Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Dossier: Tierschutz & Ethik

Missstände im Sport: Sag es nicht nur deinem Pferd!

02 Februar 2021 09:00

Im Sport kann es wie in allen Lebensbereichen zu Situationen kommen, in denen gewisse Grenzen der physischen und psychischen Integrität überschritten werden. Solche Grenzverletzungen reichen von wiederholten Blossstellungen über Handgreiflichkeiten bis hin zu sexuellen Übergriffen. Swiss Olympic und Jugend+Sport bieten betroffenen Sportlerinnen und Sportlern, aber auch den Trainerinnen und Trainern nun neue Initiativen, um in solchen Situationen richtig zu reagieren.

Wenn junge Pferdesportler Opfer von Missständen werden, erzählen sie das oft als erstes ihrem Lieblingspferd. Anschliessend ist es Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern und Jugendlichen Auswege aus der Sackgasse aufzuzeigen.
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<br />Quand de jeunes sportifs équestres deviennent victimes d’abus, ils en parlent souvent d’abord à leur cheval préféré. Par la suite, c’est aux adultes de montrer à ces enfants et adolescents comment sortir de l’impasse. Wenn junge Pferdesportler Opfer von Missständen werden, erzählen sie das oft als erstes ihrem Lieblingspferd. Anschliessend ist es Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern und Jugendlichen Auswege aus der Sackgasse aufzuzeigen.

Sabine liegt auf ihrem Bett, aus der Stereoanlage dröhnt laute Musik. Den Rücken zur Zimmertür gewandt, geht sie immer wieder ihre Instagram-Fotos durch, welche die Teenagerin glücklich lachend mit den Reitschulpferden zeigen. Seit Tagen wiederholt sich diese Szene - und doch will Sabine nicht mehr zum Reitunterricht. Sie habe Bauchweh, Kopfschmerzen, einfach keinen Bock, erklärt sie der Mutter. Nach vielen unbeschwerten Jahren auf dem Ponyhof hat sich Sabines Verhalten von einem Tag auf den anderen völlig verändert. Ein Gedanke geht der besorgten Mutter nicht mehr aus dem Kopf: Was, wenn etwas vorgefallen ist?

Grenzverletzungen

Der Umgang mit Grenzen und Freiräumen und die Regulierung von Nähe und Distanz sind keine exakte Wissenschaft. Jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse und Sensibilitäten. Und für jede Grenzverletzung gibt es zwei Perspektiven: die des Opfers und die des Täters. Leichte Grenzverletzungen geschehen oft unabsichtlich, wenn Toleranzschwellen von den beiden Seiten unterschiedlich eingeschätzt werden. Umso wichtiger ist es, ein Vertrauensklima zu schaffen und eine Kommunikationskultur zu pflegen, bei der Anliegen, Hinweise und Fragen von Sportlerinnen und Sportlern wie auch von Trainerinnen und Trainern nicht übergangen werden.

Werden erste Anzeichen oder Vorstufen von Grenzverletzungen ernst genommen und konstruktiv bewältigt, ist dies die beste Prävention gegen Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung. Gerade in Unterrichtssituationen kann es vorkommen, dass Grenzen in Trainer-Sportler-Beziehungen verschwimmen. Dabei können nicht alle Fragen mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet werden. Darf der Trainer die Reitschülerin am Oberschenkel anfassen, um ihren Sitz zu korrigieren? Darf die Reitlehrerin einen Reitschüler harsch zurechtweisen, weil er die Zügelhände wieder zu tief trägt? Darf der Trainer seinen Schützling nach einem Sieg auf dem Turnier in die Arme nehmen, um zu gratulieren? Was für die eine Reiterin völlig normal ist, kann für den anderen Reiter eine problematische Grenzverletzung darstellen. Wichtig ist, dass man die individuellen Grenzen im Idealfall im Voraus so gut als möglich auslotet und nachträglich vorgebrachte Wünsche und Bedenken ernst nimmt und berücksichtigt.

Die Persönlichkeit stärken

Im Beziehungsgeflecht zwischen Trainer und Sportler spielt die sogenannte Selbstregulation eine zentrale Rolle. Gemeint ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stimmungen. Schon Kinder und Jugendliche sollen darin bestärkt werden, ihre eigenen Wahrnehmungen zu äussern und auf ihr «Bauchgefühl» zu hören. So können Grenzverletzungen frühzeitig signalisiert und bewältigt werden. Die Kinder lernen, dass sie selbst über ihre physische und psychische Integrität bestimmen können. Sie werden dadurch mit einer gestärkten Persönlichkeit ins Erwachsenenleben gehen und schliesslich die nötige Sensibilität für die Integrität und die Grenzen anderer entwickeln.

Auf der anderen Seite müssen auch Trainerinnen und Trainer sich dieser Selbstregulation bewusst werden und sich darin üben. Nur wenn sie in der Lage sind, ihre Gemütslage kritisch zu reflektieren, können sie den Austausch mit den Sportlerinnen und Sportlern emotional zielführend gestalten. Zu dieser Selbstregulation gehört auch das Eingestehen von Stress und Überforderung und die Offenheit, darüber zu sprechen. Denn oft sind emotional unausgeglichene Gemütszustände die Initialzündung für grenzverletzendes Verhalten. Die wahre Grösse einer Persönlichkeit zeigt sich nicht zuletzt darin, die eigenen Grenzen zu kennen und zu respektieren.

«Darf ich?» Die klare Kommunikation ist in potenziell heiklen Situationen Gold wert und vermeidet Missverständnisse.
<br />«C’est ok?» Dans des situations potentiellement délicates, une communication claire vaut de l’or et empêche des malentendus. «Darf ich?» Die klare Kommunikation ist in potenziell heiklen Situationen Gold wert und vermeidet Missverständnisse. (istockphoto/CasarsaGuru)

Fortbildungsprogramm von J+S

Die J+S-Leiterinnen und -Leiter aller Stufen müssen alle zwei Jahre eine Fortbildung absolvieren, um ihre Leiteranerkennung zu verlängern und auf dem neusten Stand der Entwicklungen im Sport allgemein und spezifisch in ihrer Sportart zu bleiben. Die Fortbildung im Bereich des Sports bezweckt die Förderung psychosozialer Kompetenzen sowohl bei den Leiterinnen und Leitern als auch bei den Kindern und Jugendlichen.

Die Fortbildungsthemen werden von J+S jeweils für eine Zeitspanne von zwei Jahren gewählt. In den Jahren 2021 und 2022 steht das Thema «Fördern» im Mittelpunkt der Fortbildungsmodule.

Jeder Sportverband konnte zwei oder drei Themen auswählen, die an den Fortbildungen der Jahre 2021 und 2022 vertieft werden sollen. Das Handlungsfeld «Fördern» zeigt auf, wie die J+S-Leiterinnen und -Leiter die positive Entwicklung und Entfaltung der Kinder und Jugendlichen unterstützen können.

Der Schweizerische Verband für Pferdesport entschied sich für die beiden Vertiefungsthemen «Selbstregulation fördern» und «Teamgeist fördern». Auf letzteres Thema werden wir in einem späteren Artikel zurückkommen.

Das Handlungsfeld «Fördern» fokussiert in erster Linie auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Unterricht der J+S-Leitenden. Ziel ist, die persönliche Entwicklung der sporttreibenden Kinder und Jugendlichen zu unterstützen. Im Rahmen des Fortbildungsprogramms 2021/2022 wurden neun Handlungsempfehlungen in Form eines Kartenspiels, das sich die Leiterin bzw. der Leiter während des Trainings ganz einfach in die Hosentasche stecken kann, erarbeitet.

Das Kartenset von J+S zeigt, wie vielfältig das Themengebiet «Fördern» im Umgang mit sich selbst und anderen ist. Das Kartenset von J+S zeigt, wie vielfältig das Themengebiet «Fördern» im Umgang mit sich selbst und anderen ist. (BASPO)

Sport als Lebensschule

In dieser J+S-Fortbildung ist die Selbstregulation ein ganz zentraler Begriff. Langfristig betrachtet spielt der Sport eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der sogenannten exekutiven Funktionen der Athletinnen und Athleten, d. h. bei der bewussten Steuerung ihres Verhaltens in bestimmten Situationen. Die exekutiven Funktionen werden üblicherweise in drei Kategorien unterteilt: das Arbeitsgedächtnis (sich an die Vorgaben erinnern), die Flexibilität (auf unerwartete Situationen reagieren) und die Emotionsregulation (Selbstkontrolle). Sie prägen uns im Alltag genauso wie im Sport: Es geht darum, Ablenkungen auszuklammern, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, Impulsen zu widerstehen, Automatismen auszuschalten usw. Aufgrund der besonderen Beziehung, die Pferdesportlerinnen und Pferdesportler mit ihrem - ebenfalls emotionalen - vierbeinigen Partner eingehen, nimmt die Kontrolle der Emotionen und des Verhaltens im Lernprozess der Pferdesporttreibenden einen besonders hohen Stellenwert ein. Wenn man sich vor Augen führt, dass das Pferd auch auf jede Emotion und jedes Verhalten «seines» Menschen reagiert, wird offensichtlich, weshalb das Verständnis für dieses bewusste System enorm wichtig ist.

Man kann lernen, seine Emotionen genauso zu beherrschen wie seine Technik - in jedem Alter und auf jeder Leistungsstufe. In diesem Lernprozess wird den Kindern und Jugendlichen nähergebracht, was Emotionen überhaupt sind und wie sie ihre Gefühle besser ausdrücken können. Sie werden sich bewusst, wie ihre eigenen Lernprozesse ablaufen, was sie falsch und was sie richtig machen. Dadurch werden sie eigenständiger und selbstsicherer. Auf den Karten finden die Leiterinnen und Leiter zudem Praxistipps mit konkreten Lösungsansätzen. Diese können sie dann im pferdesportlichen Unterrichtsalltag mit Kindern und Jugendlichen anwenden.

Ausserdem werden die Leiterinnen und Leiter darin geschult, den emotionalen Zustand der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres Unterrichts wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Für die Kinder und Jugendlichen ist es essenziell, dass sie lernen, ihre persönlichen Gefühle ernst zu nehmen, und sich bewusst werden, wo ihre eigenen Grenzen liegen und welche Grenzen andere nicht überschreiten dürfen.

Die J+S-Leiterinnen und -Leiter wie auch die Trainerinnen und Trainer beweisen jeden Tag grosses Engagement, um ihren Athletinnen und Athleten hochstehenden Unterricht zu erteilen. Ihr Beitrag zur Vermittlung von psychosozialen Kompetenzen geht weit über den Sport hinaus - denn der Sport ist auch eine Lebensschule.

Anlaufstellen für Betroffene

In einem langen Gespräch vertraut sich Sabine schliesslich ihrer Mutter an und erzählt ihr, dass sie im Reitstall wiederholt von ihrem Trainer bedrängt und unter Druck gesetzt wurde. In ihrer Verzweiflung suchte der Teenager den Fehler bei sich und schämte sich, über die Vorkommnisse zu sprechen - nur ihrem Lieblingspferd flüsterte sie die ganze Geschichte ins Ohr.

Dank dem aufmerksamen und einfühlsamen Handeln der Mutter findet Sabine einen Ausweg aus der emotionalen Sackgasse. Die Mutter kontaktiert die unabhängige Erstberatungsstelle für Missstände im Schweizer Sport von Swiss Olympic und wird dort an die Kinder- und Jugendberatung von Pro Juventute verwiesen. Sowohl Sabine als auch ihrer Mutter konnte in dieser Situation professionell geholfen werden, und die Vorfälle im Reitstall wurden aufgeklärt. Nun kann Sabine die Zeit im Stall mit ihren Freunden und den Pferden wieder unbeschwert geniessen - und sie hat gelernt, dass es Grenzen der physischen und psychischen Integrität gibt, die nicht überschritten werden dürfen.

Patricia Balsiger, Cornelia Heimgartner

Nützliche Informationen

- Die Notfallnummer 147 von Pro Juventute hilft Kindern und Jugendlichen, die Fragen oder Probleme haben oder in einer Notlage sind. Der Anruf ist kostenlos, die Nummer rund um die Uhr bedient, per Telefon, SMS, Chat oder E-Mail.

- Die Jugendleiterberatung von Pro Juventute ist rund um die Uhr an 365 Tagen erreichbar per Telefon unter der Nummer 058 618 80 80. Die Beratung ist vertraulich und kostenlos - ausser den normalen Anrufkosten. Das professionelle Beraterteam ist auch per E-Mail erreichbar unter jugendleiter@projuventute.ch.

- Die Anlauf- und Erstberatungsstelle von Swiss Olympic hört die Vorfälle an, gibt Impulse und triagiert an die richtigen Ansprechpersonen in den Verbänden oder andere Stellen, sofern dies notwendig ist: www.swissolympic.ch/integrity

- Alle nützlichen Informationen zu dieser Thematik finden Sie auch auf der Website des SVPS:
www.fnch.ch > Sport > Integrity

Publikationen:

Der Schweizerische Verband für Pferdesport hat ausserdem die folgenden Broschüren publiziert:

«Fair zum Pferd»
Ethik im Pferdesport und im Umgang mit dem Pferd: Grundsätze und Denkanstösse

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«Gegen sexuelle Übergriffe und Grenz-
überschreitungen im Pferdesport»
Ein Ratgeber für Jugendliche, Eltern und vereinsverantwortliche Personen

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«Pferde machen Kinder stark»
Informationsbroschüre und Ratgeber für Eltern und Schulen über die besondere Bedeutung des Pferdes für Kinder und Jugendliche und über den Einstieg in die Pferdewelt

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