Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Dossier: Portraits

«Entscheidend für das faire Miteinander mit dem Pferd ist immer der Faktor Mensch»

09 November 2020 09:00

Die Managementtrainerin, Volkswirtschaftlerin und Grand-Prix-Dressurrichterin Barbara Gorsler beleuchtet in ihrem neuen Buch «Typisch Pferd? Typisch Mensch!» in zehn unterhaltsamen Kurzgeschichten das nicht immer ganz unkomplizierte Zusammenleben von Pferd und Mensch. Augenzwinkernd schildert sie problematische Situationen, wie wir Pferdemenschen sie alle kennen. Doch hinter der Karikatur steckt viel Wahrheit und eine ernste Absicht der Autorin: das faire Miteinander zwischen Mensch und Pferd zu verbessern.

Die unterschiedliche Wahrnehmung von Reiter und Pferd wird im Buch treffend skizziert. | © Kerstin Diacont Die unterschiedliche Wahrnehmung von Reiter und Pferd wird im Buch treffend skizziert. | © Kerstin Diacont

«Bulletin»: Barbara Gorsler, was hat Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Barbara Gorsler: Die Thematik der Fairness gegenüber dem Pferd ist mir ein grosses Anliegen und die Idee, darüber ein Buch zu schreiben, schwirrte schon seit einiger Zeit in meinem Kopf herum. Wichtige Gedankenanstösse dazu lieferten zudem die Broschüre des SVPS «Fair zum Pferd» sowie der vom Schweizer Tierschutz initiierte Workshop «Pferdegerechter Sport», der letztes Jahr in Matzendorf (SO) stattfand. Als im Frühjahr 2020 mit Corona dann nach und nach alle Aktivitäten zum Erliegen kamen, fand ich endlich die Zeit, das Buch zu realisieren.

Ich möchte mit meinen Geschichten, «die das Leben schrieb, mit allen Höhen und Tiefen» zum Nachdenken - und sicher auch zum Schmunzeln - anregen.

 

Als Dressurrichterin und Anbieterin von pferdegestütztem Coaching können Sie ganz unterschiedliche Beziehungsmuster zwischen Pferden und Menschen beobachten. Haben Sie die Geschichten aus dem Buch tatsächlich so erlebt?

In meinem Alltag rund um die Pferde habe ich schon vieles erlebt und gesehen. Die im Buch beschriebenen Situationen kennen wir alle. So wird zum Beispiel beleuchtet, wie es sich auf das Pferd auswirkt, wenn wir es allzu sehr vermenschlichen, uns selbst überschätzen oder unsere Emotionen nicht im Griff haben. Die Geschichten schildern Erlebnisse von Sport- und Freizeitreitern - disziplinenübergreifend.

Im Buch ging es mir darum, «verfahrene» Situationen zu analysieren und herauszufinden, woran die Mensch-Pferd-Beziehung im Einzelfall gescheitert ist, und was zu mehr Fairness gegenüber dem Pferd gefehlt hat. Es werden verschiedene Lösungsperspektiven skizziert, die als Anregung für den eigenen Umgang mit dem Pferd dienen können. Es sind viele Faktoren, die matchentscheidend sind, von der Reittechnik über die Pferdehaltung bis hin zum Wissen über das Wesen und die Anatomie des Pferdes. Über all diese Themen wurden schon viele Bücher geschrieben. Mein Fokus liegt berufsbedingt auf der menschlichen Komponente. Pferde halten uns den Spiegel vor, und wenn wir bereit sind, die Erlebnisse zu reflektieren, können wir daran persönlich wachsen. So können wir im Umgang mit Pferden zum Beispiel lernen, achtsamer im Hier und Jetzt zu sein, einfühlsam auf unser Gegenüber einzugehen, über uns selbst hinauszuwachsen - und auch Grenzen zu akzeptieren oder loszulassen. Wir erleben mit Pferden, wie wir mit mentaler Stärke fokussierter unsere Ziele erreichen, und auch, wie wichtig es ist, mit den eigenen Emotionen umgehen zu können.

Um dies alles zu erkennen und den Pferden gegenüber fair zu bleiben, muss man manchmal einen Schritt zurückstehen und all die genannten Puzzleteile zusammensetzen und analysieren - nur so kann ein harmonisches Miteinander gelingen.

So kann man auch sagen: Wenn der Mensch mit sich im Reinen ist, geht es auch dem Pferd besser!

Wenn der Mensch mit sich im Reinen ist, geht es auch dem Pferd besser!

Die Buchautorin Barbara Gorsler setzt sich ein für einen fairen Umgang mit dem Pferd. | © Ina P. Krüger Die Buchautorin Barbara Gorsler setzt sich ein für einen fairen Umgang mit dem Pferd. | © Ina P. Krüger

Die Situationen, die im Buch beschrieben werden, sind etwas überzogen und bringen einen auch immer wieder zum Schmunzeln. Man erkennt sich selbst oder kennt jemanden, auf den die Erzählung so schön passt. Allen Geschichten ist gemeinsam, dass der Weg in die Sackgasse nicht von einer bösen Absicht ausging. Die Menschen haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt - und sind trotzdem gescheitert. Sind die Missverständnisse zwischen Pferd und Mensch ein modernes Phänomen, oder gab es das schon immer?

Grundsätzlich war früher nicht alles besser als heute - auch nicht im Umgang mit dem Pferd! Sicher gibt es heute aber mehr Pferdesporttreibende als früher, die nicht mit Pferden aufgewachsen sind. Sie sind «Suchende» und lassen sich leicht beeinflussen. Nicht selten finden sie ihre - vermeintlichen - Antworten im Internet oder bei selbst ernannten «Gurus», was durchaus problematisch sein kann. Je länger, je weniger gibt es die «echten» Pferdekenner, wie die legendären Stallmeister, die durch ihre langjährige Erfahrung fundiertes Wissen über das Pferd vermitteln können. Entscheidend sind Ausbilder, die ein umfassendes Pferdewissen haben und einen logischen Trainingsaufbau verfolgen, um Mensch und Pferd zu einem Team werden zu lassen. Das beinhaltet auch, einmal ehrlich sagen zu können, wenn ein Paar nicht zusammenpasst - wenn zum Beispiel das Pferd oder der Reiter überfordert ist.

 

Das Buch trägt den Untertitel «Wie ein faires Miteinander gelingen kann». Gibt es ein Richtig und ein Falsch im Umgang mit dem Pferd?

Natürlich muss man jede Situation individuell beurteilen, und es sind viele Faktoren, die mitspielen. Es gibt kein garantiertes Erfolgsrezept. Was für den einen Fall richtig ist, kann in einem anderen Fall falsch sein. Ich denke, wenn der Reiter dem Pferd gerecht werden will, muss er lernen, die Situation aus der Perspektive des Pferdes zu betrachten - sich in dessen natürliche Verhaltensmuster hineinzuversetzen. So kann er beurteilen, ob das Pferd ihn versteht und seine Anforderungen erfüllen kann.

Man kann nicht von einer gleichberechtigten Partnerschaft sprechen, denn schlussendlich sind die Pferde gezwungen, in unserem menschlich geprägten Umfeld zu leben. Wir entscheiden über sie. Die Pferde brauchen Führung, die auf einer Balance zwischen Respekt und Vertrauen beruht. Das heisst, wenn ich zu Harmonie gelangen will, braucht es manchmal auch klare «Grenzziehungen» - sanft, aber konsequent.

Die Pferde brauchen Führung, die auf einer Balance zwischen Respekt und Vertrauen beruht.

Was raten Sie Pferdeleuten, die Menschen in ihrem Umfeld kennen, die auf die Geschichten in Ihrem Buch passen: Soll man sie auf ihre Fehler ansprechen und ihnen Tipps geben, oder muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen und aus seinen Fehlern lernen?

Ungebetene Ratschläge können wie Schläge empfunden werden. Wer in heiklen Situationen unaufgefordert gut gemeinte Tipps gibt, kann bei der betreffenden Person auch das Gegenteil auslösen: Sie fühlt sich vielleicht angegriffen und wird ablehnend reagieren. Besonders wenn die Emotion «hochkocht», ist der Verstand oft ausgeblendet. Grundsätzlich gilt: Wer nicht bereit ist, sich zu ändern, kann Hilfe nicht annehmen.

Dennoch ist es wichtig, als Aussenstehende in solchen Situationen auch Mut zu beweisen. Oft ist es hilfreich, Wahrnehmungen aus der Ich-Perspektive zu beschreiben: «Mir ist aufgefallen, dass …», «Ich habe den Eindruck, dass …», «Ich kenne deine Situation und habe die Erfahrung gemacht, dass …» Dadurch lässt man seinem Gegenüber die Tür offen, sich zu erklären. Man greift nicht an, sondern räumt ein, dass man sich in seiner Wahrnehmung getäuscht haben könnte. So können konstruktive Gespräche entstehen.

 

Was kann man als Verband oder als Offizieller dazu beitragen, das faire Miteinander zwischen Pferd und Mensch zu verbessern?

Der Verband gibt für die Ausbildung von Pferdesportlern und Offiziellen verbindliche Richtlinien vor, die sich an einem fairen Miteinander von Pferd und Mensch orientieren. Neben den Reglementen hat der SVPS wichtige Grundsätze zum Pferdewohl in der sehr gelungenen Broschüre «Fair zum Pferd» publiziert.

Als Offizielle kann man auf dem Turnierplatz immer wieder Anregung zu fairem Verhalten geben. Ich bin Dressurrichterin. Da kann ich meinen Gesamteindruck eines Paars in den Fussnoten, die wir in der Schweiz glücklicherweise noch haben, beurteilen und nötigenfalls Kommentare ergänzen, wenn eine Vorstellung in meinen Augen nicht fair war. Als Aufsichtsperson am Abreitplatz kann ich Reiterinnen und Reiter ansprechen, wenn mir deren Verhalten gegenüber dem Pferd unfair erscheint. Manche Reiter - und ihre Entourage - können damit gut umgehen und sind dankbar, andere wiederum fühlen sich ungerechtfertigt angegriffen. Das ist nicht immer einfach für die Offiziellen, aber das ist unser Job. Wir sind die Anwälte der Pferde.

Illustration aus dem Buch «Typisch Pferd? Typisch Mensch!»: Das Pferd hält uns den Spiegel vor. | © Kerstin Diacont Illustration aus dem Buch «Typisch Pferd? Typisch Mensch!»: Das Pferd hält uns den Spiegel vor. | © Kerstin Diacont

 Wir sind die Anwälte der Pferde.

Wird im Pferdesport zu sehr in engen Kategorien gedacht und vielleicht vorschnell in «Gut» und «Böse» unterteilt, namentlich wenn es darum geht, wer sein Pferd fair behandelt und wer nicht? Ich denke da insbesondere an die manchmal verhärteten Fronten zwischen sogenannten Sportreitern und Freizeitreitern …

Es gibt in allen Bereichen gute und schlechte Beispiele: Sportreiter, die ohne Rücksicht auf das Pferd ihre sportlichen Ambitionen ausleben, Freizeitreiter, denen es an Wissen und Können mangelt, und die dem Pferd dadurch schaden. Aber es gibt auch viele positive Beispiele! Zielführend ist es, sich an positiven Vorbildern zu orientieren und von ihnen zu lernen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass heute in beiden Sparten sehr hohe Anforderungen an die Pferde gestellt werden, und unfaires Verhalten ihnen gegenüber meist nicht mit Absicht geschieht. Genau das möchte ich in meinem Buch auf unterhaltsame Art und Weise aufzeigen.

 

Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern noch mit auf den Weg geben?

Manchmal manövrieren wir uns durch eine übersteigerte Erwartungshaltung unbewusst in eine Sackgasse. Wenn wir bereit sind, in den Spiegel zu blicken, den das Pferd uns vorhält, und auch Grenzen zu akzeptieren und offen sind für eine neue Ausrichtung mit realistischen Zielen, werden wir nicht nur persönlich daran wachsen, sondern auch eine fairere Beziehung zum Pferd finden! Eine echte Win-win-Situation!

Pferde bereichern unser Leben in so vielen Facetten! Nehmen wir das mit grosser Dankbarkeit an und bemühen uns um einen fairen Umgang mit ihnen!

Das Gespräch führte
Cornelia Heimgartner

Dressurreiterin aus Leidenschaft: Barbara Gorsler mit ihrer Stute Dimaggio’s Girl | © Katja Stuppia Dressurreiterin aus Leidenschaft: Barbara Gorsler mit ihrer Stute Dimaggio’s Girl | © Katja Stuppia

© FNverlag © FNverlag

Titel: Typisch Pferd? Typisch Mensch!
Autorin: Barbara Gorsler
Verlag: FNverlag 2020
ISBN: 978-3-88542-413-0

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