Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Concours Complet
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Von B2 bis CCI 3* in weniger als zwei Jahren: «Das Adrenalin, das ich in dieser Disziplin verspüre, ist unglaublich»

16 Dezember 2014 11:31

Die 30-jährige Mélody Jaggi hat ihre Erwartungen an sich und ihr Pferd Frimeur du Record CH bei weitem übertroffen. Das Paar schaffte dieses Jahr den Sprung ins Elite-Kader Concours Complet. Das Spezielle ist: Ihr erstes Vielseitigkeitsturnier bestritten die beiden aber erst Anfang 2013. CC-Aufsteigerin Mélody Jaggi im Gespräch.

«Bulletin»: Sie haben die Saison 2014 mit einer 3-Sterne-Prüfung abgeschlossen und sind nun im Elite-Kader. Hat sich in Ravenna (ITA) alles so abgespielt, wie Sie es geplant hatten?
Mélody Jaggi: Wir hatten eigentlich vor, erst im Laufe 2015 mit 3-Sterne-Prüfungen anzufangen... Aber die Saison 2014 verlief so gut, dass wir uns entschlossen haben, ein 3-Sterne-Turnier am Ende der Saison zu bestreiten. Es ging vor allem ums Ausprobieren, um zu schauen, wie das Pferd reagieren würde und ob Frimeur (und ich) mutig genug sind. Frimeur hat gezeigt, dass er den Drang und die nötige Kraft hat, um auch diese Kategorie zu meistern.

Ihr 3-Sterne-Debüt entspricht Ihrem 14. Start im CC! Wie sieht Ihre Laufbahn im Reitsport davor aus?
Ich habe letztes Jahr an einem B2 in Eiken mit CC begonnen, weil Benoît, den ich übrigens im Januar heirate, mich dazu herausgefordert hatte. So hat es angefangen! Das Adrenalin, das ich in dieser Disziplin verspüre, ist unglaublich! Bis dahin hatte ich vor allem an Springturnieren teilgenommen. Ich hatte ein paar schöne Resultate bei den Junioren erzielt, wie den 9. Rang an der Junioren-Schweizermeisterschaft, und war 2009 ins Kader der jungen Springreiter aufgenommen worden.

Jürg Notz hat mir während dieser Zeit sehr geholfen. Sonst habe ich in der Dressur an kleinen Prüfungen teilgenommen, diese Disziplin hat mir aber immer sehr gefallen. Ich besitze auch die Fahrlizenz. Mein ehemaliger Chef Philippe Kunz ist in dieser Disziplin sehr stark und ich hatte das Glück, von ihm lernen zu dürfen. Die Arbeit bei ihm hat mich zu der gemacht, die ich heute bin.

In Chalet-à-Gobet reite ich während der Saison zwischen sechs und sieben Pferde am Tag. Wir haben sowohl Privatpferde wie auch junge Pferde aus der familiären Zucht «Peccau». Ich versuche, an Spring- und Dressurturnieren zu starten, aber mit dem CC habe ich dazu wenig Zeit. Unsere Arbeit ist vielfältig und wir unterrichten viel.

Im April 2013 sind Sie in Eiken in der Kategorie B2 gestartet. Das war Ihr erster Start im CC. Wie war Ihrer Meinung nach solch eine schnelle und erfolgreiche Steigerung möglich?
Ich kümmere mich um Frimeur du Record CH, seit er vier Jahre alt ist. Ich arbeitete damals für seinen Züchter Raymond Martin. Als Frimeur ans Ende seines vierten Lebensjahres kam, konnte ich ihn nicht mehr gehen lassen! Ich habe immer eine sehr gute Beziehung zu diesem Pferd gehabt. Bis Ende seines sechsten Jahres hat er wenig gemacht, ausser einer Grundausbildung zu Hause.

Ich denke, es war vor allem die Arbeit während dieser ersten Jahre, die es mir ermöglicht hat, so schnell in den Kategorien aufzusteigen. Die Erfahrung, die ich im Springen gesammelt hatte, hat es mir ermöglicht, die Unerfahrenheit von Frimeur auszugleichen. Er vertraut mir total.

Was sind Ihre kurz- und langfristigen Pläne? Ist die Europameisterschaft 2015 in Blair Castle (GBR) ein Ziel?
Ich würde sagen, dass ich dieses Jahr Ziele erreicht habe, die für uns etwas frühzeitig waren. Solch ein grosses Event wie die EM scheint mir etwas zu früh, trotzdem habe ich das Gefühl, mit diesem Pferd könnte ich die Sterne vom Himmel holen! Aber bleiben wir realistisch: Wenn wir uns einen Startplatz verdienen, dann gehen wir, und wenn nicht, dann warten wir eben noch!

Sie und Ihr neunjähriges Pferd Frimeur du Record CH seid ein gutes Team. Was sind Ihre Stärken und Schwächen?
Ich reite Frimeur, seit er vier Jahre alt ist. Ich kenne ihn sehr gut, wir lernen zusammen und wir entwickeln uns in dieser Disziplin zusammen. Die Dressur ist für uns nicht einfach. Frimeur hat einen langen Rücken, der schwer zu unterstützen ist, aber er macht seinem Namen alle Ehre, weil er ganz bewusst vor den Richtern «angeben» kann! Im Cross hat Frimeur nicht die ideale Galoppade, aber er liebt es und will immer über das Hindernis kommen. Er hat das Ziel des Spiels sehr gut verstanden! Den Springparcours meistern wir meistens gut, obwohl er wegen dem Cross etwas den Respekt verloren hat. Dennoch weiss er, dass die Stangen im Spring­parcours runterfallen können!

Er ist schlau, scheut aber manchmal ein bisschen. Im Stall bleibt er ruhig, ein echter Nachdenker! Aber Achtung, beim Ausreiten fürchtet er sich vor Pfützen, Baumstämmen und etwas zu hohen Grasbüscheln. Was für eine Persönlichkeit!

Sie leben auf der Reitanlage in Chalet-à-Gobet bei Familie Johner. Mit wem trainieren Sie?
Zuhause trainiere ich Dressur mit Lise Johner, Springen mit Benoît und Jean-François Johner und für die Ausdauer erstelle ich mir selbst Trainingspläne. Letzteres werde ich nun am meisten trainieren müssen, damit Frimeur seinen Galopp verbessern kann.

Im Alltag arbeiten wir als Familie zusammen. Ich habe nicht immer Zeit, regelmäs­sige Trainings zu organisieren. Wir vertrauen einander und jeder Einzelne steht zur Verfügung, falls es Probleme geben sollte. Ich bin der Familie Johner sehr dankbar, denn ohne deren Unterstützung für meine Auslandstarts könnte ich mir dieses unglaubliche CC-Erlebnis nicht leisten.

Vor grossen Events gehe ich auch zur Hauptprobe zu René Aberlé nach Vulbens. Dies ermöglicht mir, mich für einen wichtigen Cross optimal vorzubereiten. Am liebsten würde ich bei einem international erfolgreichen CC-Reiter ein Praktikum machen, um mich zu verbessern und dazuzulernen. Ich hoffe, dass ich mit der Schweizer Equipe die Möglichkeit haben werde, mich in gemeinsamen Trainings weiterzuentwickeln.

Sind Sie Bereiterin? Reiten Sie regelmässig auch andere Pferde?
Zuerst habe ich eine Ausbildung an einer Handelsschule absolviert. Anschliessend hat sich kurzzeitig die Möglichkeit geboten, mit Pferden zu arbeiten, und dann wollte ich nicht mehr damit aufhören! So habe ich die Lehre zur Bereiterin gemacht und anschlies­send noch den eidgenössischen Fachausweis. Ich unterrichte auch Lehrlinge der «Pferdeberufe» in Granges-Vernay, helfe seit diesem Jahr bei den praktischen Kursen der Lehrlinge in Chalet-à-Gobet und fungiere als Expertin bei den Lehrabschlussprüfungen. Das ist viel Arbeit, aber ich finde es interessant, mit den Lehrlingen in Kontakt zu sein.
Dieses Jahr hatte ich die Möglichkeit, etwa zehn Pferde an Turnieren zu reiten, ein paar schöne L-Prüfungen in der Dressur zu bestreiten und Prüfungen über 130 cm im Springen zu machen. Dazu kommt das 3-Sterne-Debüt im CC. Tolle Erfahrungen!

Nächsten Jahr findet im Rahmen der Equissima ein internationales 2-Sterne-CC-Turnier in Chalet-à-Gobet statt. Machen Sie mit? Was erwartet uns?
Marc-Henri Clavel organisiert 2015 dieses internationale 2-Sterne-Turnier mit der grosszügigen Unterstützung der Stadt Lausanne. Die Dressur- und Springprüfungen werden wie in den letzten Jahren auf der Anlage in Chalet-à-Gobet stattfinden. Die Geländeprüfungen hingegen werden auf der anderen Strassenseite auf einem Platz ausgetragen, der zu Fuss in fünf Minuten von der Anlage zu erreichen ist. Eine grosse Tribüne wird es den Zuschauern ermöglichen, fast den ganzen Gelände-Parcours zu sehen. Wir freuen uns sehr! Ein 3-Sterne-Turnier zu organisieren ist natürlich unser aller Traum, aber das OK möchte zuerst diesen 2-Sterne-Wettkampf perfekt ausführen und so Erfahrungen sammeln, bevor die Latte noch höher gesetzt wird.

Der einzige Nachteil ist der Zeitpunkt: Die Europameisterschaft findet direkt in der Woche danach statt, wir hatten aber unser Datum schon lange festgelegt. Wir werden also unser Bestes geben, damit die Teilnehmer und die Zuschauer dieses Event in ihrem Kalender für die nächsten Jahre eintragen.

Ihr schneller Aufstieg zeigt, dass man unter guten Bedingungen im CC sehr schnell vorwärts kommen kann. Was raten Sie jungen Reitern und CC-Begeisterten, um Fortschritte zu machen?
Ich rate ihnen, keine Disziplin zu vernachlässigen, vor allem nicht die Dressur, die die nötige Harmonie und Genauigkeit mit sich bringt, die es für das Springen und den Cross braucht. Das Gelände entwickelt die Ausdauer und den Mut, und das Springen zeigt, ob die Pferde sich erholt haben und wie präzise der Reiter ist. Alles ist schön!

Was wünschen Sie sich für die Disziplin Concours Complet in der Schweiz?
Puuuuuh... Dafür fehlt mir der Überblick. Ich habe nur 14 CC-Prüfungen bestritten. Was ich aber hoffe, ist, dass die Reitklubs den Mut finden, Prüfungen für die kleinen Kategorien zu organisieren. Es ist nämlich sehr bereichernd, drei Prüfungen mit demselben Pferd zu reiten. Diese Disziplin ist ideal, um sowohl Reiter wie auch junge Pferde auszubilden. Ich weiss, was die Veranstaltung einer CC-Prüfung verlangt, und ich möchte mich hier bei allen Organisatoren von Vielseitigkeitsprüfungen in der Schweiz bedanken. Wenn es die kleinen Kategorien nicht gäbe, würde ich heute Ihre Fragen nicht beantworten. DANKE!

Tamara Acklin