Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Kader-Springreiter im Fitnesstest

10 September 2019 09:00

Dass Springpferde absolute Höchstleistungen erbringen, haben sie an den Europameisterschaften in Rotterdam Mitte August einmal mehr eindrücklich unter Beweis gestellt. Doch wie ist es um die Fitness der zweibeinigen Teammitglieder bestellt? In einem Pilotprojekt bietet der Schweizerische Verband für Pferdesport in Zusammenarbeit mit Swiss Olympic den Springreiterinnen und -reitern des Elitekaders die Möglichkeit, ihre körperlichen Stärken und Schwächen von Experten testen zu lassen und ein individuelles Fitnessprogramm zusammenzustellen.

Gleichgewichtsübung: Koordinationstest der unteren Gliedmassen. (Foto: medbase) Gleichgewichtsübung: Koordinationstest der unteren Gliedmassen. (Foto: medbase)

Völlig ausbalanciert steht der Springreiter in den Steigbügeln, um sein Pferd dabei zu unterstützen, effizient Boden gutzumachen. Kurz vor dem Hindernis sitzt er geschmeidig ein und nimmt sofort die Galoppbewegung mit seinem Körper auf, um sich über dem Sprung wieder in perfektem Gleichgewicht über den Pferdehals zu lehnen, sich innert Sekunden wieder aufzurichten, um die Wucht der Landung abzufedern, schon ist er wieder leicht nach vorne gebeugt für die zwei Galoppsprünge zwischen den Hindernissen der Kombination, da beginnt der gesamte Bewegungsablauf wieder von vorne. Was für den Laien aussieht, als würde sich der Reiter einfach nur tragen lassen, erfordert tatsächlich sehr viel Kraft, Gleichgewicht, Koordination und Kondition.

 

Optimierungen auf vielen Ebenen möglich

Andy Kistler, der Equipenchef der Schweizer Elitespringreiterinnen und -reiter, ist überzeugt: Der Springsport entwickelt sich stetig weiter, und um mit der Weltspitze mithalten zu können, müssen die Reiterinnen und Reiter auf verschiedenen Ebenen an sich arbeiten - und zwar nicht nur reiterlich. Wie überall im Spitzensport sind auch andere Aspekte wie die Ernährung, der mentale Bereich und insbesondere auch die allgemeine Fitness zentrale Faktoren. Hier unterscheiden sich Reiter nicht von Leichtathleten oder Skirennfahrern. «Ist der Reiter athletisch nicht absolut fit, wird er zum beschränkenden Element für das Pferd, das sein Potenzial nicht mehr ausschöpfen kann», ist Kistler überzeugt. Vor diesem Hintergrund gab der einstige Lauf- und Radsportler, der die Springreiterszene nun einige Jahre bestens kennt, den Anstoss zu einer Zusammenarbeit zwischen dem SVPS und Swiss Olympic, um die Schweizer Kaderspringreiterinnen und -reiter auf Herz und Nieren zu testen.

 

Verletzungsprävention und Leistungssteigerung

«Eine gute allgemeine Fitness dient nicht nur der Leistungssteigerung im Sport, sondern auch der Verletzungsprävention», ist Sportphysiotherapeutin von Swiss Olympic Olympic und Medbase Sports Medical Center, Liz Davidson, überzeugt. Sie setzte sich im Hinblick auf dieses Pilotprojekt intensiv mit dem Reiten und den biomechanischen Zusammenhängen im Springsport auseinander. Anhand dieses Wissens entwickelte die Expertin für das Screeningprogramm SpartaNova schliesslich spezifische Testmodule für Springreiter, anhand derer die Beweglichkeit aller Gelenke, die Kraft von Schultern, Rücken, Rumpf und Beinen sowie die Koordination der Springreiterinnen und -reiter getestet werden können - in den Praxisräumlichkeiten, ohne Pferd. «Bei diesen Tests geht es darum, die individuellen Schwachstellen zu eruieren, um diese mithilfe eines eigens zusammengestellten Trainingsprogramms gezielt zu beheben», erklärt Davidson.

Funktionelle Analyse der 
Beckendynamik und der 
Stabilität im Einbeinstand.
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<br />Analyse fonctionnelle de la flexibilité du bassin et de la stabilité debout sur une jambe. Funktionelle Analyse der Beckendynamik und der Stabilität im Einbeinstand. (Foto: medbase)

Hotspots Rücken und Oberschenkel

Aus seiner mehrjährigen Erfahrung weiss Andy Kistler, dass Springreiterinnen und -reiter besonders anfällig sind für Schmerzen und Verletzungen im Bereich der Lenden- und Brustwirbelsäule, des Nackens und der Schultern, aber auch der Adduktoren in den Oberschenkeln. Dies bestätigt Liz Davidson auch aus wissenschaftlicher Sicht: «Aufgrund von Haltungsasymmetrien oder unbewussten Kompensationsstrategien beim Reiten entstehen muskuläre Disbalancen, die Schmerzen bereiten können und den Sportler verletzungsanfällig machen. So kann beispielweise eine Disbalance oder Schwäche der Rumpfmuskulatur Schmerzen im unteren Rücken verursachen als Folge der Fehlbelastungen und folglich reduzierten Ausdauer der Hüftextensoren und Hüftadduktoren, die wichtige Muskeln für eine effektive Reithaltung sind.»

 

Reiten allein macht nicht fit genug

Wurden bei dem rund einstündigen SpartaNova-Screening muskuläre Schwachstellen, eine eingeschränkte Beweglichkeit oder funktionale Asymmetrien erkannt, erarbeitet Liz Davidson ein Trainingsprogramm, das auf die individuellen Bedürfnisse des betreffenden Reiters abgestimmt ist. «Gerade die Rumpfstabilität kommt den Athletinnen und Athleten nicht nur bei der Ausübung ihres Sports zugute, sondern auch im Alltag. Oftmals passieren Verletzungen nämlich nicht im Training oder im Wettkampf, sondern bei der täglichen Arbeit», erklärt die Sportphysiotherapeutin. Ein weiterer wichtiger Faktor, um verletzungsbedingte Ausfälle zu vermeiden, ist die Kondition. Andy Kistler erläutert: «Kondition bedeutet Konzentration. Wer ermüdet, ist nicht mehr fokussiert. So sind Höchstleistungen nicht mehr abrufbar, und die Verletzungsgefahr steigt.»

Man könnte meinen, dass Profireiterinnen und -reiter dieses funktionelle Training gar nicht brauchen, um fit zu bleiben - schliesslich sind sie den ganzen Tag auf den Beinen und im Sattel. Doch Liz Davidson winkt ab: «Gerade auch Profireiter sind repetitiven Mehrbelastungen ausgesetzt - durch das Reittraining, die tägliche Arbeit und die vielen Reisen. Die Folge können chronische Schmerzen mit, wenn unbehandelt, entsprechend eingeschränkter Leistungsfähigkeit sein.» Ein zusätzlicher Faktor ist im Reitsport die Tatsache, dass dieser sehr lange auf hohem Niveau betrieben werden kann. So sind die Fitness und die Gesundheit speziell bei älteren Reitern noch wichtiger, damit Kondition, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit so lange wie möglich erhalten bleiben.

Die Auswertung des Screenings zeigt deutlich, wo die Schwachstellen des Athleten liegen. (Bild: SpartaNova) Die Auswertung des Screenings zeigt deutlich, wo die Schwachstellen des Athleten liegen. (Bild: SpartaNova)

Funktionelles Training integrieren

Damit das individuelle Übungsprogramm auch wirklich umgesetzt wird, empfiehlt die SpartaNova-Expertin, das funktionelle Training als festen Bestandteil in die Trainings- und Wettkampfplanung zu integrieren. «Manche Reiter, beispielsweise Steve Guerdat, machen fast täglich und ganz selbstverständlich ihre Übungen - ob zu Hause oder auf dem Turnier», berichtet Andy Kistler, «anderen wiederum fällt es schwerer, im Alltag Raum und Zeit für Ausgleichssport zu schaffen.»

 

Rundumpaket

Sollte es trotz aller Vorsorge einmal zu einer Verletzung kommen, sind die Elitereiter des Springkaders dank der Zusammenarbeit von SVPS und Swiss Olympic auch bei der medizinischen Betreuung in besten Händen: Der Sportarzt und Chief Medical Officer von Swiss Olympic Patrik Noack steht auch unseren Springreitern zur Verfügung, um sie bei gesundheitlichen Anliegen, Behandlungen und der Rehabilitation zu beraten und an ausgewiesene Spezialisten in ihrer Region zu überweisen.

Darüber hinaus bietet der SVPS den Elite-Springreitern jährlich ein Mentaltraining beim Sportpsychologen Jörg Wetzel an. Denn wer sich sportlich auf höchstem internationalen Niveau bewegt, muss lernen, mit enormem Leistungsdruck, Niederlagen und Unwägbarkeiten umzugehen. Erfolg beginnt ja bekanntlich im Kopf, doch damit man den steilen Weg bis zum internationalen Titelgewinn bis zum Schluss gehen kann, braucht es auch im Reitsport absolut durchtrainierte und gesunde Athletinnen und Athleten.

Cornelia Heimgartner

«Meine Schwachstellen haben mich überrascht»

Edwin Smits ist Mitglied des Schweizer Elite-Springkaders und berichtet über seine Erfahrungen mit SpartaNova

Edwin Smits (Foto: SVPS) Edwin Smits (Foto: SVPS)

Bulletin: Weshalb hast du dich entschieden, den SpartaNova-Test zu machen?

Edwin Smits: Ich habe immer viel Sport getrieben, ging regelmässig joggen und fühlte mich fit. Doch dann zog ich mir Anfang Jahr zwei Diskushernien zu. So eine Verletzung wirft einen sportlich natürlich enorm zurück. Ausserdem lebe ich vom Reiten und vom Pferdehandel. Da ist ein solcher verletzungsbedingter Ausfall schon einschneidend. Dank der optimalen medizinischen Betreuung war ich aber nur sechs Wochen später schon wieder an einem Turnier am Start. Da hat mir meine gute Grundfitness sicher geholfen. Nach dem Bandscheibenvorfall arbeitete ich dann mit einem Personal Trainer im Fitness.


Deshalb dachte ich erst, den SpartaNova-Test brauche ich nicht. Dennoch blieb der Zweifel, dass ich offenbar doch Schwachstellen in meinem Körper habe. Diese wollte ich finden und gezielt angehen, um erneute Verletzungen zu vermeiden. So entschied ich mich, das SpartaNova-Angebot zu nutzen, denn das Screening fokussiert nicht allein auf den Rücken, sondern umfasst auch die Beine und Arme.

 

Und was hat das Screening ergeben?

Meine Schwachstellen haben mich überrascht! Ich dachte immer, meine rechte Seite sei meine starke Seite. Aber die Muskeltests haben gezeigt, dass meine rechte Seite schwächer ist. So kann ich mit meinem Personal Trainer nun gezielt an dieser Schwachstelle arbeiten.

 

Wie oft trainierst du deine Fitness?

Ich bin dreimal pro Woche für eine Stunde im Fitness. Mein Ziel dieses Trainings ist, beim Reiten besser zu werden - es geht also nicht einfach darum, Muskelmasse aufzubauen. Es muss schon funktionell sein für mein eigentliches sportliches Ziel. Zur Fitness gehört aber nicht nur die Kraft, sondern auch die Ausdauer - dafür gehe ich joggen - sowie die Koordination und das Gleichgewicht, die man mit ganz einfachen Übungen wie beispielsweise dem Jonglieren mit Bällen schulen kann. Eine gute Fitness und Kondition führen dann auch zu einer besseren Konzentration. Wenn ich morgens joggen war und gut gefrühstückt habe, bin ich viel fokussierter auf die Leistung, die ich während des Tages erbringen muss.

 

Wem würdest du ein solches Fitnessprogramm empfehlen?

Roger Federer sagte einmal: «Früher ging alles von selbst, heute muss ich gezielt trainieren, um fit und gesund zu sein.» Das ist auch für uns Reiter eine interessante Aussage. Was ich tue, möchte ich zu 100% machen. Und wenn ich das körperlich nicht mehr kann, dann höre ich auf. Das ist mein Ansporn! Dennoch glaube ich nicht, dass Fitnesstraining nur «älteren» Reitern zugutekommt. Ich hatte früher, als junger Reiter, immer wieder Rücken- und Adduktorenprobleme. Deshalb habe ich vor zehn Jahren mit dem Fitnesstraining begonnen, und seither geht es mir viel besser! Dennoch hatte ich diese Bandscheibenvorfälle - ich trainierte nicht gezielt genug. Beim Reiten allein trainiert man nicht ganzheitlich. Die Bauchmuskeln beispielsweise werden beim Reiten nicht ausreichend trainiert, was zu einem muskulären Ungleichgewicht führt, und der Reiter wird unabhängig vom Alter anfällig für Schmerzen und Verletzungen.

 

Wirst du nochmals einen SpartaNova-Test machen?

Ich werde sicher im Winter nochmals überprüfen lassen, wo ich stehe und ob ich allenfalls eine Anpassung des Trainings vornehmen muss. Ich bin sehr froh, die Möglichkeit für dieses Screening zu haben. So bin ich zuversichtlich, das Verletzungsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren.

Kontrolle des Bewegungsradius der aktiven Hüftbeugung mit dem Rücken in neutraler Position. (Foto: medbase) Kontrolle des Bewegungsradius der aktiven Hüftbeugung mit dem Rücken in neutraler Position. (Foto: medbase)

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