Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Zurück in die Zukunft: junge Männer im Dressursport

24 Juni 2019 08:00

Mit hohen Zylindern und massgeschneiderten Reitröcken liessen sich die Gutsherren einst von edlen Pferden durch ihre Ländereien tragen, im Krieg vertrauten die Soldaten auf ihre unverzichtbaren Kavalleriepferde. Früher waren es fast ausschliesslich die Männer, die Umgang mit Pferden pflegten, sie ausbildeten und mit ihnen arbeiteten. Doch mit dem gesellschaftlichen Wandel wurden den Frauen die Türen der Reitschulen geöffnet, und die Pferde eroberten die Mädchenherzen im Sturm. Besonders hoch ist der Frauenanteil im Dressursport, wo der männliche Nachwuchs sehr dünn gesät ist. Dennoch sind zwei grosse Schweizer Dressur-Hoffnungsträger junge Männer: Carl-Lennard «Lenni» Korsch (19) und Lars Bürgler (20). Wie erleben sie ihr «Aussenseiterdasein», und sind sie wirklich anders als die «Pferdemädchen»?

Lars Bürgler und Remember Passion beim Training mit Mutter Marianne in der Reithalle Holziken. Lars Bürgler und Remember Passion beim Training mit Mutter Marianne in der Reithalle Holziken. (Foto: A. Heimgartner)

Sie gehören dem Kader der Jungen Reiter an und haben ihr ganzes Leben auf den Dressursport ausgerichtet. Wie es ist, sich als junge Männer in einer weiblich dominierten Sportart zu behaupten, und was es braucht, um mehr Jungs für den Dressursport zu begeistern, das wollte «Bulletin» von den beiden Sympathieträgern Lenni und Lars wissen, die beide ihren ganz persönlichen Weg an die Weltspitze des Dressursports gefunden haben.

Wie seid ihr überhaupt zum Reiten und zum Dressursport gekommen?
Lenni
: Meine Mutter war selbst Reiterin, sodass ich im Alter von vier Jahren meine erste Longenstunde erhielt. Als ich sechs war, bekam ich mein erstes Pony, ein Springpony - ich wollte eigentlich immer Springreiter werden. Doch nach einem üblen Reitunfall, bei dem ich mich an der Leber verletzte und mir den Wangenknochen brach, hatte ich keine Lust mehr auf Springreiten. Meine Eltern fanden schliesslich ein tolles Dressurpony für mich in Deutschland, Dack von Wittgenstein. Zusammen mit dem damals ganz jungen Pony fasste ich langsam im Dressursport Fuss und erlangte die Dressurlizenz. Er war mein Partner von GA- bis Pony-FEI-Niveau. Schliesslich wurde er zum «Professor» für Tallulah Lynn Nater, die mit ihm ebenfalls erste internationale Turnierluft schnuppern durfte, und heute darf er nochmals eine weitere Dressurreitergeneration begleiten.

Lars: Auch meine Mutter ist leidenschaftliche Reiterin, und so bekam ich mein erstes eigenes Pony zum fünften Geburtstag geschenkt. Die kleine «Josy» konnte aber ganz schön heftig werden, insbesondere beim Springen, sodass ich das Springreiten nach einem heftigen Sturz bleiben liess. Obwohl meine Mutter zweifelte, dass ich als Junge Freude am Dressurreiten haben könnte, meldete sie mich schliesslich zu einem Ponyseminar an, das Heidi Bemelmans mit der Unterstützung der Dressur Akademie Silvia Iklé durchführte. Zum grossen Erstaunen meiner Mutter lud mich Heidi Bemelmans zu einem weiteren Training mit ausgewählten Ponyreiterinnen und -reitern ein, und mit meinem Pony Cristal Noir Primo arbeitete ich mich durch die GA-Klassen bis zum FEI-Ponydressursport hoch.

Lenni Korsch und Lehrmeister Ayers Rock BB im Pferdesport-Zenter Russmatt Lenni Korsch und Lehrmeister Ayers Rock BB im Pferdesport-Zenter Russmatt. (Foto: SVPS/C. Heimgartner)

Wie ist es als Knabe oder junger Mann im weiblich dominierten Dressursport?
Lenni
: Wer Talent hat, fleissig trainiert und auch noch das nötige Glück hat, wird erfolgreich sein. Und wer erfolgreich ist, wird auch anerkannt. Bei den Richtern kommen Minderheiten - wie wir Jungs im Dressursport - durchaus gut an, habe ich den Eindruck. Leider ist das Dressurreiten bei den Jungs einfach zu wenig bekannt und populär. Man geht zum Fussball, weil das halt jeder tut. Da braucht man schon ein entsprechendes Umfeld, sprich eine Reiterfamilie, um auf die Idee zu kommen, dass man reiten könnte.

Lars: Ich habe den Eindruck, in der Öffentlichkeit ist die Akzeptanz für uns männliche Dressurreiter nicht sehr gross. Insbesondere als Ponyreiter muss man sich von den Mädchen so einiges anhören. Da braucht man schon einen eisernen Willen. Aber ich mag es nun einmal lieber schön als schnell, deshalb bin ich beim Dressurreiten geblieben. Es könnte helfen, wenn es in den Reitschulen speziellen Unterricht für Jungs gäbe. Da wäre man den «Mädchen-Clans» weniger ausgesetzt und würde auch nicht geschnitten, weil man lieber reitet als Ponys auf Hochglanz poliert.

Wie bringt ihr Spitzensport und Berufsbildung unter einen Hut?
Lenni
: Ich mache eine kaufmännische Ausbildung an der United School of Sports in Zürich. Das Besondere daran ist, dass man zunächst zwei Jahre lang nur zur Schule geht und dann zwei Jahre lang halbtags ein Praktikum absolviert. Dieses mache ich in der BMW-Garage Schläpfer in Wetzikon. Meine Ausbilderin ist selbst Reiterin, und der Chef ist Mitglied des Reitclubs Grüningen. Sie zeigen viel Verständnis für meine Situation und haben schon vor mir Nachwuchsreiter durch die Berufsbildung begleitet. An den freien Halbtagen trainiere ich die Pferde in Deitingen. Glücklicherweise kann ich meine Arbeitstage so verteilen, dass ich auch mal in Deitingen übernachten kann und nicht immer hin- und herfahren muss. Damit das möglich ist, bin ich auf die Flexibilität meines Arbeitgebers, aber auch meiner Trainerin Susi Eggli angewiesen. Im Pferdesport-Zentrum Russmatt haben die Pferde und ich eine Top-Infrastruktur, und die Betreiber der Anlage, Christiane Schröder und Silvan Flury, tun sehr viel für uns Nachwuchsreiter. Auch die Unterstützung der Familie Nater ist für mich eine enorme Hilfe: Susi, Familie Nater und ich sind ein echtes Team. Für all das bin ich sehr dankbar!

Lars: In meiner «Sportlerlehre» als Zeichner mit Fachrichtung Ingenieurbau profitiere ich von drei Wochen mehr Ferien, die ich für meinen Sport einsetzen darf. Da ich während der Saison oft viele Tage auf den Turnierplätzen im Ausland bin, ist es nicht immer einfach, einen fixen Schultag pro Woche zu finden. Eigentlich kann ich nur am Montag regelmässig zur Schule gehen. So musste ich letztes Jahr den Unterricht einer Klasse besuchen, die die Berufsmatura anstrebt. Das war eine grosse Herausforderung. Aber da ich schon im Sport sehr fokussiert sein muss, bin ich das auch in der Schule. Dort gebe ich 110%, denn ich kann zu Hause nicht noch viel Zeit in das Lernen investieren. Ich muss im Unterricht alles aufnehmen, was ich für die Prüfungen brauche. Im Job ist es dasselbe. Ich habe zwei tolle Chefs bei der Zumbach AG in Aarau, die mich unterstützen, wo sie nur können. Umso motivierter bin ich, im Büro Vollgas zu geben, damit ich meine Arbeit auch gut und pünktlich erledigen kann. Neben Schule und Büro habe ich dann noch zwei Pferde zu reiten. Die Pferde stehen bei uns zu Hause, und wir, d. h. meine Mutter und ich, machen alles selbst. Sie trainiert mich auch meist - dazu müssen wir die Pferde verladen und zur Vereinsreithalle fahren. Nach langjährigem Training im Stall Iklé fahren wir heute einmal die Woche zu Christian Pläge, um neue Trainingsinputs zu erhalten. Das bringt mich weiter.

Um parallel zur Berufsbildung eine Sportlerkarriere verfolgen zu können, muss man nicht zuletzt bereit sein, auf gewisse Dinge zu verzichten. So bleibt mir beispielsweise kaum Zeit, Freunde zu treffen oder einen Ausgleichssport zu betreiben.

Lenni Korsch mit Flori Favoloso am CDIO Saumur 2019. Lenni Korsch mit Flori Favoloso am CDIO Saumur 2019. (Foto: Les Garennes)

Sind eure Vorbilder im Dressursport Männer? Welches Pferd würdet ihr gerne mal reiten?
Lenni
: Mein Vorbild ist Patrick Kittel, weil er einer der besten Männer im Dressursport ist. Mit ihm würde ich gerne mal trainieren. Ausserdem reitet er ein Schweizer Pferd! Reiten würde ich gerne mal Cosmo von Sönke Rothenberger. Wir hatten einmal an einem Turnier unseren Lastwagen neben dem von Rothenbergers, da sah ich Cosmo von Nahem. Aber auch all die Pferde, die ich heute reite, sind fantastisch! Mein Dias Desperados, genannt «Drogba» wie der Fussballer, weil er so gerne gegen die Stalltür kickt, ist mein treuer Begleiter. Und den Besitzern meiner Berittpferde, Beatrice Bürchler (Pferd: Ayers Rock BB) und Oscar Schwenk bzw. dessen Tochter Barbara (Pferd: Flori Favoloso), kann ich für ihr Vertrauen nicht genügend danken!

Lars: Für mich gibt es zwei Kategorien von Reitern: die, die ihre Pferde selbst ausbilden, und die, die ausgebildete Pferde vorstellen. Ohne urteilen zu wollen - es sind einfach zwei unterschiedliche Wege -, faszinieren mich die Reiter der ersten Kategorie mehr. Deshalb ist für mich Carl Hester ein grosses Vorbild. Er hat so viele Pferde von Grund auf ausgebildet und an die Weltspitze gebracht. Auch ich habe meinen «Remmy» (A.d.R.: Lars’ Erfolgspferd Remember Passion) selbst zu dem gemacht, was er heute ist. Wir hatten kein Geld für ein teures, hoch ausgebildetes Pferd, als ich von den Ponys auf Grosspferde umsteigen musste. Ich war 13 Jahre alt, als ich den damals sechsjährigen Remmy erstmals ritt. Niemand glaubte an ihn, weil er so sensibel ist. Ich musste mir immer gut überlegen, wie ich ihm etwas beibringen kann, denn er erträgt nur wenig Druck. Dennoch ist er für mich der Beste, und ich träume nicht davon, ein anderes Pferd zu reiten. Seit Kurzem steht nun auch Remmys siebenjähriger Halbbruder First Passion, genannt «Feivel», bei uns im Stall. Ich freue mich, seine Ausbildung zusammen mit Christian Pläge in Angriff zu nehmen.

Lars Bürgler mit Remember Passion im Mai 2019 am CDIO Saumur (FRA). Lars Bürgler mit Remember Passion im Mai 2019 am CDIO Saumur (FRA). (Foto: Les Garennes)

Was sind eure Wünsche an den SVPS?
Lenni
: Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden mit dem Verband. Man lässt uns viel Freiheit und unterstützt uns beispielsweise bei der Teilnahme an internationalen Turnieren. Einen ganz besonderen Dank möchte ich hier an unsere Kaderverantwortliche Heidi Bemelmans richten: Sie leistet grossartige Arbeit! Ausserdem konnte der Verband mit der UBS einen Förderer gewinnen, der uns vieles ermöglicht. Die Trainings mit den ausländischen Ausbildern oder Richtern habe ich zum Beispiel sehr geschätzt und fände es toll, wenn das weitergeführt würde. Wer weiss, vielleicht sogar mit einem Training mit meinem Vorbild Patrick Kittel …?!

Lars: Am meisten Kontakt zum Verband habe ich über unsere Kaderverantwortliche Heidi Bemelmans. Sie ist stets für alle da und liefert einen gewaltigen Job ab! Dafür kann man ihr nicht oft genug danken! Schade fand ich, dass der Verband letztes Jahr in meiner Kategorie keine Schweizer Reiter an die Nachwuchs-EM reisen liess, weil keine Aussichten auf eine Spitzenleistung bestanden. Gerade wir jungen Reiter engagieren uns so sehr für das Reiten und die Berufsbildung, verzichten auf so vieles, damit das möglich ist - da ist es schon ein Dämpfer, wenn man keine Gelegenheit erhält, sich mit den besten Reitern zu messen. Es geht ja nicht nur um den Sieg, sondern auch darum, Erfahrung für später zu sammeln, Abläufe kennenzulernen und Spitzenreiter auch hinter den Kulissen zu beobachten.

Seht ihr eure berufliche Zukunft im Pferdesport?
Lenni
: Ich werde zunächst einmal meine Ausbildung abschliessen und dann den Militärdienst absolvieren. Ich hoffe, ich werde in die Sportler-RS aufgenommen! Hierzu benötige ich eine entsprechende Potenzialbeurteilung durch den SVPS. Das muss ich demnächst in Angriff nehmen. Danach würde ich gerne ein Jahr lang im Ausland bei einem internationalen Turnierreiter arbeiten, habe aber noch keine konkreten Pläne.

Lars: Der Fokus liegt jetzt erst mal auf dem Abschluss der Berufsausbildung. Ich habe vor der Lehre zwar ein dreimonatiges Praktikum bei Silvia Iklé gemacht, was mir gefallen hat, dennoch bin ich nicht zuletzt auch wegen meiner Körpergrösse von 1,96 Metern nicht sicher, ob ich mich voll und ganz der Reiterei widmen werde. Der Verschleiss ist schon gross und Rücken und Knie leiden. Ausserdem frage ich mich manchmal, wie lange wir überhaupt noch reiten. Der Druck vonseiten der Öffentlichkeit und der Tierschützer ist gross, auch wenn Beurteilungen leider nicht immer auf Fachwissen beruhen. Aber die Pferde und ihre Ausbildung sind meine Leidenschaft. Das möchte ich mir bewahren und sicher als Hobby weiterführen.

Vielen Dank für die spannenden Gespräche, Lars und Lenni, und alles Gute auf eurem weiteren Weg!

Cornelia Heimgartner

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