Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Erbkrankheiten beim Sportpferd – Teil 4: Atemwegserkrankungen Pfeifende Geräusche, Husten, zu wenig Luft und Leistungseinbussen

20 Juli 2015 11:27

Beim Pferdekauf sowie bei der Auswahl von Zuchttieren ist Vorsicht geboten. Darum ist Vorsorgen besser als Nachsehen. Entsprechend wichtig ist die Erforschung solcher Krankheiten. In einer mehrteiligen Serie im «Bulletin» werden einige der häufigeren Krankheiten näher beschrieben, die beim Pferd eine erbliche Komponente haben. Im vierten Teil dieser Serie geht es um Atemwegserkrankungen, die zum Teil auch genetisch bedingt sind.

Pferde können von zwei wichtigen Atemwegserkrankungen mit genetisch bedingter Veranlagung betroffen sein. Die beiden Krankheiten Kehlkopfpfeifen und Pferdeasthma unterscheiden sich ganz grundlegend und werden daher hier auch getrennt beschrieben.

Kehlkopfpfeifer/Roarer

Beim Kehlkopfpfeifer, oft auch «Roarer» genannt, handelt es sich um eine in der Regel linksseitig auftretende Lähmungserscheinung des Nervus recurrens, der seinen Namen (lat. recurrere = zurücklaufen, wiederkehren) daher hat, dass er im Hals entspringt und auf der linken Seite bis in den Brustkorb hinein reicht und dann wieder am Hals entlang zum Kehlkopf zurück läuft. Dieser Nerv versorgt die Kehlkopfmuskulatur, welche den Stellknorpel zur Seite zieht und damit den Kehlkopf öffnet.

Bei Lähmungserscheinungen des Nervus recurrens kommt es darum zu einer unvollständigen Öffnung des Kehlkopfes, was sich bei Belastung mit einem durch Luftturbulenzen verursachten, typischen pfeifenden Geräusch und in schweren Fällen sogar mit einer ungenügenden Sauerstoffversorgung und Leistungseinbusse bemerkbar macht. Häufig wird die Erkrankung schon beim Einreiten/-fahren des jungen Pferdes festgestellt.

Symptome

  • «Pfeifendes» Atemgeräusch beim Einatmen (darum «Kehlkopfpfeifer»), das mit zunehmender Belastung oder Versammlung verstärkt wird.
  • Leistungsschwäche oder -abfall.

Ursache
Man nimmt an, dass die linke Seite vermehrt betroffen ist, weil der Nervus recurrens links auf Höhe des Aortenbogens (also relativ nahe beim Herzen) «fixiert» ist, was ihn anfälliger für Schädigungen machen soll. In der rechten Körperhälfte ist dieser Nerv hingegen nicht in seiner Position nach hinten fixiert. Grosse, langhalsige Pferde sind somit auch vermehrt betroffen und es besteht ausserdem eine deutliche erbliche Veranlagung. Traumatische und infektiöse Ursachen sind dagegen selten und können auch die rechte Seite betreffen.

Die Diagnose stellt der Tierarzt mittels einer Endoskopie, der Kehlkopfspiegelung. Dabei wird die Symmetrie der Stellknorpel und Stimmbänder zuerst in Ruhe und ggf. auch unter Belastung beurteilt. Die Beurteilung unter Belastung ist bei leichtgradigen und bei unklaren Fällen notwendig, um eine gute Beurteilung zu machen, dafür sind aber spezialisierte Geräte und ein erfahrener Untersucher nötig.

Behandlung
Die Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs hängt vom Schweregrad (Atemnot, Sauerstoffunterversorgung des Blutes) und vom Verwendungszweck des Pferdes ab. Es existieren verschiedene chirurgische Techniken, um dieses Problem zu beheben.

Prognose
Wenn das Pferd keine besondere Leistung erbringen muss, ist die Prognose oft auch ohne Operation gut. Der Operationserfolg liegt allgemein bei 60 bis über 80 Prozent und ist abhängig vom Verwendungszweck, wobei die Erfolgsaussichten aufgrund der höheren Belastung und Anforderungen bei Renn- und Vielseitigkeitspferden weniger günstig sind als bei Freizeit-, Dressur- oder Springpferden.

Züchterische Bedeutung von Roarern

Die Schweizer Zuchtszene ist sich einig: Es soll nicht mit Roarern gezüchtet werden. In der Schweizer Warmblut- und Freibergerzucht werden Hengste mit einer Lähmung somit ausgeschlossen.

Zuchtverband CH-Sportpferde ZVCH
Michel Dahn, Präsident des ZVCH: 
Der ZVCH lässt von den Tierärzten seiner Veterinärkommission anlässlich der Hengstkörung eine Laryngoskopie durchführen, um die betroffenen Hengste von der Zucht ausschliessen zu können.
Es wird natürlich heikler bei den vielen Hengsten, die über eine Einzeldeckbewilligung eingesetzt werden und nicht über den gleichen Kontrollstandard verfügen. Die Zuchtkommission des ZVCH sowie der Vorstand planen, einen «Swiss»-Qualitätsstempel für Hengste zu schaffen: Hengste, die beim ZVCH gekört wurden (mit Laryngoskopie usw.) würden diese Auszeichnung erhalten – nicht jedoch diejenigen mit Einzeldeckbewilligung. Die Verantwortung liegt somit in diesem Fall beim Züchter.

Cheval Suisse
Barbara Knutti, Vizepräsidentin von Cheval Suisse:
Bei Cheval Suisse sind Roarer-Hengste ebenfalls von der Zucht ausgeschlossen. Zusätzlich muss bei Stuten, die das Label «Santé» erhalten sollen, auch eine Endoskopie gemacht werden. Eine Stute mit einer halbseitigen Lähmung im Larynx kann das Label nicht erlangen.

Schweizerischer Freibergerverband
Stéphane Klopfenstein, Präsident des Schweizerischen Freibergerverbands SFV:
Freibergerhengste, die roaren, werden von der Zucht ausgeschlossen. Mit dieser Massnahme haben wir diese Erbkrankheit im Griff. Seitdem ich Geschäftsführer des Verbandes bin (2009), hatten wir bei Eingang des Stationstestes keinen Kandidaten, der davon betroffen war.

Pferdeasthma oder rezidivierende Atemwegs­obstruktion (RAO)

In der schweizerischen Pferdepopulation weisen viele ältere Pferde Anzeichen von chronischen Atemwegsbeschwerden auf, die von Besitzern oft nicht als solche ­erkannt werden. Es handelt sich bei der Erkrankung um das «Pferdeasthma», auch RAO oder früher chronisch obstruktive Bronchitis (COB) genannt, ein entzündliches, nicht infektiöses Geschehen im ­Sinne einer Überempfindlichkeitsreaktion.

Symptome

  • Zeitweiliges oder anhaltendes Husten vor allem zu Beginn der Arbeit, z. B. beim ersten Antraben, oder auch im Stall und besonders bei Heufütterung.
  • Angestrengte Atmung mit geblähten Nüstern und verstärkter «Bauchatmung».
  • Weisslicher bis gelblicher, nicht stinkender, oft schleimiger Nasenausfluss, oft nach Arbeit.
  • Vermehrtes Schwitzen und verlängerte Erholungszeit nach Arbeit; eventuell herabgesetzte Leistungsbereitschaft.

Ursache
Das Pferdeasthma ist eigentlich eine «Zivilisationskrankheit», eine Folge der Domestikation und Stallhaltung: die Pferde werden einerseits durch das Aufstallen, anderseits durch die Einführung konservierten Rauhfutters wie Heu einer viel grösseren Menge von inhalierbaren Staubpartikeln ausgesetzt, als sie dies als ursprüngliche Steppentiere gewohnt waren. Viele dieser Staubpartikel irritieren ganz allgemein die Atemwege, und manche Allergene können bei bestimmten Pferden auch asthmaähnliche Überempfindlichkeitsreaktionen bewirken. Diese Überempfindlichkeit gegen Allergene vor allem aus dem Heustaub hat eine sehr starke genetische Grundlage.

Bei diesen überempfindlichen Pferden, die ein mittel- bis hochgradiges «Pferdeasthma» entwickeln, kommt es zu Entzündung und vermehrter Schleimproduktion der Atemwege und durch die Verkrampfung der Muskulatur um die Atemwege zu Bronchospasmen. Diese Veränderungen der Luftwege führen dann zu Husten und Atemnot.

Behandlung
Die Verbesserung der Umwelt, also das Management, hat absolute Priorität. Die Allergenexposition aus dem Heu muss auf ein Minimum reduziert werden: Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass Heuersatz wie Silage oder Heuwürfel gefüttert werden, dazu evtl. erstklassiges Stroh, um den Rohfaserbedarf des Pferdes zu decken. Vielversprechend ist auch das «Steamen» des Heus. Dagegen reicht das einfache Benetzen meist nicht aus, um eine genügende Besserung herbeizuführen.

Zusätzlich können eine staubarme Einstreu, eine Aussenboxe, ein Freilaufstall mit viel Weidegang oder auch einfach das Öffnen der Fenster (auch im Winter!) helfen. Während dem Einstreuen und Misten der Boxen und dem Kehren mit dem Besen sollte man betroffene Pferde besser ins Freie stellen. Diese Haltungsoptimierung ist manchmal, besonders in Pensionsställen, nicht einfach, aber nur so kann die medikamentöse Behandlung durch den Tierarzt nachhaltig Erfolg haben. Dazu können entzündungshemmende, bronchienentspannende und allfällig schleimlösende Medikamente verabreicht werden, die aber eben nur symptomatisch nützen.

Prognose
Bei konsequenter Haltungsoptimierung können die meisten Pferde wieder normal eingesetzt werden. Die Haltungsänderung muss aber meistens für den Rest des Lebens beibehalten werden.

Züchterische Bedeutung
Das Management der befallenen Tiere ist das A und O. Die betroffenen Pferde sollen in einer möglichst staubfreien Umgebung gehalten werden, was oft leichter gesagt als getan ist. Die RAO, also die hochgradige Form des Pferdeasthmas, hat eine klare genetische Komponente, welche aber komplex ist, so dass ein einfacher Gentest gegenwärtig nicht zur Verfügung steht.

Weil die Krankheit meist erst bei 6- bis 10-jährigen Pferden ausbricht, werden betroffene Tiere bei der Selektion für die Zucht häufig nicht als solche erkannt. Weil die Symptomatik aber für die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden sehr einschränkend und die Haltungsoptimierung unter Umständen schwierig sein kann, sollte die züchterische Problematik nicht ignoriert werden.

Nicole Basieux, Dr. med. vet. Christoph Koch ISME & Prof. Dr. med. vet. Vince Gerber ISME

Serie über Erbkrankheiten

Diese mehrteilige Serie über Erbkrankheiten beim Sportpferd wird in Zusammenarbeit mit dem Institut suisse de médecine équine ISME sowie mit dem Zuchtverband CH Sportpferde ZVCH publiziert. Bereits erschienen:

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