Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Ein Treffen mit dem künftigen Equipenchef der Schweizer Elitespringreiter

11 Februar 2020 09:00

Michel Sorg, der Vizedirektor des CHI Genf, übernimmt nach den Olympischen Spielen von Tokyo 2020 das Amt des Equipenchefs der Schweizer Elitespringreiter. Wir haben den dynamischen und vielseitig engagierten Mittdreissiger, der sich unermüdlich für den Pferdesport einsetzt, getroffen. Den Familienvater erwarten ein neues Leben und eine grosse Herausforderung.

Perspektivenwechsel: Der künftige Equipenchef der Elitespringreiter steht für Kontinuität auf dem eingeschlagenen Weg. ©Clément Grandjean Perspektivenwechsel: Der künftige Equipenchef der Elitespringreiter steht für Kontinuität auf dem eingeschlagenen Weg. ©Clément Grandjean

An diesem 14. Dezember herrscht grosse Aufregung im Presseraum des internationalen Reitsportturniers in Genf (CHI Genf). Es wird heiss diskutiert und spekuliert: Gleich wird der Schweizerische Verband für Pferdesport (SVPS) ankündigen, wem Andy Kistler die Zügel des nationalen Elitekaders der Springreiter in die Hand legen wird. Die Ungewissheit hält nur wenige Minuten an. Als sein Name fällt, steht Michel Sorg auf, rückt fahrig seine Krawatte zurecht und schenkt seinen engsten Vertrauten im Saal, die ihm in diesem grossen Moment Rückhalt geben, ein angespanntes Lächeln. Mit seinen erst 34 Jahren übernimmt der Wahlgenfer ein prestigeträchtiges, aber auch exponiertes Amt. Er tritt in die Fussstapfen eines Equipenchefs, der sowohl von den Reiterinnen und Reitern als auch von den Branchenfachleuten sehr geschätzt wird und die alle das Ausmass und die Tragweite der Aufgabe kennen - kein einfaches Erbe. Aber Michel Sorg hat breite Schultern. Als Vizedirektor des CHI Genf, Chef Sport der Disziplin Springen beim SVPS und als Vorstandsmitglied der Swiss Team Trophy ist er seit vielen Jahren ein wichtiger Akteur im Schweizer Pferdesport.

«Ich bin ein emotionaler Mensch. Ich muss zugeben, dass ich bei dieser Ankündigung die eine oder andere Träne verdrücken musste», räumt er ein paar Tage später im Klubhaus eines Stalls in der Nähe von Genf ein. «Jetzt kann ich es kaum erwarten, dass es losgeht.» Für Michel Sorg geht es nach den Olympischen Spielen von Tokyo 2020 los - für den jungen Familienvater, der sich in der Schweizer Sportlandschaft geduldig hochgearbeitet hat, beginnt dann ein neues Leben. Mit seinem ewigen Dreitagebart, dem Schal um den Hals und den Lederstiefeletten ist er eine elegante Erscheinung. Das kommt auch nicht von irgendwo: Er wuchs zwischen Regalen von Tweed und Seide in der von seinen Eltern geführten Modeboutique auf. Den Sport entdeckt er als regionaler Springreiter, erkennt aber schnell seine Vorliebe für die Arbeit hinter den Kulissen. Ab 2003 ist er die Stimme zahlreicher Concours in der Westschweiz und wird zu einem regelrechten Speakerstar der internationalen Turniere in der Schweiz. Michel Sorg, der in Pully bei Lausanne aufwuchs, ist ein absoluter Sportliebhaber - eine Leidenschaft, die sich wie ein roter Faden durch seine facettenreiche Berufskarriere zieht: Als Sportjournalist sammelt er Erfahrung bei regionalen Fernseh- und Radiosendern und schreibt daneben für das Westschweizer Pferdemagazin «Le Cavalier Romand». «Anschliessend hatte ich die Möglichkeit, für Swisscom TV in Zürich zu arbeiten - da habe ich nicht gezögert. Das war eine wertvolle Erfahrung.» Lausanne, Zürich und dann Bulle. Aufgrund seiner Aufträge kommt der Waadtländer in der Schweiz herum. Aber weder Eishockey noch Fussball können mit dem Springreiten konkurrieren: 2009 stösst Michel Sorg zum Leitungsgremium des CHI Genf, und 2012 wird er von Yannick Guerdat, dem Bruder von Steve Guerdat, als Projektleiter im Bereich Kommunikation in dessen Firma Artionet angestellt. «Mein erster Arbeitstag war am 1. August», erinnert sich Michel Sorg, der ein gutes Gedächtnis für Daten hat. «Am 8. August gewann Steve Guerdat Olympiagold; ich war mit Yannick in seinem Büro, um die Prüfung zu verfolgen. Er schaute mich an und sagte: ‹Du hast ab sofort ein neues Mandat: Du kümmerst dich um die Pressearbeit von Steve.› Das war eine verrückte Zeit! Dank des Vertrauens von Yannick und Steve konnte ich spannende Projekte realisieren und eine gute Beziehung zur Familie Guerdat aufbauen.» Als 2013 der Rolex Grand Slam ins Leben gerufen wird, übernimmt Michel Sorg einen wichtigen Part beim CHI Genf; er wird Sport- und Medienverantwortlicher und 2015 schliesslich Vizedirektor des Turniers. «Das Organisationskomitee unter der Leitung von Sophie Mottu Morel und Alban Poudret hat mir immer vertraut. Man hat mir eine Chance gegeben.»

Michel Sorg und Andy Kistler Seite an Seite am Medientreffen im Rahmen des CHI Genf. ©Clément Grandjean Michel Sorg und Andy Kistler Seite an Seite am Medientreffen im Rahmen des CHI Genf. ©Clément Grandjean

Unterstützung von allen Seiten

Anfang 2019 wird Michel Sorg zum Chef Sport der Disziplin Springen beim SVPS gewählt. «Als man mir dieses Amt angeboten hat, musste ich erst ein paar Tage darüber nachdenken. Aber die Aufgabe entsprach ganz meinem Wunsch, mich stärker für den Pferdesport in der Schweiz zu engagieren.» Zu keinem Zeitpunkt stellt er Gedanken oder Berechnungen an, was nachher kommen würde, so sehr vertieft er sich in seine Mission. Während einer Saison kann er konkret Einfluss nehmen auf den Schweizer Springsport, nimmt Änderungen am Reglement für die Schweizermeisterschaften vor und setzt sich für den Nachwuchs und dessen Verantwortliche ein. Und dann ist da diese Sitzung, an deren Ende Andy Kistler zu ihm sagt: «Dich könnte ich mir gut vorstellen als mein Nachfolger als Equipenchef, Michel.» Der Angesprochene lacht und denkt, das sei ein Scherz. Aber Andy Kistler ist es ernst. «Ich bewundere Andy sehr», gesteht Michel Sorg. «Ich verdanke ihm unheimlich viel. Insbesondere konnte ich durch ihn meine ersten Schweizermeisterschaften der Elite speakern.» Die erste Reaktion des Mittdreissigers? «Ich dachte bei mir, das kann ich nicht. Das ist oft mein erster Gedanke, wenn man mich vor eine Herausforderung stellt, aber ich habe nie bereut, ins kalte Wasser zu springen.»

Dann geht es zur Sache und Michel Sorg muss eine umfangreiche Bewerbung einreichen. Er kann jedoch auf die Unterstützung des Leiters der Disziplin Springen beim SVPS, Stefan Kuhn, aber auch auf jene der SVPS-Sportmanagerin Evelyne Niklaus und des Verantwortlichen Wettkampfsport im SVPS-Vorstand, Franz Häfliger, zählen. Michel Sorg reicht ein Programm ein, das auf vier Achsen ausgerichtet ist: Sport, Talent- und Nachwuchsförderung, Imagepflege sowie Öffentlichkeitsarbeit und Management. Die Rechnung geht auf: Mitte September 2020 wird Michel Sorg sein neues Amt als Equipenchef antreten. Bis dahin muss er noch vieles über den neuen Job lernen - und dafür gibt es keinen besseren Lehrmeister als Andy Kistler. «Ich werde ihn zu einigen Nationenpreisen begleiten. Andy ist eine echte Führungspersönlichkeit. Mit Thomas Fuchs, wohl einem der weltbesten Trainer, an seiner Seite bilden die beiden ein hervorragendes Duo. Das war übrigens eine meiner wenigen Bedingungen dafür, dass ich dieses Amt annehme: Ich habe Thomas gefragt, ob ich mindestens ein Jahr lang auf ihn als Technikcoach zählen kann.» Sich mit den richtigen Leuten zu umgeben, gehört eindeutig zu den Stärken von Michel Sorg, der über die Jahre, in denen er sich in Pferdesportkreisen etabliert hat, ein solides Netzwerk aufgebaut hat.

Fragt man ihn, welche Equipenchefs seine Vorbilder sind, antwortet er begeistert: «Andy natürlich, der einen bewundernswerten Job geleistet hat für das Team. Aber auch Philippe Guerdat beeindruckt mich; wir haben übrigens lange miteinander gesprochen, und ich weiss, dass ich bei ihm wertvollen Rat einholen kann. Ausserdem mag ich Henrik Ankarcrona, den Equipenchef der Schweden - ein faszinierender, feiner Mensch.»

Michel Sorg und seine Frau Clara de Coulon Sorg am CHI Genf. ©Clément Grandjean Michel Sorg und seine Frau Clara de Coulon Sorg am CHI Genf. ©Clément Grandjean

Ein unerwarteter Traum

Das Handy klingelt und unterbricht den Wahlgenfer. Er wirft einen kurzen Blick auf sein Smartphone, stellt es dann auf lautlos und steckt es in die Tasche. Noch dauert es ein paar Monate, bis Michel Sorg sein Amt antritt. Obwohl er seit der Ankündigung Mitte Dezember Hunderte Glückwunschnachrichten und -anrufe erhalten hat, kann er es noch immer kaum glauben. Dennoch hat dem Perfektionisten der Gedanke, was ihn erwartet, schon so manche Nacht den Schlaf geraubt: «Mit 35 Jahren Equipenchef zu werden, das ist unfassbar. Das ist ein Traum, an den ich nie geglaubt hätte.» Ein Traum, der noch viel verrückter erscheint, wenn man bedenkt, dass er eine Schweizer Equipe übernimmt, zu der die Weltnummern 1 und 2, Martin Fuchs und Steve Guerdat, zählen. Doch trotz dieser beiden Leader in ihren Reihen hat die Schweiz seit den Europameisterschaften 2017 in Göteburg keine Teammedaille mehr gewonnen. Und Michel Sorg weiss, dass es zu seiner Mission gehört, diesem Trend entgegenzuwirken. «Zu meinen Zielen für die kommenden Jahre gehört, die Palette an Reiterinnen und Reitern sowie an Pferden, die unsere beiden Leader ergänzen können, auszubauen. Wir haben eine sehr gute junge Reitergeneration, unter anderem mit Bryan Balsiger, aber auch mit Anthony Bourquard oder Edouard Schmitz.» Michel Sorg weiss, wovon er spricht, denn er engagiert sich seit vier Jahren für den Schweizer Nachwuchs, namentlich über die Swiss Team Trophy, deren Ziel die Förderung von Children, Junioren und Jungen Reitern ist. Und die bösen Zungen, die behaupten, die Zusammensetzung des Schweizer Teams werde nicht vom Equipenchef gemacht, sondern von Steve Guerdat diktiert, kontert Michel Sorg mit klaren Worten: «Wenn man Ausnahmereiter wie Steve oder Martin zur Seite hat, wäre man dumm, sie nicht um ihre Einschätzung zu fragen. Aber sie entscheiden nicht über das Team, und es ist beiden wichtig, dass das klar ist. Sie haben den Platz des Equipenchefs immer respektiert.» Dennoch hat Michel Sorg die zwei Reiter um ihre Meinung gefragt, bevor er für das Amt zugesagt hat: «Es war mir wichtig, dass die beiden Leader einverstanden sind und hinter mir stehen.»

Und was für ein Equipenchef will Michel Sorg sein? «Ich möchte, dass die Reiterinnen und Reiter wissen, dass ich für sie da bin», sagt er nach kurzem Überlegen, «dass wir einen richtigen ‹Team Spirit› aufbauen - in guten wie in schlechten Zeiten. Ich möchte ein Klima des Vertrauens und des Zusammenhalts mit den Reitern schaffen. Das Ziel ist, als geeinte Gruppe aufzutreten. Andy hat das bereits gemacht. Ich möchte das, was er aufgebaut hat, weiterführen und wertschätzen.»

Ein Equipenchef kann zum einen zusammen mit seinen Reitern den Pokal in die Luft halten, er ist aber auch eine einfache Zielscheibe, wenn die erhofften Resultate ausbleiben. Michel Sorg weiss ganz genau, wie exponiert sein künftiges Amt ist. «Wenn man Angst davor hat, dass der Wert der eigenen Arbeit manchmal angezweifelt wird, dann packt man nichts an. Ich bin kein Träumer - ich bin mir bewusst, dass ich mit Kritik rechnen muss. Ich bin sensibel, und ich weiss, dass mich das dazu veranlassen wird, mich selbst zu hinterfragen, aber es wird mich nicht daran hindern, voranzugehen.»

Die Berufung in dieses begehrte Amt wird den Alltag des Vaters von zwei Buben im Alter von einem und vier Jahren auf den Kopf stellen. «Ich werde mein Pensum bei CHI Genf reduzieren, meinen Job und mein Amt als Vizedirektor jedoch behalten. Glücklicherweise konnte ich auf die Unterstützung und das Verständnis von Sophie Mottu Morel, Alban Poudret und Thierry Naz zählen.» Ausserdem ist die intensivste Zeit für den Equipenchef die ruhigste Zeit für den CHI und umgekehrt. Aber die Person, der er am meisten verdankt, ist seine Frau Clara de Coulon Sorg. Die Reiterin und Projektleiterin VIP am CHI Genf ist eigentlich Kunsthistorikerin und steht voll und ganz hinter ihrem Mann. «Es war für mich absolut entscheidend, dass sie mitzieht, denn unser gesamtes Familienleben wird sich verändern. Ich habe das Glück, dass auch sie Feuer und Flamme war und mich bestärkt hat. Es ist ein Privileg, die Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Meine Agenda wird gut gefüllt sein, aber meine gesamte Freizeit werde ich mit meinen Kindern und meiner Frau verbringen. Das Amt bringt zudem viel Flexibilität mit sich. So kann ich mich organisieren, wie ich möchte, wenn ich zu Hause bin.»

Der August ist nicht mehr fern. Nach ihrer Rückkehr aus Tokio beginnt für die Schweizer Elitespringreiterequipe eine neue Ära. «Mein Vertrag ist unbefristet», präzisiert Michel Sorg. «Ich hoffe, dass man mit mir zufrieden ist und ich bis zu den Olympischen Spielen von Los Angeles im Jahr 2028 im Amt bleiben kann.» Bis dahin wird der junge Equipenchef noch so manche Herausforderung zu meistern haben.

Oriane Grandjean

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