Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Dossier: Pferdehaltung & Raumplanung

Ein gutes Stallklima für die Pferde - was heisst das genau?

01 November 2021 09:00

Der Begriff Stallklima kennzeichnet die Umweltbedingungen von Tieren und Menschen in Ställen. Dabei ist das Zusammenspiel von Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftgeschwindigkeit, Temperatur der Boden- und Wandoberflächen sowie der Wärmeleitfähigkeit der Liegefläche massgeblich für die Qualität des Stallklimas.

Das Stallklima wird beeinflusst durch die Zusammensetzung der Luft aus Gasen, Stäuben, Bioaerosolen (in der Luft schwebende Mikroorganismen) und weiteren chemischen und biologischen Faktoren. An der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) wurden verschiedene, aktuelle Untersuchungen dazu durchgeführt, die am Brennpunkt Pferd 2021 vorgestellt werden.

Einflussfaktoren auf die Ammoniakbildung im Pferdestall. Einflussfaktoren auf die Ammoniakbildung im Pferdestall. (Foto: HAFL)

Pferdehaltungssysteme, Gesundheit und Wohlbefinden

Pferde werden in der Schweiz nach wie vor hauptsächlich in Boxen gehalten (51,1%), auch wenn deren Zahl gegenüber 2002 mit 83,5% nach Angaben von Agroscope (2018) deutlich gesunken ist. Zur Boxenhaltung werden Aussenboxen, Innenboxen und Auslaufboxen gezählt. Der Prozentsatz von in Gruppen gehaltenen Pferden beträgt nach der letzten Erhebung 48,3% (Agroscope 2018). Dabei kann es sich um Gruppenboxen (0,51%), Gruppenauslaufhaltung (18,9%), Mehrraumgruppenhaltung (23,2%) oder Gruppenweidehaltung (4,6%) handeln.

Die Haltungsbedingungen der Pferde sind für die Gesundheit und das Wohlbefinden von grosser Wichtigkeit. In Bezug auf die Gesundheit sind insbesondere die Atemwege zu nennen, da das Pferd sehr empfindlich gegen Partikel und schädliche Gase in der Luft ist. Aber auch der Atemwegsgesundheit der Stallmitarbeitenden muss Beachtung geschenkt werden. Pferde bzw. Equiden bevorzugen eingestreute, trockene Liegeflächen gegenüber nicht eingestreuten Bodenflächen, um das Wohlbefinden der Tiere zu gewährleisten. Aus diesem Grunde müssen gemäss Schweizer Tierschutzgesetzgebung sowohl in Einzel- als auch Gruppenhaltungssystemen Liegeflächen eingestreut werden. Auch die Qualität, Menge und Dauer der Raufutterbereitstellung dürfen in Bezug auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Pferde nicht vergessen werden. Raufutter und Einstreu haben wiederum Einfluss auf das Stallklima, beispielsweise in Bezug auf den Staub- und Keimgehalt oder die Ammoniakfreisetzung.

Grösse der Staubpartikel und wie 
tief sie in die Atemwege des Pferdes vordringen können.
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<br />Selon leur taille, les particules de poussière peuvent pénétrer plus ou moins profondément dans les voies respiratoires du cheval. Grösse der Staubpartikel und wie tief sie in die Atemwege des Pferdes vordringen können. (Foto: HAFL)

Kohlendioxid

Woher kommt das Kohlendioxid (CO2) in Pferdeställen? In der trockenen Aussenluft beträgt die CO2-Konzentration nur 0,04 Volumenprozent (Vol-%), die wichtigsten Gase in der Luft sind Stickstoff (N) mit rund 78 Vol-% und Sauerstoff (O2) mit rund 21 Vol-%. Andere Gase sind nur in Spuren in der Luft enthalten. Der grösste CO2-Produzent ist das Tier selbst, denn mit jedem Atemstoss atmet es 3 bis 4 Vol-% aus. Kleinere Mengen CO2 werden durch die Zersetzung von Kot und Harn freigesetzt. Gesundheitsgefährdende Konzentrationen kommen in Pferdeställen nicht vor, erhöhte Konzentration weisen aber auf eine schlechte Luftqualität hin. Auch in Bezug auf die Raumluftqualität für den Menschen zeigen neuere Studien, dass CO2-Werte oberhalb von 1000 ppm zu Leistungsverlusten führen können. In geschlossenen Gebäuden steigt die CO2-Konzentration schnell mal auf derartige Werte an, was immer auf unzureichende Lüftung hinweist. In einer Studie der HAFL diente die kontinuierliche Messung der CO2-Konzentration in einem Pferdestall zur Beurteilung verschiedener Belüftungssysteme.

Pferdehaltung im Freien
<br />Détention de chevaux à l’air libre Pferdehaltung im Freien (Foto: Conny Herholz)

Ammoniak

Ab einer Konzentration von 8 bis 10 ppm wird Ammoniak (NH3) vom Menschen geruchlich wahrgenommen. Diese Obergrenze von 10 ppm deckt sich mit den Empfehlungen für die maximalen Ammoniakwerte in der Tierhaltung bzw. Pferdehaltung. In hohen Konzentrationen (ca. 29-36 ppm) kann es die Haut und die Schleimhäute der Atemwege massgeblich irritieren.

Ammoniakkonzentrationen unter 0,25 ppm in Pferdeställen gelten als nicht existent oder als sehr niedrig. Beeinflusst wird die NH3-Konzentration durch verschiedene Faktoren, wobei die Aussentemperatur eine grosse Rolle spielt. Bei kühlen Temperaturen ist mit einer wesentlich geringeren Ammoniakfreisetzung zu rechnen.

Der Mensch riecht Ammoniak ab einer Konzentration von 8-10 ppm.
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<br />L’humain perçoit l’ammoniac par l’odeur à partir d’une concentration de 8 à 10 ppm Der Mensch riecht Ammoniak ab einer Konzentration von 8-10 ppm. (Foto: HAFL)

Schwefelwasserstoff

Schwefelwasserstoff (H2S) ist ein sehr giftiges Verrottungsgas, das in Gülle entsteht. Es ist schwerer als Luft und bildet an den tiefsten Stellen Seen - also in den Güllekanälen und Gruben. Sobald messbare Konzentrationen vorhanden sind, können Mensch und Tier gefährdet sein. Beim Aufrühren oder Umspülen von Gülle wird H2S freigesetzt und häufig schwallartig in Wolken in die Stallluft abgegeben. Unter diesen Umständen können lebensgefährliche H2S-Konzentrationen auftreten, was in Pferdeställen aber selten zu befürchten sein dürfte.

 

Staub

Staub besteht aus feinsten, festen Partikeln, die in der Luft schweben. Staubpartikel bestehen aus lebenden Partikeln wie Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten (sogenannte Bioaerosole), aus unbelebten Partikeln wie mineralischen Stäuben und aus Aerosolen wie Ammoniak, Kohlendioxid und anderen Gasen. Die Atemwege der Pferde haben eine hohe Leistungsfähigkeit, sind aber auch sehr empfindlich gegenüber äusseren Faktoren wie Staub oder Schadgasen. Chronische Atemwegserkrankungen kommen beim Pferd häufig vor, wobei die allergische Disposition zu Stäuben beim Pferd dem Asthma beim Menschen ähnelt.

Im Wesentlichen werden drei Quellen für die Herkunft von Staub im Pferdestall genannt: das Pferd selbst (Haare, Haut, Mist), die Einstreu und das Raufutter. Die Zusammensetzung und die Konzentration des Staubs werden durch zahlreiche Faktoren wie das Management, die Stallbelüftung, die Tierbesatzdichte, die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur beeinflusst.

Staub wird nach seiner Partikelgrösse (engl. «particular matter», PM) klassifiziert. Die vom Pferd einatembaren Partikel haben eine Grösse unter 100 µm, diejenigen, die durch die Luftröhre bis in den Brustraum vordringen können, haben eine Grösse ≤ 10 µm, und diejenigen mit einer Grösse unter ≤ 5 m können bis in die Lungenbläschen gelangen.

Die Partikel, die in die Lungenbläschen vordringen (PM ≤ 5 µm), stören den Gasaustausch. Aber auch die grösseren Partikel mit PM ≤ 10 µm führen zu vermehrter Schleimbildung in den Atemwegen und zu erhöhter Infektionsgefahr.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden für den Menschen maximale durchschnittliche Staubexpositionen mit der Grösse PM 2.5 von 25 µg/m³ und PM 10 von 50 µg/m³ pro Tag empfohlen. In der Schweiz existieren keine gesetzlichen Bestimmungen zu Maximalkonzentrationen von Staub in Tierhaltungen, aber nach einer Studie der HAFL werden sogar niedrigere maximale Tagesexpositionen als beim Menschen für das Pferd empfohlen. Diese Empfehlung basiert auf Erhebungen der durchschnittlichen Staubkonzentrationen über zwei bis sechs Wochen in unterschiedlichen Ställen mit verschiedenen Einstreu- und Raufutterarten und unterschiedlichem Management.

Offene Stallhaltung verringert 
Staub und Gase.
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<br />La stabulation ouverte réduit les poussières et les gaz. Offene Stallhaltung verringert Staub und Gase. (Foto: Conny Herholz)

Fazit

Die Beurteilung des Stallklimas ist komplex und wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Klimawerte in Ställen sollten überwacht werden, um zusammen mit geeigneter Einstreu, staubarmer Fütterung, guter Stallbelüftung und richtigem Management wesentlich zum Tier- und zum Menschenwohl beizutragen.

Conny Herholz
Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL)

 

Empfehlungen zu wesentlichen Faktoren, die das Stallklima beeinflussen
– Temperatur: 5-15 °C (BLV)
– Luftfeuchte: 50-80 % (BLV)
– Licht: mind. 15 Lux (BLV), 50-80 Lux (FN), 1000 Lux (Gutachter)
– Luftgeschwindigkeit: mind. 0,2 m/s (BMEL)
– Kohlendioxid (CO2): < 1000 ppm
– Ammoniak (NH3): < 10 ppm
– Schwefelwasserstoff (H2S): 0 ppm
– Staub: PM 2.5 ≤ 10 µg/m3, PM 10 ≤ 30 µg/m3 (HAFL)

BLV = Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Schweiz
BMEL = Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Deutschland
FN = Deutsche reiterliche Vereinigung

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