strecke medienkonform sein: Die Zuschauer sollten von ihrem Standort aus Start und Ziel wie auch den grössten Teil der Strecke sehen. Und die Hindernisse wurden technisch anspruchsvoller, wobei die Grenzen des Möglichen bisweilen vielleicht etwas allzu sehr strapaziert werden, wie zuletzt an den Olympischen Spielen in Rio.

Ist Geländereiten ein Risikosport?
Da die Reiter im CC-Sport mit guter Schutzausrüstung ausgestattet sind, entsteht der Eindruck, es sei sehr gefährlich. Wenn Pferd und Reiter jedoch sorgfältig an neue Aufgaben herangeführt werden und konzentriert bei der Sache sind, ist es kein Risikosport. Fehlt aber die nötige Basisausbildung, kann schon das Führen von Pferden an der Hand zum Risiko werden. Es liegt in der Natur der Pferde, sich in unwegsamem Gelände zu bewegen. Das wird beim Geländereiten nur noch ausgefeilt.

Pro – Geländekurse von und für jedermann

Barbara Spejchalowa. Barbara Spejchalowa.

Barbara Spejchalová gibt seit vier Jahren Geländereitkurse in der ganzen Schweiz. Sie ist selbständige Bereiterin, J+S-Trainerin und Vereinstrainerin sowie aktive Turnierreiterin.

Wie entstand die Idee, Geländereitkurse zu organisieren?
Ich begann im Alter von 15 Jahren Military zu reiten und entsprechende Kurse zu besuchen. Da ich immer Pferde verschiedenster Rassen ritt, nahm ich manchmal auch Haflinger oder Freiberger zu diesen Kursen mit. Oftmals wurde ich belächelt und mein Wunsch, auf die Möglichkeiten des einzelnen Pferdes einzugehen, nicht berücksichtigt. Es wurde erwartet, dass jeder Kursteilnehmer mit den Sportpferden mithält. Da war kein Platz für individuelle Bedürfnisse. So beschloss ich, selbst Geländetrainings zu organisieren, an denen wirklich jedes Pferd-Reiter-Paar willkommen ist. Die Nachfrage war von Anfang an gross und ist bis heute ungebrochen, obwohl immer mehr Anbieter solcher Geländereitkurse sich ein Stück vom Kuchen abschneiden möchten.

Was sind die schönsten Momente an solchen Geländereitkursen?
Es gibt eigentlich an jedem Kurs diese Momente, wo Reiter und Pferde über sich selbst hinauswachsen. Das kann ganz im Kleinen geschehen. Manche Reiter sind zu Beginn des Trainings überzeugt, sie werden dieses oder jenes Hindernis an diesem Tag bestimmt nicht springen, und tun es am Schluss dann doch, weil Pferd und Reiter bereit sind dafür. Manchmal steige ich an den Kursen auch selbst in den Sattel, um dem Reiter zu zeigen, dass das Pferd ein bestimmtes Hindernis überwinden kann. Anschliessend meistern sie es dann gemeinsam und sind überglücklich – und ich auch.

Wer kommt zu den Kursen?
Vom Freizeitreiter mit Westernsattel bis zum erfahrenen CC-Turnierreiter habe ich alles in meinen Trainings. Jeder hat seine eigenen Ziele und Ambitionen. Meine Aufgabe ist es dann, die Fähigkeiten von Reiter und Pferd richtig einzuschätzen und sie sorgfältig an die Aufgabe heran-zuführen, ganz individuell nach den jeweiligen Wünschen und Möglichkeiten. So stimmen die Anforderungen für Pferd und Reiter. Alle werden «süchtig» und kommen wieder zu einem Geländetraining.

Welche reiterlichen Voraussetzungen muss man mitbringen?
Bei mir eigentlich keine. Man kann meine Kurse auch ganz ohne Reiten, nämlich mit Handpferd, absolvieren. Die Pferde müssen auch nicht eingesprungen sein. Wenn sie umsichtig an die Aufgabe herangeführt werden, ist das Überwinden der Naturhindernisse ganz intuitiv.

Passieren oft Unfälle?
Natürlich fällt immer mal wieder jemand vom Pferd. Aber die Sicherheit von Pferd und Reiter ist mir ein grosses Anliegen. Deshalb gehe ich bei der Schutzausrüstung keine Kompromisse ein. Man verlässt bei diesen Trainings eine gewisse Komfortzone, deshalb kann es schon mal zu Stürzen kommen. Aber die sind meist harmlos. Einsteigern erkläre ich jeweils zu Beginn des Kurses die Grundlagen des Geländereitens. Das schafft Sicherheit und ist auch später auf Ausritten hilfreich. An mehrtägigen Kursen biete ich zudem Video- und Fotoanalysen der eigenen Ritte und der Ritte internationaler Top-Reiter. So kann man mentale Bilder abspeichern und sitzt nochmals sicherer im Sattel beim nächsten Training.