Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

Menü
Concours Complet
Concours Complet

Interview mit Jasmin Gambirasio: «Ich habe Krafttraining und Balance- Übungen auf ‹Ruby› gemacht»

14 Dezember 2015 10:35

Die Schweizer Concours-Complet-Elitekaderreiterin Jasmin Gambirasio verbrachte mehrere Monate dieses Jahres mit ihren Pferden in Grossbritannien. Nun ist sie für einige Wochen zurück in der Schweiz. Das «Bulletin» hat sie anlässlich des CC-Forums getroffen.

Jasmin Gambirasio und That's It an der EM 2015 in Blair Castle (GBR). Jasmin Gambirasio und That's It an der EM 2015 in Blair Castle (GBR).

«Bulletin»: Du bist seit Februar 2015 bei Chris Bartle im Yorkshire Riding Centre stationiert – was hast du konkret in dieser Zeit gelernt?
Jasmin Gambirasio: Ich habe in der Dressur viel über den Sitz im Detail gelernt, aber auch das Aufgabenreiten. Im Springen habe ich viel über den Gehorsam des Pferdes und ebenfalls über die Sitzeinwirkung und Kleinigkeiten, wie Stellung etc., gelernt. Im Gelände hat bei mir sehr viel beim Sitz geändert, ich reite vom Stil her mehr wie ein Jockey mit kürzeren Bügeln und besserer Balance. Beim Geländeablaufen liegt der Blick im Fokus. Chris hat sogenannte Cross Country Rules, die alles im Detail beschreiben.

Des Weitern habe ich von ihm viel über Fütterung und Management und regelmässige Tierarzt-Kontrollen erfahren. Ich konnte extrem vom Mentalen profitieren, wie man eine positive Einstellung und die Motivation bei Negativerlebnissen behält und den Blick nach vorne nicht verliert. Ich selber habe Fitness-/Krafttraining und Balance-Übungen auf «Ruby», unserem Holzpferd, gemacht.

Wen hast du mitgenommen?
Ich reiste mit meinem Championatspferd That’s it, meiner 7-jährigen Nachwuchsstute, die in der Schweiz erst Springprüfungen lief, dem gesponserten 9-jährigen Tempo de Laume, der den Schritt bis Einstern schaffte, und zwei weiteren gesponserten Pferden, die ich nun aber nicht mehr im Beritt habe, nach England. 

Wie sieht dein Alltag aus?
Ich habe ein Zimmer vor Ort und versorge meine Pferde selber, füttere und miste also drei Mal täglich, bringe sie auf die Führanlage und Weide und reite alleine oder in einer Reitstunde bei Chris. Wenn ich Turnier habe, fahre ich je nach Zeitplan alleine oder mit einem Groom hin. Wenn Chris zuhause ist, fährt er für grössere Turniere ebenfalls hin und reitet mit mir Dressur und Springen ab, wir gehen zusammen das Gelände ab und er schaut dann zu, um es anschliessend zu analysieren.

Wie bist du in die Saison gestartet?
Die ersten beiden Turniere liefen sehr gut. Das dritte Turnier war bereits die erste Drei­sterneprüfung, die von Ian Stark, der später im Jahr die Europameisterschaft in Blair Castle baute, gebaut war und entsprechend als EM-Vorbereitung sehr anspruchsvoll war. Chris und ich haben analysiert, weshalb es nicht gut lief, und das Training entsprechend angepasst. Er musste mich und mein Pferd und ich ihn zuerst besser kennenlernen, danach ging es wieder aufwärts. 

Was waren Highlights?
Hartpury war ein super Turnier, eines der schwierigsten Dreisterne-Gelände, das ich je geritten bin, und es lief auch gut. Die EM war ebenfalls toll – bis ich dann leider beim Coffin runterfiel. Aber auch meine junge Stute, die ihr CC-Debüt in England gab, macht super Fortschritte. 

Was unterscheidet den CC-Sport in Gross­britannien von dem in der Schweiz?
Es ist kein Vergleich! Grossbritannien ist viel grösser, hat mehr Land und mehr Reiter und bietet tolle Kulissen. Die Turniere sind unkomplizierter, aber professionell organisiert. Der Geländebau ist von 80 Zentimetern bis zu Dreistern super. Für junge Pferde sind die nationalen Turniere besonders geeignet. Auch das Prüfungsangebot ist viel grösser, es werden sozusagen jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag nationale Eintagesprüfungen angeboten.

Im Frühling trainieren wir etwas mehr, danach laufen die Pferde ein paar aufeinanderfolgende Turniere. Im Juli ist ein Prüfungsloch, da haben die Pferde etwas Pause. Im Herbst folgen dann nochmals viele Turnierangebote. Es gibt auch viele Trainingsstrecken, die besonders für junge Pferde geeignet sind, die so ins Laufen kommen. Hat man ein konkretes Problem, wird es zuhause nachgestellt. Bei uns stehen bis April die festen Hindernisse auf dem Sandplatz, danach trainieren wir im Paddock auf Gras.

Inwiefern unterscheiden sich die nationalen Prüfungen von unseren?
Die Dressur ist bei uns immer auf Gras, was es für die Organisatoren einfacher macht, acht Dressurvierecke nebeneinander aufzustellen. Die Richter sitzen in Autos und die Vierecke sind lediglich mit ein paar Stangen begrenzt. Die geforderten Aufgaben sind einfacher und bis Stufe Novice kann frei gewählt werden, ob man im Leichttraben oder im Aussitzen reiten möchte. Im Springen steht bis auf die Kombinationen den ganzen Tag derselbe Parcours. Der Zeitaufwand ist viel geringer. Ich absolvierte mehrfach innerhalb von drei Stunden alle drei Teilprüfungen mit zwei Pferden und konnte danach wieder nach Hause fahren. 

Inwiefern unterscheidet sich der Geländebau auf der grünen Insel von unserem?
In England bemühen sie sich extrem um guten Boden. Die Strecken sehen immer super aus, alle sind trassiert. Die Hindernisse sehen schon in Einsteigerprüfungen aus wie in grossen, einfach in Miniatur. Ein Buschoxer beispielsweise ist einfach nur 80 Zentimeter hoch, aber gleich aufgebaut. Die Reiter werden zum Nachdenken gezwungen, für die Pferde sind die Aufgaben immer fair und klar gebaut.

Warum funktioniert die Besitzerkultur so gut in Grossbritannien und was für einen Return erhalten die Besitzer?
Es hat historische und kulturelle Hintergründe, da bereits die Queen geritten ist. Der Reitsport hat einen anderen Stellenwert. Die Besitzer in England haben einen gewissen Stolz, ein CC-Pferd zu besitzen. Sie reisen an grosse Turnier, wo ihre Pferde an den Start gehen. An internationalen Turnieren gibt es jeweils ein Essenszelt, wo sie sich gratis verköstigen können. Sie erhalten auch Gratiseintritte und Parkkarten. Während der Geländeprüfung werden sie vom Speaker mehrfach als Besitzer erwähnt. 

Was vermisst du von der Schweiz?
Bambusbesen und Schoggi (lacht). Ich muss ein paar solche Besen mitbringen, weil die in England nicht erhältlich sind.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus – Lust, Badminton zu reiten?
Ich bin seit einer Woche in der Schweiz und arbeite in einem Büro. Meine Pferde genies­sen währenddessen Weideferien in Yorkshire. Anfang Januar reise ich wieder nach Nordengland, um weiterhin möglichst viel von Chris zu profitieren. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, bei sonst jemandem zu trainieren. Ziel ist es, uns gut für die nächste Saison vorzubereiten und meine Existenz als Berufsreiterin aufzubauen – wo auch immer ich irgendwann landen werde … Nächste Saison kennt Chris mich und meine Pferde und ich ihn besser, da beginnen wir nicht bei Null. In Badminton war ich als Zuschauerin. Dort starten – wenn die Zeit reif ist und ich das richtige Pferd dazu habe. Mal schauen, wie die nächste Saison läuft …

Tamara Acklin