Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Christoph Hess lobt den Schweizer Dressursport

20 März 2022 09:00

Die Saisonvorbereitung in der Disziplin Dressur läuft auf Hochtouren. Um eine neutrale Beurteilung des aktuellen Leistungsniveaus und der Zukunftsperspektiven der besten Schweizer Dressurreiterinnen und -reiter aller Kader vorzunehmen, konnte das Leitungsteam der Disziplin den internationalen Dressurrichter Christoph Hess für einen Lehrgang gewinnen. Auch die Schweizer S-Dressurrichterinnen und -richter profitierten an diesem Anlass vom Erfahrungsaustausch mit dem renommierten Referenten.

Dieses Lehrgangsformat gab es in der Schweiz schon lange nicht mehr: Reiter, Richter und Trainer sollten gemeinsam Ritte besprechen und beurteilen – kritisch und durchaus kontrovers – und dabei vom reichen Erfahrungsschatz des langjährigen Ausbildungsbotschafters der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und leidenschaftlichen Dressurrichters Christoph Hess profitieren. Das Interesse aller Seiten war entsprechend gross – eine einmalige Chance, die man sich nicht entgehen lassen wollte.

Meilin Ngovan mit Dreamdancer am Kadertraining in Dielsdorf. | © SVPS/C. Heimgartner Meilin Ngovan mit Dreamdancer am Kadertraining in Dielsdorf. | © SVPS/C. Heimgartner

Kommentare statt Noten

Christoph Hess war mit einem Marathonprogramm in das züricherische Dielsdorf gereist: Reiterinnen und Reiter der Elite- und Nachwuchsdressurkader, insgesamt mehr als zwanzig Paare, sollte er an diesem Tag in Aufgaben von Jungpferdeprüfungen bis Grand Prix beurteilen. Dabei stand jedoch nicht die Notengebung im Vordergrund, sondern vielmehr die – mündliche und schriftliche – Kommentierung. So kamen nicht nur die Schreiberinnen, die seine Eindrücke auf Papier festhielten, ins Schwitzen, sondern auch die Reiterinnen und Reiter, die sich direkt nach ihrem Ritt dem Kommentar von Christoph Hess stellten.

Diese direkte mündliche Rückmeldung, wie man sie heute eher von Jungpferdeprüfungen kennt, war für die Reiterinnen und Reiter, aber auch für die ebenfalls anwesenden Heimtrainerinnen und -trainer derselben äusserst wertvoll. Immer wieder betonte Christoph Hess, dass ihm die Harmonie zwischen Reiter und Pferd ganz besonders am Herzen liegt. Seinem geschulten Auge entging nicht, wenn eine Reiterin ihr Pferd besonders gefühlvoll vorstellte oder ein Reiter Lektionen intelligent vorbereitete und entwickelte. Aber auch Kritikpunkte wurden ungeschönt, jedoch stets wohlwollend geäussert.

Trotz eisiger Kälte in der Reithalle kommentiert Christoph Hess direkt nach dem jedem Ritt die gezeigte Aufgabe. V.l.n.r.: Oliver Oelrich (Nationaltrainer Dressur), Christoph Hess, Margret Dreier (Chefin Technik Dressur), Ruth Haas (Verantwortliche Elite-, Perspektiv- und U25-Kader Dressur) | © SVPS/C. Heimgartner Trotz eisiger Kälte in der Reithalle kommentiert Christoph Hess direkt nach dem jedem Ritt die gezeigte Aufgabe. V.l.n.r.: Oliver Oelrich (Nationaltrainer Dressur), Christoph Hess, Margret Dreier (Chefin Technik Dressur), Ruth Haas (Verantwortliche Elite-, Perspektiv- und U25-Kader Dressur) | © SVPS/C. Heimgartner

Wertvolle Turniersimulation

So kurz vor Saisonstart war für die Reiterinnen und Reiter die gesamte Veranstaltung eine hervorragende Übung, um wieder in den Wettkampfmodus zu kommen: Ein Vetcheck durch den Disziplintierarzt Christoph Kühnle, das örtlich getrennte Abreiten und schliesslich das Aufgabenreiten vor dem Richtergremium war für viele eine wichtige Standortbestimmung nach dem Wintertraining.

Einer, der an diesem Anlass in verschiedenen Funktionen teilnahm, war Markus Graf: Selbst auf der Anlage in Dielsdorf beheimatet, wirkte er als Dressurreiter des Perspektivkaders, als S-Dressurrichter und nicht zuletzt als Trainer seiner Tochter Robynne, die dieses Jahr als Dressurreiterin den Sprung vom Pony- ins Junioren-A-Kader geschafft hat, an der Veranstaltung mit. Sein Fazit fällt aus jedem dieser Blickwinkel positiv aus: «Der Anlass war hervorragend organisiert! Ich bin dem SVPS und allen involvierten Personen dankbar, dass sie diesen ermöglicht haben. Die Kommentare von Christoph Hess, aber auch von Nationaltrainer Oliver Oelrich zusammen mit den Videoaufnahmen waren sehr hilfreich. Ich hätte mir einzig gewünscht, dass es am Ende dann doch noch eine globale Note von Christoph Hess für die Vorführung gegeben hätte – schliesslich werden wir am Turnier auch mit Noten bewertet. Das hätte die Einordnung der Leistung, insbesondere im internationalen Umfeld, erleichtert. Der Anlass bot aber eine hervorragende Plattform, die man durchaus noch weiter ausschöpfen könnte. Der Austausch zwischen Richtern, Trainern und Reitern ist wichtig, und wenn schon so viele erfahrene und erfolgreiche Trainer an einem Ort versammelt sind, wäre es spannend gewesen, wenn man auch verschiedene Trainingsansätze hätte diskutieren können, wie man in der Praxis gewisse Mängel, die die Richter hervorgehoben haben, verbessern könnte. Das könnte ein Schwerpunkt in einem nächsten Lehrgang sein – die Initiative solcher Veranstaltungen ist jedenfalls hervorragend.»

Die amtierende Schweizermeisterin Charlotte «Tiggy» Lenherr mit Sir Stanley am Kadertraining in Dielsdorf. | © SVPS/C. Heimgartner Die amtierende Schweizermeisterin Charlotte «Tiggy» Lenherr mit Sir Stanley am Kadertraining in Dielsdorf. | © SVPS/C. Heimgartner

Gespräche auch im Richterhäuschen

Für die anwesenden Richterinnen und Richter war das Format der Veranstaltung zunächst ungewohnt, erwies sich aber rasch als gewinnbringend: In Dreiergruppen verteilt über die gesamte Tribüne verfolgten sie die Ritte, besprachen sie in der Gruppe und hielten Kommentare zu einzelnen Lektionen und eine ganzheitliche Beurteilung für das Paar fest. Ein Vorgehen, das die erfahrene S-Dressurrichterin Barbara Gorsler als sehr bereichernd empfand: «Der direkte Austausch mit den Richterkolleginnen und -kollegen war äusserst wertvoll. Es war spannend, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Gewichtungen zu diskutieren. Es war im Grunde eine Art gemeinsames Richten, wie man es in der Schweiz von Jungpferdeprüfungen und im benachbarten Ausland auch in höheren Prüfungen kennt. Christoph Hess ist für mich ein Vorbild für positive Kommentierung, und in der Kleingruppe – wie auch später im Austausch mit Trainern und Reitern – kam eine offene Gesprächsatmosphäre zustande, die wir weiter pflegen sollten. Als Richter sollten wir in unserer Bewertung und Kommentierung stets aufbauend sein und Reitern und Trainern gewissermassen Aufgaben für die weitere Arbeit stellen. Der Anlass in Dielsdorf hat diesbezüglich einen wichtigen Grundstein für einen weiteren Austausch gelegt.»

Beim abendlichen Gedankenaustausch mit den anwesenden S-Dressurrichterinnen und ­richtern stand ebenfalls der Dialog im Mittelpunkt. Christoph Hess, der auf eine über 30-jährige Karriere als nationaler und internationaler Dressurrichter zurückblicken kann, ermunterte seine Kolleginnen und Kollegen, die Kommentierung auf den Notenblättern rege zu nutzen, um dadurch die Benotung zu schärfen und zu erläutern. Mehr noch rief er dazu auf, auch im Richterhäuschen den Austausch zu pflegen: «Gespräche sind wichtig, um Unsicherheiten auszuräumen und das Gesehene einordnen zu können.» Eine interessante Ergänzung der abendlichen Veranstaltung bildete das persönliche Vorstellen des Werdegangs von je zwei Reiterinnen des Junge-Reiter-Kaders und des Junioren-Kaders, die von der langjährigen Trainerin und Kaderverantwortlichen für den Nachwuchs, Heidi Bemelmans, betreut werden.

Die anwesenden Richter:innen beurteilen und kommentieren die Ritte gemeinsam. | © SVPS/C. Heimgartner Die anwesenden Richter:innen beurteilen und kommentieren die Ritte gemeinsam. | © SVPS/C. Heimgartner

«Positive Judging»

Ein weiteres wichtiges Anliegen, das Christoph Hess bei dem Erfahrungsaustausch immer wieder betonte, war der Grundsatz des «Positive Judging», wonach Richter nicht nur nach Fehlern suchen, sondern auch das Positive hervorheben sollen – in den Kommentaren genauso wie in der Notengebung: «Wir Richter müssen unser Auge für das Gute schulen, und wenn es da ist, müssen wir es auch gut benoten!»

Dazu gehört für Christoph Hess auch, dass man einem Pferd-Reiter-Paar, dem in einer Aufgabe ein Fehler unterlaufen ist, die Chance gibt, in der nächsten Lektion eine hervorragende Note herauszureiten. Dabei verglich er das Dressurreiten mit dem Springsport: «Wenn im Parcours eine Stange fällt, muss der Reiter gleich wieder nach vorne reiten, um die restlichen Hindernisse fehlerfrei zu überwinden. Was passiert ist, ist passiert. Das muss man als Reiter sofort vergessen können. Als Richter muss man diesen Fehler ebenfalls abhaken und die nächste Lektion unvoreingenommen bewerten.»

 

Richterbewertung als Wegweiser

Als gelernter Diplompädagoge ist der Lernprozess ein Steckenpferd von Christoph Hess. So betonte er gegenüber den Richterinnen und Richtern, dass sie auch eine pädagogische Verantwortung hätten und den Reiterinnen und Reitern mit der Bewertung eine Standortbestimmung des Ausbildungsstands der zwei- und vierbeinigen Athleten mitgeben müssten: «Wenn der Reiter nach der Veranstaltung nach Hause geht, muss er wissen, woran er zu arbeiten hat!»

Der Schweizer Dressur-Nationaltrainer Oliver Oelrich, der ebenfalls anwesend war, stimmte diesem Grundsatz zu, betonte am Beispiel des Reitersitzes aber, dass reelles Richten auch Platz für Kritik bieten müsse: «Wenn die Reiterin an diesem Tag schlecht sitzt, dann soll sie dafür schlecht benotet werden, auch wenn der Richter weiss, dass sie sonst besser sitzt. Eine solche Bewertung ist besser nachvollziehbar und erhöht den Lerneffekt. Richter sollen klare Signale aussenden und gerne auch die Kommentare nutzen, um eine schlechte Bewertung zu erläutern.»

«Positive Judging» – so gehen Reiter:in und Pferd mit einem guten Gefühl aus der Reitbahn. Im Bild: Andrina Suter mit dem 7-jährigen Briatore. | © SVPS/C. Heimgartner «Positive Judging» – so gehen Reiter:in und Pferd mit einem guten Gefühl aus der Reitbahn. Im Bild: Andrina Suter mit dem 7-jährigen Briatore. | © SVPS/C. Heimgartner

Talentierte Reiter und tolle Pferde

Trotz der Kritikpunkte, die Christoph Hess sowohl in den Kommentaren direkt nach den Ritten als auch im Austausch mit den Richterinnen und Richtern bei der Videoanalyse äusserte, stellte er dem Schweizer Dressursport gut Noten aus: «Wir haben heute viele talentierte Reiterinnen und Reiter mit tollen Pferden gesehen, und zwar in allen Leistungs- und Altersklassen: vom Jungpferd über die Nachwuchsklassen bis hin zum Grand Prix. Darauf kann der Schweizer Dressursport aufbauen!»

Auch die SVPS-Sportchefin der Disziplin Dressur, Natascha Renfer, zieht eine positive Bilanz der Veranstaltung und freut sich auf den baldigen Saisonstart: «Der Lehrgang war für mich ein Meilenstein. Der Erfolg der Veranstaltung ist der hervorragenden Teamarbeit aller Beteiligten zu verdanken! Jeder hat mitgezogen und seinen ganz persönlichen Beitrag zum guten Gelingen geleistet. Zu diesem Team gehören nicht nur die Disziplin Dressur und die Geschäftsstelle des SVPS, sondern alle Akteure des Schweizer Dressursports, von den Reitern über die Trainer und Pferdebesitzer bis hin zu den Richtern. Wir als Team sind mit dem Anlass alle ein bisschen näher zusammengerückt, denn es braucht jeden einzelnen von uns, um den Dressursport weiterzubringen. Wir haben gesehen, dass der Schweizer Dressursport gut aufgestellt ist, wir im Nachwuchsbereich aber noch intensivere Aufbauarbeit leisten müssen, um neue junge Talente für die Kader gewinnen zu können. Kritische Fragen sind wichtig, um weiterzukommen. Noch wichtiger ist aber die offene Kommunikation, die Dialogbereitschaft und die Zusammenarbeit als Team.»

 

Auf in die Zukunft!

Nachdem die Veranstaltung mit Christoph Hess bei allen Beteiligten auf grossen Anklang stiess, plant die Disziplin Dressur zu gegebener Zeit weitere Treffen dieser Art. Zunächst steht jedoch die Turniersaison vor der Tür mit Höhepunkten wie der WM der Elite in Dänemark im August sowie der EM der Junioren und Jungen Reiter in England im Juli, der EM der U25-Reiter in Ungarn im August und der EM der Ponyreiter in Polen ebenfalls im August.

Der Schweizer Dressursport hat Fahrt aufgenommen und Rückenwind in den Segeln. Das gesamte Team ist hoch motiviert, langfristig wieder den Anschluss an die Weltspitze zu finden.

Cornelia Heimgartner

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