Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Hinter den Kulissen des internationalen Dressursports: Gespräch mit der Grande Dame Beatrice Bürchler-Keller

17 Mai 2016 08:27

Die grossen Vierecke rund um den Globus sind ihre Welt, zuhause ist sie im idyllischen Berner Seeland. Beatrice Bürchler-Keller ist ehemalige FEI-Richterin und Besitzerin des Hengstes und Olympiakandidaten Unee BB. Sie kennt den Mikrokosmos des internationalen Dressursports wie kaum eine andere und gewährt spannende Einblicke in ihr bewegtes Leben.

Beatrice Bürchler-Keller kennt den internationalen Dressursport in all seinen Facetten. /Foto: Andrea Heimgartner Beatrice Bürchler-Keller kennt den internationalen Dressursport in all seinen Facetten. /Foto: Andrea Heimgartner

Beatrice Bürchler-Keller war die letzte Schweizer Fünf-Sterne-Richterin oder ­«Official Judge», der höchste Status im ­System der FEI. Sie hat ihre Richtertätigkeit an den Nagel gehängt, da ihr Pferd Unee BB unter der jungen Reiterin Jessica von Bredow-Werndl in das deutsche Championatskader berufen wurde. Ob ihr das Richten fehlt? «Nein», so Bürchler-Keller. «Das war eine schöne Zeit, aber jetzt ist Unee da.» Nur der Kontakt zu den ehemaligen Richterkollegen fehlt ihr, denn der ist ihr als Pferdebesitzerin untersagt.

Wie alles begann
Beatrice Bürchler-Keller ist seit Kindsbeinen eine begeisterte Reiterin. In jungen Jahren traf man sie auf der Zürcher Hardwiese, wo sie die Jungendreitkurse der legendären Frau Schoel­ler besuchte, und später auf dem Hof von Barbara von Grebel, wo sie eine vorübergehende Heimat fand. Nachhaltig geprägt hat sie insbesondere der Unterricht bei Georg Wahl.

«Nach dem Unterricht durfte ich nicht einfach auf der Tribüne sitzen und ihm beim Reiten zuschauen. Ich musste ihn richten und erklären, was gut war und was nicht. Wir haben jeweils bis in die späten Abendstunden über das Reiten gesprochen.» Ihre Hochachtung vor diesem aussergewöhnlichen Pferdemenschen ist noch immer spürbar. «Als er mir das Du anbot, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen!» So verdiente sich die zierliche Reiterin die Sporen und erlangte Grand-Prix-Reife.

Rehbein, Klimke und Co. zum Einstieg
An ihren ersten Einsatz als internationale Richterin kann sich die bescheidene Zürcherin noch lebhaft erinnern. «Ich war unheimlich nervös! Da standen Karin Rehbein, Rainer Klimke und andere grosse Namen auf der Startliste, die ihre jungen Pferde vorstellten. Ich dachte: Die kann ich doch nicht richten!» Aber mit der Zeit gewann sie Selbstvertrauen, auch wenn vor wichtigen Ereignissen eine gewisse Nervosität immer blieb. «Vor den Olympischen Spielen in Athen habe ich kein Auge zugetan. Ich war nervös, bis ich am Richtertisch sass. Dann fiel die ganze Aufregung von mir ab, ich war auf meine Aufgabe fokussiert und vergass alles um mich herum.»

Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg
Beatrice Bürchler-Keller ist überzeugt: Wer als Richter C bestehen möchte, muss sich stetig weiterbilden, selbständig und auch neben den obligatorischen Richterkursen. Man muss lesen, als Zuschauer an Turniere gehen – insbesondere auch ins Ausland, sich mit Richterkollegen aus aller Welt austauschen und immer auf dem neusten Wissensstand sein. «Früher gab es bei Richtern C den Posten des Programmkontrolleurs.

Seine Aufgabe war es, sicherzustellen, dass der Reiter im Viereck keine Programmfehler macht. Ich nutzte dies oft, um zu guten Richtern ins Häuschen zu sitzen, ihre Benotung und Kommentare zu hören und den Ritt zu beobachten. Als Schreiber sieht man nur das Notenblatt und kann den Ritt nicht verfolgen. Wer aber einem guten Richter bei der Arbeit über die Schultern schaut, lernt mehr als bei jedem Richterkurs.» Nicht zuletzt haben auch die intensiven Gespräche mit Trainergrössen wie Uwe Schulten-Baumer oder George Theodorescu ihren Wissenshorizont erweitert und sie zu einer weltweit gefragten Richterkapazität gemacht.

«Nicht jeder gute Reiter ist auch ein guter Richter. Andererseits gibt es Trainer, die ausgezeichnete Richter abgeben. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Richter mitbringen muss, ist Charakterstärke. Wenn die Trainer kommen, um eine schlechte Benotung zu beanstanden, muss man sachkundig antworten können, sonst ist das ein Todesurteil. Ich selbst habe harte Diskussionen erlebt, hatte jedoch immer einen guten Kontakt zu Reitern und Trainern, da mich dieser Austausch weiterbrachte.»

Gerade den Austausch mit ausländischen Richtern, Reitern und Trainern erachtet die anerkannte Expertin als zentral. Auch an Richterkursen wäre es sehr wünschenswert, wenn renommierte Grössen aus dem Ausland zum Wissenstransfer beitragen könnten. Ebenfalls als eine sehr positive und wichtige Entwicklung für den Schweizer Dressursport sieht sie, dass dieses Jahr im Rahmen des CHI Genf wieder ein interna­tionales Dressurturnier ausgetragen wird – eine grosse Chance, ausländische Reiter und Richter hautnah zu erleben.

Und noch etwas möchte sie jedem Richter ans Herz legen: «Man darf nicht nur Bewegungen bewerten und ob die Fersen schön tief sind. Wenn das Pferd vor dem Richter vorbeigeht, muss man ihm auch in die Augen schauen. Die sagen einem, wie es dem Pferd geht.»

Altes Wissen geht verloren
Nach den Entwicklungen im internationalen Dressursport befragt, beginnen die Augen von Beatrice Bürchler-Keller zu leuchten: «Die Pferde werden immer besser! Manchmal reicht dann vielleicht einfach das reiterliche Können nicht bis ganz an die Spitze.» Was sie hingegen sehr bedauert, ist, dass die Schuld, wenn etwas nicht klappt, allzu oft dem Pferd, dem Trainer oder den Richtern zugeschoben wird. Das gab es früher nicht, man habe Respekt gehabt vor den Grossen des Reitsports.

Und: «In der Schweiz fehlen heute Pferdemenschen wie Georg Wahl. Das ist ein Problem, denn so geht altes Wissen verloren.» Insgesamt sieht die erfahrene Richterin jedoch eine erfreuliche Entwicklung im Spitzensport: «Mir scheint, man sieht heute weniger steife Rücken und Gestrampel als noch vor einiger Zeit. Es wird wieder mehr Wert auf Harmonie und Lockerheit gelegt.» 

Auf nach Rio?
Den besten Beweis für diese erfreuliche Entwicklung im internationalen Dressursport liefert ein Pferd im Besitz von Beatrice Bürchler-Keller gleich selbst: der imposante KWPN-Hengst Unee BB. Unter dem Sattel der talentierten deutschen Kaderreiterin Jessica von Bredow-Werndl ist er einer der Olympiakandidaten des deutschen Teams. Wie es zu dieser Zusammenarbeit kam? «Jessi träumte davon, Unee zu reiten.

So besuchte sie mich eines Tages in der Schweiz, und schon beim ersten Reiten war die Harmonie zwischen den beiden offensichtlich. Am zweiten Tag wollte sie dann noch etwas mehr Zeit mit Unee verbringen und sehen, wie er im Alltag so ist. Dann ritt sie ihn ohne Sattel. Das war fantastisch.» Heute, vier Jahre später, scheint das Olympiaticket für das elegante Paar zum Greifen nah. Wagt man überhaupt schon daran zu glauben? «Die definitive Entscheidung, wer in Rio dabei ist, fällt rund drei Wochen vor den Olympischen Spielen. So lange kann man nicht warten. So werden bereits alle Papiere vorbereitet, die Flugtickets sind gebucht.» Natürlich wird es sich die stolze Pferdebesitzerin nicht nehmen lassen, ihre Schützlinge live vor Ort zu unterstützen, wenn es denn so weit kommen sollte. 

«BB»-Pferdestars von morgen
Wenn es mit der Reise nach Rio dieses Jahr nicht klappt, kann Jessica von BredowWerndl dennoch zuversichtlich in die Olympia-Zukunft blicken. Denn dank der grosszügigen Mäzenin Beatrice Bürchler-Keller stehen ihr mit Zaire BB, Dalera BB und Ferdinand BB gleich drei talentierte Nachwuchspferde mit BB-Qualitätssiegel zur Verfügung, deren Namen man sich heute schon merken sollte.

Cornelia Heimgartner

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