Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Concours Complet
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«SB Horses» - neues Abenteuer auf der grossen Insel

21 Juni 2021 09:00

Was wohl für viele ein Traum ist, ist für die 25-jährige Teresa Stokar Wirklichkeit. Die junge talentierte Concours-Complet-Reiterin wandert ins Königreich England aus - ins Pferdemekka Europas, ins Land der Fuchsjagden und Pferderennen. Dahin, wo Pferde und Pferdesport jahrhundertelange Tradition geniessen.

Teresa Stokar und Alfie Bradstock haben gemeinsam den Schritt in die Selbstständigkeit in England gewagt. (Foto: Beth Tilley) Teresa Stokar und Alfie Bradstock haben gemeinsam den Schritt in die Selbstständigkeit in England gewagt. (Foto: Beth Tilley)

«Bulletin»: Am 31. März haben du und dein Lebens- und Geschäftspartner, Alfie Bradstock, auf Facebook euer Projekt «SB Horses» bekannt gegeben. Seit Ende April bist du nun mit deinen Pferden definitiv im Königreich stationiert. Wie lange haben die Vorbereitungen gedauert?

Teresa Stokar: Eigentlich gar nicht so lange. Wir haben uns etwa Mitte März entschieden, und Alfie, der bereits seit Anfang März wieder in England ist, organisierte alles von zu Hause aus.

Man muss wissen, dass der ganze Pferdesport hier in England viel professioneller ist, es herrscht diesbezüglich eine völlig andere Kultur vor als beispielsweise in der Schweiz. Pferde haben einen anderen Stellenwert als bei uns - ohne das werten zu wollen. Es gibt hier weniger Konkurrenzdenken, als man sich das vorstellt, die umliegenden Betriebe und Trainer sowie Pferdehändler arbeiten oft zusammen. Man hilft sich, wo man kann. Das hat mich ehrlich gesagt sehr erstaunt. Wenn man hier ausreitet, kommen die Leute automatisch auf einen zu und beginnen ein Gespräch. Dies spiegelt sich natürlich auch in den Preisen in der Pferdebranche wider, die sich hier in etwa auf die Hälfte der Schweizer Preise belaufen - auch beispielsweise für einen eigenen Groom.

Pferde haben einen anderen Stellenwert als bei uns.

Viel grün und schier endlose Weiten - das ist Oxfordshire. Eine Landschaft, wie gemacht für ein Pferdebusiness. (Foto: Imago/Nature Picture Library) Viel grün und schier endlose Weiten - das ist Oxfordshire. Eine Landschaft, wie gemacht für ein Pferdebusiness. (Foto: Imago/Nature Picture Library)

Wo genau in Grossbritannien seid ihr zu Hause?

Wir leben in Oxfordshire, einer Region, die einem Concours-Complet-Mekka gleicht und die Möglichkeit bietet, quasi jedes Wochenende ein Turnier zu bestreiten - und dies mit maximal zwei Stunden Anfahrt. Gerade für junge Pferde in der Ausbildung oder auch für erfahrenere nach einer Pause ist das fantastisch. Ich werde allerdings noch circa ein Jahr zwischen der Schweiz und England hin und her pendeln, da ich mein Business-Kommunikationsstudium in Zürich noch beenden werde. Das bedeutet, ich behalte vorläufig meinen Wohnsitz in der Schweiz und habe in England ein Besuchervisum. Einmal im Monat bin ich in Zürich an der Uni, und der Rest findet ja sowieso online statt.

Wie haben deine Familie und dein Umfeld auf eure Pläne reagiert?

Nur positiv! Meine Eltern sind fast noch aufgeregter als ich … Meine Mutter hat mal in England gelebt, und mein Vater hat schon immer gesagt, dass man mit dem profimässigen Pferdesport in der Schweiz nur schwer überleben kann. Da ich auch mal eine Zeit lang bei Michael Jung und Felix Vogg im Ausland war, konnte ich das bereits mit eigenen Augen sehen und erleben. Was mein Vater noch zu dem Englandprojekt sagte, war: «Bitte mach einfach, dass ich nicht nach Badminton zuschauen kommen muss!» Das Vielseitigkeitsturnier der Badminton Horse Trials gilt als eines der schwierigsten weltweit. Mich dort reiten zu sehen, wäre wohl zu viel für die Nerven meines Vaters (lacht).

Und wie waren die Reaktionen der Pferdesportwelt auf das Projekt «SB Horses»??

Ebenfalls nur positiv. Einige haben bereits angefragt, ob sie uns Pferde zum Betreuen und Ausbilden geben können. Viele sagten, dass sie das Projekt «mega cool» fänden, und auch, dass sie sich für mich freuten. Ich denke, wenn man diese Chance hat, dann muss man sie einfach packen! Doch, ich kann sagen, der Anfang stimmt schon mal!

Wenn man diese Chance hat, dann muss man sie einfach packen!

Jagden haben in Oxfordshire Tradition. (Foto: mago/robertharding) Jagden haben in Oxfordshire Tradition. (Foto: mago/robertharding)

Alfie und du, ihr seid Geschäftspartner. Wie habt ihr euch kennengelernt? Und wie ist es dann zu dem Projekt gekommen?

Alfie arbeitete in Dielsdorf im Turnier- und Handelsstall «Optimum Horses». Da haben wir uns im Dezember 2019 kennengelernt und sind auch privat ein Paar geworden. Ich war schon immer England-Fan, und wir waren uns bereits an Nachwuchschampionaten über den Weg gelaufen, zum Beispiel an der Pony-EM 2010, wo Alfie ebenfalls mitgeritten ist und im CC auch bereits EM-Gold gewonnen hat. Mit der COVID-19-Pandemie gab es dann in der Schweiz und auf dem europäischen Festland kaum mehr Turniere. Und da Alfie Turnierreiter ist und seine Eltern Rennpferde trainieren, fragte er mich, ob ich mit nach England kommen würde. Dort hatte er bereits einen Springstall mit 15 Boxen und einem Springplatz in Aussicht, auf dem gleichen Grundstück, auf dem der Betrieb seiner Eltern steht, rund fünf Minuten von ihnen entfernt. Ursprünglich war dann geplant, dass ich bis Ende Sommersemester in der Schweiz bleibe. Da aber ein Grossteil des Unterrichts sowieso online stattfand, habe ich mich relativ spontan entschieden, auf Ende April nach England zu gehen. Mitunter, weil im Mai bereits viele Turniere stattfinden.

Ihr seid beide Mitte Zwanzig, also noch relativ jung. Wie stemmt ihr das Ganze finanziell?

Alfie ist bzw. war bereits selbstständig. Wir hatten sehr lange Gespräche, haben einen Businessplan und ein Budget usw. aufgestellt. Es ist mir sehr wichtig, dass wir es richtig angehen und einen Plan haben. Damit hatten wir bereits im Dezember angefangen. Und nicht nur oberflächlich, sondern ganz konkret: Zum Beispiel: Wo nehmen wir das Heu und das Stroh her? Wer wird unser Kraftfutterlieferant? Gibt es Möglichkeiten für Sponsoring? Mein Vater finanziert mir den Pferdesport, seit ich sechs Jahre alt bin. Das ist ein Fass ohne Boden. Nun will ich unabhängig sein, was in der Schweiz schwierig ist. Trotzdem will ich das selbst machen und mir diesen Traum verwirklichen. Das ist ein grosses Ziel von «SB Horses». Wir sind sehr breit aufgestellt und werden mit wertvollem Wissen aus unserem Umfeld unterstützt. Das funktioniert bis jetzt sehr gut.

Was sind eure langfristigen Pläne und Ziele?

Wir wünschen uns, dass wir für die Schweizer Pferdesportler eine Basis in England werden. Alfie war bereits, bevor er in die Schweiz kam, selbstständig und hatte daher auch schon einen grossen Kundenstamm. Wir wollen uns in der Vielseitigkeit und im Springen etablieren, Trainings geben, junge Pferde ausbilden, Pferde verkaufen, Pferde trainieren. Es ist sehr gut angelaufen, denn wir haben im Stall bereits 15 Pferde, die allesamt tolle Besitzer haben. Während meines Studiums werde ich meine drei eigenen Pferde trainieren und starten sowie eventuell ein bis zwei Kundenpferde. Alfie unterrichtet viel und hat Berittpferde. Mein Ziel ist es, dass mich die Leute in der Region überhaupt mal kennenlernen, und dabei ist mein Toppferd Mr. Tomtom natürlich eine grosse Hilfe. Nach dem Studium will ich dann voll einsteigen.

Wir wünschen uns, dass wir für die Schweizer Pferdesportler eine Basis in England werden.

Oxfordshire blickt auf eine Jahrtausende alte Pferdetradition zurück, wie das Scharrbild «Uffington White Horse» beweist, das auf die Zeit um 1000 v. Chr. datiert wird. (Foto: Imago/Ardea) Oxfordshire blickt auf eine Jahrtausende alte Pferdetradition zurück, wie das Scharrbild «Uffington White Horse» beweist, das auf die Zeit um 1000 v. Chr. datiert wird. (Foto: Imago/Ardea)

Vor welchen Herausforderungen hast du am meisten Respekt?

Eigentlich freue ich mich auf alles. Ich habe etwas «Angst» vor dem Essen … (lacht herzhaft). Und etwas Respekt hatte ich vor dem Transport der Pferde nach England. Denn da hat man ja einiges an Problemen und Horrorgeschichten lesen und hören können. Ich habe die Pferde definitiv exportiert und habe mit der britischen Transportfirma «Shelley Ashman International Shipping» zusammengearbeitet, die ich unbedingt weiterempfehle. An der Grenze hat dann alles perfekt geklappt, und wir sind gut in unserem Stall angekommen.

Hast du nicht ein bisschen Angst, neben Alfie in England beruflich «unterzugehen»?

Nein, überhaupt nicht. In der Schweiz müsste ich bzw. müssten wir alles selbst machen. Klar, es braucht auch immer ein Quäntchen Glück. Jedoch habe ich schon jetzt Anfragen für Berittpferde. Auch hilft es bestimmt, dass man Alfie in der Szene gut kennt. So habe ich weniger Druck und muss nicht von heute auf morgen Geld verdienen, sondern kann quasi im «Schatten» wachsen und mein Studium beenden. Ich bin froh, habe ich einen Plan B mit der Ausbildung in Business-Kommunikation, was natürlich auch für «SB Horses» viel wert ist. Ich denke, ich werde mich sehr schnell einleben. Und noch etwas Tolles: Andrew Nicholson, der Coach des Schweizer CC-Elitekaders, wohnt lediglich 40 Minuten entfernt und hat mir auch bereits seine Hilfe und Unterstützung angeboten.

Es ist alles neu und spannend - ein tolles Abenteuer.

2019 wird Teresa Stokar mit ihrem treuen Partner Mr. Tomtom Schweizermeisterin der Elite im Concours Complet. (Foto: Vincent Mivelaz) 2019 wird Teresa Stokar mit ihrem treuen Partner Mr. Tomtom Schweizermeisterin der Elite im Concours Complet. (Foto: Vincent Mivelaz)

Hast du alle deine Pferde mitgenommen?

Ich habe vier Pferde nach England mitgenommen: Mr. Tomtom, der nach einem Jahr Pause fitter ist denn je, und noch zwei junge Pferde, die ich ausbilde. Don Johnson ist ebenfalls mit nach England gekommen, wo er einen tollen Platz bei einer Familie hat. Die grosse dunkle Stute Arina M steht in einer Zucht in Österreich und hat bereits ihr erstes Fohlen bekommen. Das zweite Fohlen wird dann meines sein.

Was planst du sportlich in diesem Jahr?

Mit den jungen Pferden möchte ich Ende Jahr auf Zweisternniveau sein. Mit Mr. Tomtom liebäugle ich mit der EM und werde versuchen, mich dafür zu qualifizieren, jedoch ohne zu pushen, da er von einer Verletzungspause zurückkommt. Ich schaue nach und nach. Ansonsten ist das Ziel bis Ende Jahr, eine lange 4*-Prüfung zu gehen. Es macht mir sehr viel Spass, mit den jungen Pferden zu arbeiten, sie auszubilden und an ein höheres Niveau heranzuführen. Es ist alles neu und spannend - ein tolles Abenteuer. Trotzdem vermisse ich die grossen Wettkämpfe, vor allem die Nationenpreise, das sind schon einzigartige Erlebnisse.

Du bist aktuell Mitglied im Perspektivkader Concours Complet des Schweizerischen Verbands für Pferdesport. Bleibst du dem Schweizer Kader erhalten?

Klar, wenn sie mich wollen und ich die Bedingungen erfülle, noch so gerne.

Das Gespräch führte
Nicole Basieux

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