Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Planmaessig vorbereiten statt planlos herumtraben

01 November 2021 09:00

Darin sind sich alle einig: Das Vorbereiten eines Pferdes auf dem Abreitplatz ist für die bevorstehende Prüfung enorm wichtig. Nicht zuletzt deshalb wollen der Schweizer Tierschutz STS, der SVPS und das NPZ Bern mit der Aktion «Happy Horse» ein gutes und pferdefreundliches Vorbereiten auszeichnen. Doch was genau ist eigentlich eine gute Vorbereitung, und worin besteht der Unterschied zwischen Lösungs- und Arbeitsphase?

Platz für eine individuelle Vorbereitung des Pferdes ist auf dem Abreitplatz wichtig. (Foto: STS-PSA) Platz für eine individuelle Vorbereitung des Pferdes ist auf dem Abreitplatz wichtig. (Foto: STS-PSA)

Die meisten Reiter haben ihre speziellen Vorlieben, wie sie ihr Pferd auf eine Prüfung vorbereiten. Für sie ist es Routine und läuft in der Regel immer gleich ab. Das Pferd wird zwar für gut fünf Minuten am längeren Zügel im Schritt geritten, bevor mit dem in der Reiterwelt so gängigen Ausdruck «Lösen» begonnen wird. Es wird am längeren Zügel auf dem Vorbereitungsplatz etwas herumgetrabt, dann wird weiterhin ohne eigentliche Anlehnung ein bisschen galoppiert. Damit es zudem «lösungsgerecht» ausschaut, bringt der Reiter sein Pferd mit kleineren Zügelanzügen dazu, Hals und Kopf vorwärts-abwärts zu tragen. In der Meinung, nun sei eine «Losgelassenheit» erreicht. Doch das hat weder mit Losgelassenheit noch mit einem «Lösen des Pferdes» etwas zu tun. Im Gegenteil, so kommt jedes Pferd zuerst einmal auf die Vorhand. Doch gerade das wollen wir ja vermeiden - und zwar von Beginn an.

Planloses Abreiten bringt nichts. 
Die Zeit ist zu nutzen und das Pferd so zu beschäftigen, als müsste man gleich einreiten.
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<br />Monter sans plan n’apporte rien. 
Il faut utiliser ce temps pour faire travailler le cheval comme s’il devait entrer sur le carré dans l’instant qui suit. Planloses Abreiten bringt nichts. Die Zeit ist zu nutzen und das Pferd so zu beschäftigen, als müsste man gleich einreiten. (Foto: STS-PSA)

Schritt für Schritt zum Reiten kommen

Die oft zitierten Ausdrücke «Lösungsphase» wie auch «das Pferd lösen» sind nicht glücklich gewählt. Sie verwirren, jeder versteht etwas anderes darunter und führt es nach seinen eigenen Vorstellungen aus. «Vorbereitungsphase» hingegen ist treffender und animiert den Reiter eher dazu, sein Pferd planmässig vorzubereiten, anstatt planlos herumzutraben und zu galoppieren, um seiner Vorstellung nach sein Pferd zu «lösen».

Für die Vorbereitung ist genügend Zeit für den Schritt einzuplanen. Dabei ist es wichtig, nicht am langen oder halblangen Zügel auf dem Abreitplatz herumzuspazieren, sondern gleich von Beginn weg zielgerichtet das Pferd im Schritt auf die Arbeit vorzubereiten mit kleinen Volten, abwechselnd mit Wendungen um die Vorhand sowie grösseren, korrekt gerittenen Kurzkehrtwendungen, starkem Schritt und Zügel wieder aufnehmen. Hin und wieder anhalten und anreiten. Auf diese Weise wird das Pferd schon im Schritt auf die Hilfen des Reiters aufmerksam gemacht, sich auch bald «reiten» lassen und später im Trab weniger ins «Laufen» kommen.

Wendungen und Übergänge sind das A und O

Es gibt durchaus Pferde, die sich auf dem Vorbereitungsplatz leicht ablenken lassen und unruhig sind. In diesem Fall ist es besser, bald in ruhigem Tempo anzutraben und eine sichere Anlehnung herzustellen. Nur nicht lange einfach geradeaus reiten, sondern mit Wendungen und Übergängen dem Pferd vermitteln, dass es sich auf die Reiterin bzw. den Reiter und die Arbeit zu konzentrieren hat. Das Pferd in der Vorbereitungsphase am halblangen Zügel im Trab oder im Galopp zu reiten, ist nicht zu empfehlen. Das macht erst Sinn, wenn nach der Arbeit die Losgelassenheit erreicht ist. Erst dann sind die Bewegungen federnd und elastisch, nun fusst das Pferd nicht mehr hart auf - Ausdruck eines aufgewärmten, durchlässigen und entspannten Pferdes.

Nach dieser Vorbereitungsphase wird mit der eigentlichen Arbeit in korrekter Anlehnung begonnen. Es soll nicht einfach nur geradeaus geritten werden, es müssen auch Übergänge und je nach Ausbildungsstand des Pferdes etwas mehr Biegung und Stellung verlangt werden. Die Reiterin bzw. der Reiter legt einige Tritte zu, führt wieder zurück und kommt so zum Reiten, sodass das Pferd aufmerksam bleibt und auf die Hilfen reagiert.

Auch in dieser Phase darf der Schritt nicht zu kurz kommen: Es ist abwechselnd im Mittelschritt, starken und je nach Ausbildungsstand versammelten Schritt zu reiten. Nicht zielführend ist hingegen, das Pferd einfach laufen zu lassen, wie es gerade so kommt. Vielmehr gilt es immer einzuwirken und zu reiten.

Nach dem Motto «Reiten heisst auch Denken zu Pferd» sollte die Reiterin bzw. der Reiter nie ohne Plan Zeit auf dem Abreitplatz verbringen. Das Pferd sollte immer so beschäftigt werden, als müsste im nächsten Moment eine Lektion geritten werden - Arbeit ist andauernde Vorbereitung.

Wie lange eine Vorbereitungsphase dauern soll, ist nicht immer vorauszusehen. Jede Reiterin und jeder Reiter weiss, dass kein Pferd von sich aus arbeitet. Auch auf dem Vorbereitungsplatz kann es durchaus vorkommen, dass etwas energischer eingewirkt und geritten werden soll und dass nicht immer alles friedlich in harmonischer Abstimmung ablaufen kann. Harmonie entsteht erst durch die richtige Arbeit und gutes Reiten jeden Tag von Neuem. Also auch vor einer Prüfung. Energischeres Einwirken darf nicht aus unkontrolliertem Zügel- und Sporeneinsatz bestehen, sondern verlangt eine Gesamteinwirkung im richtigen Moment, damit das Pferd auch versteht, was man von ihm will. Grob oder energisch - um diesen Unterschied zu erkennen, ist viel Wissen nötig.

Um die Pferde ruhig und konzentriert vorbereiten zu können, ist Rücksichtnahme auf die anderen Konkurrenten eine Selbstverständlichkeit.
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<br />Afin de pouvoir préparer les chevaux avec calme et concentration, le fait d’être prévenant envers les autres concurrents est une évidence. Um die Pferde ruhig und konzentriert vorbereiten zu können, ist Rücksichtnahme auf die anderen Konkurrenten eine Selbstverständlichkeit. (Foto: STS-PSA)

Konzentration bis zum Einreiten und über den Schlussgruss hinaus

Reiterinnen und Reiter, die kurz vor dem Einreiten ins Viereck ihrem Pferd die Zügel hingeben oder gar für irgendwelche Tätigkeiten am Rande des Platzes stehen bleiben, müssen sich nicht wundern, wenn ihr Pferd im Viereck wenig Engagement zeigt. Soll das Pferd vor dem Einreiten noch Schritt gehen, ist starker Schritt bei entsprechender Zügellänge angezeigt. Beim hingegebenen Zügel jedoch denkt das Pferd: Zügel lang, fertig gearbeitet, Feierabend.

Und wars das nun, wenn nach dem Schlussgruss am hingegebenen Zügel aus dem Viereck geritten wird? Nein, noch nicht ganz, denn jetzt kommt eine für das Pferd wichtigere Belohnung als ein Leckerli und eine noch wichtigere als die Mineralwasserflasche für die Reiterin bzw. den Reiter: Der Vorbereitungsplatz wird zum Erholungsplatz. Die Zügel werden gleich nach dem Verlassen des Viereckes wieder aufgenommen, die Anlehnung hergestellt und angetrabt. Der Reiter lässt das Pferd bei längerem Rahmen mit Dehnung vorwärts-abwärts noch einige Minuten in einem ruhigen, taktmässigen Trab «austraben». Die Anlehnung muss aber erhalten bleiben, denn das Pferd soll auch hier die Gesamteinwirkung der Reiterin bzw. des Reiters spüren. Dieses ruhige Reiten nach anstrengender Arbeit empfinden Pferde als Belohnung und ist für den Körper wichtig. Der Puls kann sich langsam beruhigen, die intensiv genutzten Muskeln werden gelockert. Im Idealfall bleibt das Pferd auch in dieser Phase aufmerksam und losgelassen.

Gute Vorbereitung beginnt im Training

Was zu Hause mit dem Pferd nicht mit gutem Reiten erarbeitet wurde, lässt sich auf dem Turnierplatz nicht wettmachen. Und so bin ich in diesen eng zusammengefassten Ausführungen von Lösungs- und Arbeitsphase bei der Schlussphase, bei der Losgelassenheit des Pferdes angekommen. Erreicht ist diese nicht wie oft irrtümlicherweise angenommen nach der Lösungsphase, sondern nach der Arbeit, und dies nur mit gutem, durchdachtem Reiten sowie einer sorgfältigen Vorbereitung in den Wochen und Monaten vor dem Turnier, im täglichen Training im heimischen Stall.

Marianne Fankhauser-Gossweiler

 

Über die Autorin

Mit 21 Jahren in der Olympia-Equipe

Marianne Fankhauser-Gossweiler läutete als Tochter des Schaffhauser Pferdehändlers Heinrich Gossweiler vor bald 60 Jahren eine neue Ära im Schweizer Pferdesport ein. Im für eine Dressurreiterin frühen Alter von 21 Jahren bildete sie zusammen mit den Berner Bereitern Henri Chammartin und Gustav Fischer die Equipe für die Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokio. Sie war nicht nur die erst zweite Schweizer Frau an einer Sommerolympiade, sie war auch eine der ersten Gewinnerinnen einer Medaille: Silber gewann gewann sie mit der Mannschaft, ein Diplom erhielt sie für den 7. Rang im Einzelklassement. Mit ihrem Schimmel Stephan ritt sie auch an den Olympischen Spielen von Mexiko 1968 mit und kehrte wieder mit einer Medaille nach Hause. Vom aktiven Sport zog sie sich dann zurück und begann dafür umso intensiver, Unterricht zu erteilen. Ihr Wissen gibt sie auch heute noch gerne weiter, sei es in Reitstunden oder in fundierten Fachartikeln über die Reiterei.

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