Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Abschied von einem stillen Champion und grossen Pferdemenschen

12 Februar 2018 08:00

Willi Melliger war der erfolgreichste Schweizer Springreiter und ein Pferdemensch durch und durch. Er brachte nicht nur den legendären Calvaro, sondern die unterschiedlichsten Pferde in den grossen Sport, und als Händler schaffte er es wie kein Zweiter, für seine Kunden den passenden Beritt zu finden. Am 16. Januar ist Willi Melliger nach einem Hirnschlag im Alter von nur 64 Jahren gestorben. Nicht nur seine Familie, die ganze Pferdesportwelt wird ihn schmerzlich vermissen.

Die Schweiz weinte mit Willi Melliger, als am ersten Sonntag im Februar 2003 der weisse Wunderschimmel Calvaro beim CSI Zürich in einer emotionalen Zeremonie aus dem Sport verabschiedet wurde. Auf einer grossen Leinwand sahen die fast 12 000 Zuschauer im Hallenstadion noch einmal die grössten Erfolge des Traumpaares: Willi Melliger und Calvaro, wie sie im Einzel die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Atlanta gewinnen und vier Jahre später in Sydney erneut Silber, diesmal mit dem Team. Willi Melliger im roten Veston und der schneeweisse Calvaro, wie sie bei Europameisterschaften über die Hindernisse fliegen und sich vier Medaillen sichern, darunter Team-Gold und Einzel-Bronze 1995 in St. Gallen. Die meisten im Publikum hatten Gänsehaut. Denn auf der Leinwand wurden nicht nur die Stationen einer erfolgreichen Sportkarriere gezeigt, sondern auch Momente einer aussergewöhnlichen, einer einmaligen Verbindung von Mensch und Tier. Eine Partnerschaft zwischen einem tollen Pferd und einem begnadeten Reiter, die gemeinsam Geschichte schrieben. 

Willi Melliger selber stand regungslos und mit feuchten Augen beim Eingang zur Arena und sah sich auf der Leinwand selber von Triumph zu Triumph reiten. Schöne Erinnerungen mischten sich mit Wehmut. Und als er dann zu Fuss das grosse weisse Pferd, seinen Calvaro, ein letztes Mal ins Scheinwerferlicht führte, liefen Willi Melliger die Tränen übers Gesicht. Auch im Publikum wurde auffällig oft geschnäuzt. 

Willi Melliger und Calvaro Z anlässlich des CSI Zürich 2003 als Calvaro als Sportpferd verabschiedet wurde. Willi Melliger und Calvaro Z anlässlich des CSI Zürich 2003 als Calvaro als Sportpferd verabschiedet wurde.

Willi ist immer Willi geblieben 

Der Neuendorfer und Calvaro waren die ersten Superstars des Schweizer Springsports: Wo sie antraten, liess sich das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreissen. Von Calvaro gab es Poster, ein Buch wurde über ihn geschrieben und Fanartikel mit seinem Konterfei verkauft. Post mit der Aufschrift «Calvaro, Neuendorf» erreichte zuverlässig ihr Ziel. Gemeinsam mit Willi Melliger wurde der weisse Riese zum Botschafter einer Randsportart, wie es ihn seither nicht mehr gegeben hat. Auch «Willi national» kannte man bald in der ganzen Schweiz, auch ausserhalb der Pferdesportszene. Der am 26. Juli 1953 geborene Willi Melliger genoss zwar die Wertschätzung und den Respekt, die man seinen sportlichen Erfolgen entgegenbracht hatte, in den Kopf gestiegen ist ihm der Ruhm aber nicht. Willi ist immer Willi geblieben: bodenständig, zurückhaltend, zigarrenrauchend, kantig, wortkarg. Im internationalen Springsportzirkus, der mit den Jahren immer mondäner, immer glamouröser geworden ist, wirkte der gelernte Metzger stets etwas fehl am Platz - und doch gehörte er in diese Welt wie kein anderer, er lebte und atmete den Springsport. 

Erfolgreichster Springreiter des Landes

Willi Melliger feierte schon weit vor der Ära Calvaro grosse Erfolge im Springsattel. Bereits im Alter von 21 Jahren gewann er mit Rhonas Boy seinen ersten Schweizer-Meister-Titel - fünf weitere sollten im Verlaufe seiner Karriere folgen. Nur zwei Jahre später, 1976, siegte Willi Melliger im Grossen Preis des CSIO Schweiz in Luzern, ebenfalls mit Rhonas Boy. 1977, da war er 24-jährig, vertrat Willi Melliger bei den Europameisterschaften in Wien zum ersten Mal die Schweizer Farben an einem Championat. Mit seiner ersten EM-Medaille, die er im Jahre 1981 im Sattel von Trumpf Buur in München gewann, legte der Solothurner den Grundstein für eine Erfolgsserie, die bis heute seinesgleichen sucht: Er holte bei den kontinentalen Titelkämpfen bis ins Jahr 2003 weitere 12 Mal Edelmetall, im Jahr 1993 sogar Doppelgold mit der unvergesslichen Franzosenstute Quinta C. Zusammen mit seinen beiden Olympia-Silbermedaillen kommt Willi Melliger auf 15 Medaillen bei internationalen Titelkämpfen, was ihn bis heute zum erfolgreichsten Springreiter der Schweiz macht. Geschichte schrieb er ausserdem als zweiter Schweizer nach Paul Weier, der den Grossen Preis von Aachen, den prestigeträchtigsten Grand Prix der Welt, für sich entscheiden konnte. Auch neben dem Parcours war Melliger ein erfolgreicher Geschäftsmann, Veranstalter eines internationalen Springturnieres in Neuendorf und gewiefter Pferdehändler. Er hatte ein untrügliches Auge für gute Pferde und fand nicht nur für sich selber immer wieder talentierte Vierbeiner, sondern auch für seine Reiterkollegen und Kunden. Dabei verstand er es wie kein Zweiter, die richtigen Pferd-Reiter-Kombinationen zusammenzuführen - und keiner freute sich so sehr wie er, wenn «es passte». Deshalb vertrauten selbst langjährige Weggefährten seinem fachlichen Urteil. Und wo er konnte, betätigte er sich als Strippenzieher: Markus Fuchs, seinem Teamkollegen bei zahlreichen Championaten, vermittelte er den Kontakt zur Besitzerin von Tinka’s Boy, der für den St. Galler zum «Pferd seines Lebens» wurde. Und Werner Muff begleitete er auf Pferdesuche nach Deutschland, wobei die beiden den 2008 geborenen Daimler entdeckten, der sich zum Weltklassepferd entwickelt. 

Foto: Angelika Nido Foto: Angelika Nido

1995 wird Melliger an der EM in St. Gallen erneut Team-Europameister und gewinnt Bronze in der Einzelwertung mit Calvaro V. 1995 wird Melliger an der EM in St. Gallen erneut Team-Europameister und gewinnt Bronze in der Einzelwertung mit Calvaro V.

Engagement für den Nachwuchs

Willi Melliger beendete seine aktive Reitsportkarriere im November 2010 an einem kleinen Turnier in Slowenien - still und leise, ohne Rummel um seine Person. Sein Wissen und seine Erfahrung gab er nicht nur seinen beiden Söhnen Kevin und Kay weiter, die beide zu guten Springreitern herangewachsen sind, sondern dem gesamten einheimischen Nachwuchs. Von 2006 bis 2016 war Willi Melliger für den Schweizerischen Verband für Pferdesport als Coach der Junioren- und Junge-Reiter-Kader verantwortlich - zusammen mit dem Kaderverantwortlichen Albert Lischer, der ihm an den Turnieren jeweils den Rücken frei hielt, damit er sich ungestört auf das Geschehen auf dem Abreiteplatz und im Parcours konzentrieren konnte. Unvergesslich bleibt das «Sommermärchen» 2013, als die Junioren und Jungen Reiter im spanischen Vejer de la Frontera zum ersten Mal in der Geschichte des Schweizer Pferdesports Doppel-Gold bei einer Nachwuchs-EM gewinnen konnten.

Die letzte Hürde war zu hoch

Gesundheitlich meinte es das Schicksal weniger gut mit Willi Melliger. Vor einem Jahr erlitt er einen Herzinfarkt und musste notfallmässig operiert werden. Von diesem Eingriff erholte er sich jedoch schnell wieder, den Konsum seiner geliebten Zigarren soll er darauf stark eingeschränkt haben. Am 13. Dezember musste Willi Melliger nach einem Hirnschlag erneut ins Krankenhaus gebracht und notoperiert werden. Danach ist er nicht mehr aus dem Koma erwacht und verstarb fünf Wochen später, in der Nacht auf den 16. Januar. Die Trauerfeier fand am 5. Februar in der Kirche St. Martin in Olten statt. Seine letzte Ruhestätte befindet sich in Neuendorf, wo die Beisetzung der Urne im engsten Familienkreis erfolgte. Willi Melliger war zweimal verheiratet. Aus erster Ehe hinterlässt er Tochter Michele sowie aus seiner zweiten Ehe mit Nadja Melliger-Savary den 18-jährigen Kay und den 23-jährigen Kevin, die den Handelsstall und damit ein Teil des Lebenswerks seines Vaters weiterführen werden.

Angelika Nido Wälty

Verantwortlich für die Nachwuchskader Springen bis 2016: Equipenchef Albert Lischer und Technischer Coach Willi Melliger (rechts). Verantwortlich für die Nachwuchskader Springen bis 2016: Equipenchef Albert Lischer und Technischer Coach Willi Melliger (rechts).

Ehrung am CSI Basel 2012 (v. l.): Walter Gabathuler, Thomas und Markus Fuchs, Philippe Guerdat und Willi Melliger. Ehrung am CSI Basel 2012 (v. l.): Walter Gabathuler, Thomas und Markus Fuchs, Philippe Guerdat und Willi Melliger.

Willi Melliger und Calvaro V anlässlich der Olympischen Spiele in Atlanta (USA). Willi Melliger und Calvaro V anlässlich der Olympischen Spiele in Atlanta (USA).

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