Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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«Gutes Reiten ist aktiver Tierschutz»

16 Juli 2019 10:00

Immer wieder steht der Pferdesport - und ganz besonders das Dressurreiten - im Fokus des Tierschutzes. Sind Sportreiten und Tierschutz tatsächlich zwei unüberwindbare Gegensätze? Das «Bulletin» sprach über dieses Thema mit Dr. Barbara Gorsler, Grand-Prix-Richterin und ehemalige Turnierreiterin bis Prix St. Georg.

Richten bedeutet nicht nur Noten zu geben, sondern auch den Weg für die künftige Ausbildung des Pferdes zu weisen. Richten bedeutet nicht nur Noten zu geben, sondern auch den Weg für die künftige Ausbildung des Pferdes zu weisen. (Foto: A. Heimgartner)

Als Dressurrichterin ist es Ihre Aufgabe, darüber zu entscheiden, was gutes und was schlechtes Reiten ist. Wie beurteilen Sie das, und inwiefern spielen da Tierschutzanliegen mit hinein?

Dressurreiten ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, und eine Beurteilung der Leistung ist nicht immer einfach. Nebst der Präzision der verlangten Lektionen gehört dazu insbesondere auch das Gesamtbild, das ein Pferd-Reiter-Paar abgibt. Dieses gibt Aufschluss darüber, ob das Pferd den Anforderungen physisch und psychisch gewachsen ist. Um dies zu gewährleisten, gibt es die «Skala der Ausbildung». Sie umfasst die einzelnen Ausbildungsschritte des Pferdes in einem logischen Aufbau. Erst wenn gewisse Ausbildungsziele erreicht sind, kann man das nächste in Angriff nehmen. Somit überprüfe ich als Richterin, ob die Punkte der Skala der Ausbildung eingehalten sind, das Reiten also pferdegerecht ist.

Ich sehe meine Aufgabe als Richterin darin, den Reiterinnen und Reitern positive Anreize zu geben und nicht einfach nach Fehlern zu suchen. Mit meinen Noten und Kommentaren möchte ich erklären, weshalb es Abzüge gab. Meine Bewertung soll gewissermassen eine Standortbestimmung in Bezug auf die Skala der Ausbildung und ein Hinweis darauf sein, wie mit dem Pferd weitergearbeitet werden soll.

 

Die Skala der Ausbildung ist ja schon sehr alt - sie wurde erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts niedergeschrieben. Hat sie heute überhaupt noch ihre Berechtigung?

Eindeutig, ja! Die Pferde haben sich seit damals natürlich stark verändert. Ihre Grundqualität ist deutlich besser. Sie haben einen schön angesetzten Hals, der zum Reiten in Aufrichtung einlädt, sind mit enormer Schubkraft ausgestattet und bringen eine schier grenzenlose Leistungsbereitschaft mit. Die jungen Pferde sehen aus wie Topathleten, obwohl sie in ihrer Ausbildung erst am Anfang stehen.

Aber Muskeln und Psyche entwickeln sich heute nicht schneller als früher. Wenn also ein junges Pferd immer an seine Leistungsgrenzen geritten wird, ohne dass es davor seine Tragkraft und sein Gleichgewicht entwickeln konnte, ist das sehr bedenklich. Es ist kein Zufall, dass viele junge Pferde zunächst erstrahlen und dann von der Bildfläche verschwinden. Sie werden zwei Jahre lang ausgelaugt und haben dann körperliche oder seelische Schäden, die ihrer Sportkarriere ein Ende setzen. Dem müssen wir als Richter versuchen entgegenzuwirken - mit richtungsweisenden Kommentaren.

Pferde sind nicht dazu geboren, einen Reiter zu tragen. Die sorgfältige Ausbildung des Pferdes und insbesondere die Entwicklung der Tragfähigkeit sind im Hinblick auf den Tierschutzgedanken deshalb zentral - und sie erfordert vom Reiter Zeit und Geduld!

 

Ein Richter braucht also enormes Wissen bezüglich der Ausbildung von Pferden, der Biomechanik usw., um eine Darbietung korrekt beurteilen zu können?

Das ist richtig. Deshalb dürfen Richter auch nur Leistungsklassen bewerten, in denen sie selbst als Reiter eine gewisse Anzahl Klassierungen vorweisen können. Ausserdem hat man nie ausgelernt und soll sich als Richter stetig weiterbilden - sei dies im Rahmen der obligatorischen Richterkurse oder aber ausserhalb des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport (SVPS). Es ist zudem wichtig, dass Richterinnen und Richter ihren Blick schulen für korrektes Reiten. Auch dies passiert zum einen anhand von Videoanalysen an den Richterkursen, aber es zahlt sich insbesondere auch aus, gute Reiter im Training zu beobachten oder sogenannte «Assists» zu leisten, also erfahrene Richter am Turnier zu begleiten und deren Notengebung mit ihnen zu besprechen.

Ich selbst habe viele Stunden bei Georg Wahl verbracht und mit ihm Pferde und Reiter beurteilt. Mit seinem Hintergrund als Oberbereiter an der Spanischen Hofreitschule hatte er sich bei der Ausbildung von Reiter und Pferd voll und ganz der klassischen Reitlehre verschrieben. Das prägt mich bis heute.

Man darf sich als Richter nicht blenden lassen von spektakulären Bewegungen, die zulasten der Gesundheit des Pferdes gehen. Der Blick für das Gesamtbild ist absolut zentral. Wenn ein Pferd beispielsweise in der Trabverstärkung seine Vorderbeine in die Höhe reisst, die Hinterbeine aber kaum in die Spur der Vorderbeine treten und keine Rahmenerweiterung stattfindet, dann ist das nicht korrekt. Denn es bedeutet, dass das Pferd nicht über den Rücken geht und somit sicherlich Verspannungen, vielleicht sogar Schmerzen, im Rücken aufweist. Meist deuten auch Schweifschlagen oder mangelnder Vorwärtsdrang auf körperliche Probleme hin.

Dennoch braucht das Pferd eine gewisse positive Körperspannung, um die verlangte Leistung zu erbringen. Nur so kann es sich taktrein und mit maximalem Raumgriff an die Anlehnung vor der Senkrechten herandehnen und mit den Hinterbeinen weit über die Spur der Vorderbeine fussen.

 

Wie reagieren Sie, wenn Sie wenig harmonisches Reiten im Viereck sehen?

Wenn ein Pferd mit Kraft unter künstlicher, negativer Spannung geritten wird, das Maul sperrt, mit dem Schweif schlägt usw., sehen wir oft auch gravierende Mängel im Schritt, der Rücken ist fest, der Takt verschwommen, teilweise gehen die Pferde sogar Pass. Solche Fehler müssen aus Richtersicht mit tiefen Noten bewertet werden, denn die Ausbildung des Pferdes ist auf dem falschen Weg und nicht nachhaltig für das Wohlergehen des Pferdes. In solchen Fällen suche ich zunächst den Dialog mit dem Reiter: Ich schreibe einen entsprechenden Kommentar auf das Richterblatt oder rufe den Reiter zu mir und spreche ihn auf das Problem an. Manche reagieren sehr gut auf diese Inputs, andere wiederum können damit nicht umgehen. Da braucht es als Richter sicher Rückgrat und gute kommunikative Fähigkeiten. Man steht als Richter natürlich unter einem gewissen Druck, schliesslich entscheiden wir über Sieg und Niederlage. Aber das gehört dazu. Als Richter ist es wichtig, dass wir gut und lösungsorientiert kommunizieren. Ich schätze es beispielsweise auch sehr, wenn Reiter nach der Prüfung zu mir kommen und mich auf die Notengebung ansprechen. So kann man im konstruktiven Dialog weiterkommen.

Manchmal schätzen Reiter ihre eigenen Fähigkeiten oder die des Pferdes auch schlicht falsch ein und sind mit einer Dressuraufgabe völlig überfordert. Man kann gewisse Dinge nicht erzwingen. Es gibt auch Pferde, die zwar hoch talentiert sind, aber dem Turniersport psychisch nicht gewachsen sind. Das muss man akzeptieren und das Pferd schonen.

 

Reicht das aus, um den Tierschutz im Dressursport zu gewährleisten?

Als Richter können wir nur beurteilen, was wir auf dem Wettkampfviereck sehen. Dennoch sieht das geschulte Auge auch dort, wenn im Training gewisse Dinge nicht gut laufen. Mir persönlich ist die Harmonie zwischen Pferd und Reiter sehr wichtig. Diese Harmonie, die Durchlässigkeit, darf man aber nicht verwechseln mit dem Gehorsam eines Zinnsoldaten. Schöne Darbietungen sind für mich, wenn ich dem Pferd ansehe, dass es Freude hat an seiner Aufgabe. Diese Pferde strahlen von innen und haben eine ganz andere Präsenz. Damit ist für mich eine optimale Basis für gutes Reiten und somit hohe Noten gelegt.

Seit Juli werden nun auch Richter auf dem Abreiteplatz eingesetzt, um die Prüfungsvorbereitung zu überwachen. Das ist eine richtige und wichtige Sache. Hier haben wir in der Schweiz noch keine Erfahrung, und es wird sich zeigen, wie Reiter und Richter mit dieser Situation umgehen.

Grundsätzlich halten die Reglemente und Weisungen des SVPS klar fest, dass tierschutzwidriges Verhalten zu ahnden ist und wie man mit Verstössen umzugehen hat. Man darf als Reiter durchaus einmal Impulse setzen und durchgreifen. Auch Pferde gehen in der Natur nicht immer zimperlich miteinander um. Aber wenn ein Reiter in seiner eigenen Unfähigkeit wütend auf sein Pferd wird, ist eine Grenze überschritten. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Broschüre «Fair zum Pferd» des SVPS erwähnen, die die ethischen Fragen, die sich im Pferdesport stellen, sehr gut aufnimmt.

 

Wird der Dressursport von Aussenstehenden also falsch wahrgenommen?

Die Beurteilung von Dressurreiten ist vielschichtig und für Aussenstehende nicht immer leicht nachzuvollziehen. Man kann sich auch fragen, ob der Begriff «Dressur» an sich etwas unglücklich ist. Würde die Disziplin beispielsweise «Tanz zu Pferde» heissen, würde dieser wunderbare Sport weniger in die Nähe des «Abrichtens» gebracht, und die Harmonie zwischen den Tanzpartnern würde stärker gewichtet. Denn gutes Reiten ist aktiver Tierschutz.

Aber es gibt ganz klar Dinge, die wir nicht tolerieren dürfen, wenn der Pferdesport Zukunft haben soll. Es braucht couragierte Richter, die Leistungen strikte nach der Skala der Ausbildung als Grundlage des Pferdewohls beurteilen. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns hier in die richtige Richtung bewegen! Auf der anderen Seite wird der Pferdesport von Laien manchmal auch falsch verstanden, oder man fokussiert sich zu sehr auf einen enzelnen Aspekt, ohne das Gesamtbild anzusehen. Was wir brauchen, sind gute Vorbilder, positive Beispiele für gutes Reiten. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Veranstaltung aufmerksam machen, die der Schweizer Tierschutz (STS) im Spätherbst veranstaltet: Im Rahmen eines Workshops unter dem Motto «Pferdegerechter Sport» zeigen namhafte Sportreiter der Schweizer Elitekader wie auch Amateurreiter aus den Sparten Dressur, Springen und Reining, kommentiert und angeleitet von sporterfahrenen Trainern und Tierärzten und mir als Richterin, auf, wie gutes Reiten aussieht. Die Veranstaltung richtet sich nicht explizit an Sportreiter, sondern an die breite Öffentlichkeit und soll dazu dienen, ein besseres Verständnis für den Pferdesport zu schaffen.

Der Pferdesport ist einmalig in seiner Art und der faire Umgang mit Pferden eine Lebensschule - das erlebe ich in meinen pferdegestützten Führungsseminaren immer wieder! Dieses faszinierende Zusammenspiel von zwei ganz unterschiedlichen Wesen lohnt sich zu wahren und zu pflegen - im Sport, im Beruf und in der Freizeit.

Das Interview führte
Cornelia Heimgartner

Barbara Gorsler ist selbst passionierte Reiterin und bildet sich auch hier stetig weiter.
<br />Barbara Gorsler est une cavalière passionnée et continue de se former aussi dans ce domaine-là. Barbara Gorsler ist selbst passionierte Reiterin und bildet sich auch hier stetig weiter. (Foto: Ina P. Krüger)

Die spannende Welt des Dressurrichtens fasziniert mich! 
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, um dereinst im Richterhäuschen sitzen zu können? 


Die Richterausbildung hat sich in den letzten Jahren stark verändert, und die Anforderungen punkto Ausbildung sind heute deutlich strenger. Die erste Stufe des Richterwesens ist der Status des L-Richteranwärters. Zu den Anforderungen, um sich für diese Funktion bewerben zu können, gehören der Nachweis von mindestens fünf Klassierungen in L-Dressuren, das Absolvieren von sieben Assistenzeinsätzen (Assists) bei eigens dafür bezeichneten Richtern sowie das erfolgreiche Ablegen der Richteranwärterprüfung.

Nach frühestens drei Jahren und vier Kurstagen sowie mindestens 20 Einsätzen als Richteranwärter kann sich der Richteranwärter zur L-Richterprüfung anmelden.

Detaillierte Informationen zum Anforderungsprofil und das Anmeldeformular finden Sie im entsprechenden Merkblatt unter: www.fnch.ch > Ausbildung > Offizielle > Anforderungsprofile & Anmeldung > Offizielle der Disziplinen > Dressur

Bei Fragen zur Dressurrichterausbildung wenden Sie sich gerne an 
Margret Dreier, Chefin Technik Dressur, unter: m.dreier@beamlight.ch

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