Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Para-Equestrian
Para-Equestrian

Neuer Wind, neues Leitungsteam, neue Ideen und ein grosser Aufruf

22 Januar 2016 15:00

Während der «normale» Reiter ganz selbstverständlich sein Dressurprogramm vorbereitet und reitet, läuft das fast genau Gleiche bei einem Para-Equestrian-Reiter ab – vielleicht etwas weniger selbstverständlich, aber nicht mit weniger Leidenschaft. Von der Basis bis zum hohen Niveau fehlen der Schweiz jedoch Reiter. Darum ist der Schweizerische Verband für Pferdesport nun auf der Suche nach motivierten und ambitionierten Para-Reiterinnen und -Reitern, die Mitglied des Schweizer Kaders werden möchten.

Para-Reiterin Rahel Meyer. Foto: Caroline Schunk Para-Reiterin Rahel Meyer. Foto: Caroline Schunk

Die Schweizer Farben an internationalen Wettkämpfen und an Meisterschaften vertreten, am liebsten als Mannschaft, das ist eines der Ziele des ganz neu aufgestellten Leitungsteams der Disziplin Para-Equestrian des SVPS. Das Team besteht neu aus der Disziplinleiterin Claudia Gunziger, Chefin Sport Caroline Häcki, Chefin Administration Luana Bergamin und Disziplintierärztin Selma Latif. Vakant ist noch der Posten Chef Technik.

Was ist Para-Equestrian überhaupt?
Para-Equestrian ist eine paralympische Disziplin und ein Leistungssport für Menschen mit einer unfallbedingten oder angeborenen Körper- oder Sinnesbehinderung. Unter Para-Dressage versteht man Dressursport mit dem Partner Pferd, wobei für den Reiter das Machbare zählt und Fehlendes durch Hilfsmittel ersetzt wird. Die Einschränkungen werden je nach verfügbarer Kraft und Koordination in unterschiedliche Grade (I–IV) eingeteilt, bei denen Reiter mit dem schwerwiegendsten Handicap in Grad I starten. Pferde von Grad-I- und II-Reitern dürfen an Wettkämpfen bis kurz vor dem Start von einem validen Reiter vorbereitet werden.

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Para-Equestrian-Sport in der Schweiz kontinuierlich aufgebaut worden. Dabei konnten Erfahrungen auf internationaler Ebene gesammelt und von der Zusammenarbeit mit anderen Nationen profitiert werden.

Bald war aber absehbar, dass in der Schweiz die Möglichkeiten für eine breit abgestützte Athletenbasis fehlen und sich die Aufgaben der Disziplin vorerst auf wenige Sportler beschränken würden. Dies soll nun geändert werden mit einem Infotag mit Sichtungstraining Ende Februar. An diesem werden interessierte Reiterinnen und Reiter, die eine unfallbedingte oder angeborene Körper- oder Sinnesbehinderung haben, eingeladen vorzureiten. Sie können sich auch gleich «graden», also in ihren entsprechenden Grad einteilen lassen.

Integration in den Regelsport
Um den Parasport wo immer möglich in den Regelsport zu integrieren, wurde PE-Dressage auf nationaler Ebene gemäss den Strukturen und Reglementen von SVPS und FEI aufgebaut. Mit der Anerkennung der Para-Equestrian-Identitätskarte PEID, dem Ausweis für eine Starterlaubnis mit zusätzlichen Bestimmungen, wurde diesbezüglich ein wichtiger Schritt getan. In aller Regel starten die meisten Schweizer Para-Reiterinnen und -Reiter in regulären Prüfungen, dürfen aber entsprechend ihrem Grad Hilfsmittel nutzen.

Die PE-Reiter dürfen aufgrund ihrer Einschränkungen Hilfsmittel wie angepasste Sättel, spezielle Zügel usw. einsetzen. Die Gradeinteilung basiert nicht auf der diagnostizierten Behinderung, sondern auf der Funktionsfähigkeit des Körpers. Für eine Einstufung sind die Einschränkungen in 
Sachen Leistung, Kraft und Koordination massgebend und werden auf der PEID entsprechend ausgewiesen. 

Allein die Leistung zählt 
Die Beurteilung und Bewertung im Wettkampf ist Sache der Richter: Es zählt allein die sportliche Leistung – für Mitleid oder Bonuspunkte ist kein Platz. Grundsätzlich gibt es im Vergleich zum Regelsport für die Bewertung einer Lektion keinen Unterschied – auf dem Weg zum Ziel hingegen schon: Wird beispielsweise eine Wendung mit einer leichten Drehung des Kopfes in die Reitrichtung eingeleitet, liegt der Unterschied des Schwierigkeitsgrades in der Ausführung, in diesem Fall im Gleichgewicht.

Der Regelsportler wird seine Gewichtsverlagerung problemlos und automatisch ausbalancieren, ein Grad-Ib-Reiter zum Beispiel muss dafür bewusst mit seinem Pferd zusammen eine Lösung suchen. Bei stark eingeschränktem Sehvermögen können «Caller» (Zurufer) als Orientierungshilfe oder aufgrund eines medizinischen Attests ein «Commander» (Vorleser) eingesetzt werden.

Geschichte und Entwicklung  
Der Einsatz des Pferdes für Menschen mit einer Behinderung lässt sich in der Geschichte der Menschheit über 2000 Jahre weit zurückverfolgen. Als Leistungssport ist Para-Equestrian dagegen eine sehr junge Sportart. An den Weltmeisterschaften 1991 in Dänemark und an den Paralympics 1996 in Atlanta sind zum ersten Mal Titel und Medaillen in der Disziplin Para-Equestrian Dressage vergeben worden. 

In der Schweiz wurden ab dem Jahr 2000 die ersten Erfahrungen für Menschen mit einer Körperbehinderung im Pferdesport auf Stufe Leistungssport gesammelt und durch die Teilnahme an den Paralympics 2004 in Athen (GRE) und an den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky (USA) gekrönt. Bis zu den Paralympics 2004 starteten die Reiter auf zugelosten Fremdpferden des Gastgeberlands. Mit der Umstellung von Leih- auf eigene Pferde ist nicht nur das Niveau der reiterlichen Leistungen, sondern auch die Qualität der Pferde beachtlich gestiegen, was bis heute unvermindert anhält. 

Im Jahre 2006 ist Para-Equestrian vom Weltreiterverband FEI offiziell als achte Disziplin anerkannt und damit Pferdesportarten wie Springen, Dressur, Fahren usw. gleichgestellt worden. 2010 wurden erstmals Weltreiterspiele in allen acht Disziplinen ausgerichtet, was den Pferdesport in der gesamten Sportwelt zu einem Vorreiter für die Integration des Parasports macht.

Nicole Basieux

Einladung Para-Equestrian

«Para-Equestrian ist eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten»

Fragen an Claudia Gunziger, neue Disziplinleiterin Para-Equestrian des SVPS

Bulletin»: Was hat Sie dazu bewogen, den Posten der Disziplinleiterin Para-Equestrian zu übernehmen?
Claudia Gunziger: Ich interessiere mich schon seit einiger Zeit für den Para-Sport und habe viel Freude daran. Vor etwa drei Jahren habe ich das erste Mal an einem Training mit Franz-Martin Stankus mitgemacht. Er trainiert neben den Schweizer Para-Reiterinnen auch den erfolgreichen Paralympics-Sieger und Vizewelt- sowie mehrfachen Europameister Pepo Puch. Eine gute Freundin von mir ist Para-Reiterin und da sie bei uns auf dem Hof reitet, habe ich den Sport näher kennen gelernt. Dank den Trainings habe ich auch die anderen aktiven Para-Reiterinnen immer wieder gesehen und wusste, um was es im Para-Sport geht. Es ist eine spannende Aufgabe.

Das Leitungsteam ist ganz neu aufgestellt. Was ist das Hauptziel?
Unser Hauptziel ist ganz klar, dass wir eine Equipe für Nationenpreise und Meisterschaften zusammenstellen können. Das bedeutet konkret, dass wir speziell auf der Suche nach Reiterinnen und Reitern mit Grad I und II sind. Aktuell sind gerade mal sechs Schweizer Athleten aktiv im Para-Sport unterwegs. Wir wollen nun unbedingt mehr Leute motivieren, mitzumachen, damit wir am Ende genügend Athleten haben, die auf internationalem Niveau als Team mitreiten ­können.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
Die grösste Herausforderung ist, Para-Equestrian einem breiten Publikum zugänglich zu machen und potentielle Para-Reiter ins Boot zu nehmen. Wir wollen da unbedingt neue Wege gehen, sicher auch mit verschiedenen Partnern. Ein möglicher Partner könnte zum Beispiel das Paraplegikerzentrum in Nottwil sein. Um an interessierte und motivierte Para-Reiterinnen und -Reiter zu kommen, müssen wir jedoch die Kontakte und ein Netzwerk erst mal aufbauen.

Auf was freuen Sie sich als Leiterin der Disziplin am meisten?
Ich will etwas bewegen und für die Athleten sowie den gesamten Para-Sport einen Mehrwert generieren. Das ganze Leitungsteam möchte den Para-Sport in der Schweiz vorwärtsbringen und das treibt mich an.

Warum, denken Sie, reiten Menschen mit unfallbedingter oder angeborener Körper- oder Sinnesbehinderung eher im Regelsport mit, ohne sich einstufen zu lassen?
Hm, das ist schwierig zu sagen. Vielleicht einerseits, weil Reiter mit Grad IV auch sehr gut und ohne grosse Probleme an Wettkämpfen im Regelsport teilnehmen können. Andererseits kennen vielleicht andere die verschiedenen Möglichkeiten gar nicht. Und gerade Letzteres wollen wir mittels einer Informationsoffensive ändern!

Was erhoffen Sie sich von dem Sichtungsanlass in Zofingen Ende Februar?
Wir möchten ein breites Publikum ansprechen und das Interesse für Para-Equestrian wecken. Natürlich freuen wir uns über jeden motivierten Reiter und jede motivierte Reiterin, die etwas erreichen möchten. Vielleicht kommen ja ganz neue Leute, die wir noch nicht kennen. Und wer weiss, vielleicht sind ja auch ein oder sogar zwei Perlen darunter, die sich uns anhängen möchten – mit dem Ziel, ein Team für internationale Wettkämpfe auf die Beine zu stellen.