Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Skikjöringpferde brauchen Ehrgeiz

14 Januar 2019 08:00

Die ein bisschen verrückte Disziplin Skikjöring gibt es nur in der Schweiz und nur in St. Moritz. Dabei galoppieren die Rennpferde im Geschirr - unberitten - und ziehen einen Skifahrer hinter sich her, der sie auch lenkt und die von den Trainern vorgegebene Renntaktik nach Möglichkeit umsetzt.

Skikjöring versus Skijöring

Bitte beachten Sie im Text die Schreibweise «Skikjöring» mit zwei k im Wort. Diese Schreibweise steht für die «richtigen» Skikjöringrennen mit unberittenen Pferden. Die zweite Schreibweise «Skijöring» mit nur einem k, steht für die Rennen mit berittenen Pferden wie sie zum Beispiel bei Prominenten-Skijörings durchgeführt werden.

Da Skikjöringrennen nur an drei Renntagen pro Jahr stattfinden, ist vielen Trainern der Aufwand zu gross, ihre Schützlinge ans Geschirr und den Skifahrer zu gewöhnen. Zudem ist nicht jedes Pferd für diese Rennart geeignet. Da die Pferde ohne Einwirkung vom Rücken aus, quasi von sich aus ihr Bestes geben müssen, brauchen sie einen ausgeprägten Ehrgeiz.

Es braucht Charakterpferde

Eine der wenigen Trainerinnen, die in der Schweiz Skikjöringpferde vorbereitet, ist Carina Schneider aus Wald ZH. Sie freut sich bereits jetzt wieder auf die Schneerennen und scheut keinen Aufwand, dass ihr Pinot - der im Februar 2018 in St. Moritz zum ersten Mal ein Skikjöringrennen gewann - für das Meeting 2019 wieder in Topform ist. Allerdings empfindet sie die Vorbereitungen gar nicht als speziell aufwendig. Sie sagt: «Für mich ist das Skikjöring eine interessante Abwechslung, und der Trainingsaufwand ist nicht viel grösser als bei der Vorbereitung auf normale Flachrennen. Wichtig ist aber, dass die Pferde, die Skikjöring laufen sollen, einen starken Charakter haben und sich mit Kampfgeist ins Geschirr legen, um zu gewinnen.»

Pinot und sein Fahrer Lupo Wolf in voller Aktion. Foto: turffotos.ch Pinot und sein Fahrer Lupo Wolf in voller Aktion. Foto: turffotos.ch

Familienbetrieb

Carina Schneider - die Pferdefachfrau Fachrichtung Rennreiten gelernt hat und kurz nach der Ausbildung auch noch die Trainerprüfung absolvierte - betreut im beschaulichen Zürcher Oberland zurzeit vier familieneigene Rennpferde, wobei aber nur zwei aktuell im Renntraining sind. Sie erklärt: «Eigentlich hatten wir in letzter Zeit immer sechs Pferde. Nun ist aber meine Mutter, die mit mir zusammen die Pferde pflegt, erkrankt, und so mussten wir den Bestand verkleinern. Ich allein kann mich nicht um sechs Rennpferde kümmern, denn wir haben sie zu Hause, nicht in einem Trainingszentrum. Entsprechend ist der Alltag vor allem im Winter recht aufwendig, da die Pferde fürs Renntraining transportiert werden müssen und auch andere Dinge bei unserer bescheidenen Infrastruktur viel Zeit in Anspruch nehmen.»

Trainiert wird im Unterland

Die Pferde, die auf Schnee zum Einsatz kommen, werden im Unterland auf Sand- und Schnitzelbahnen trainiert. Dazu sagt die Trainerin: «Grundsätzlich werden die Pferde für die Rennen auf Schnee gleich trainiert wie für die Rennen auf Gras. Es ist aber von Vorteil, wenn sie sich an die weisse Unterlage gewöhnen können. Ich habe die Möglichkeit, wenn Schnee liegt, auf einer privaten Galoppstrecke, die auf 850 Meter über Meer beginnt und bis rauf auf 1100 Meter über Meer geht, zu trainieren.» Für die Skikjöringrennen müssen die Vollblüter neben Siegeswillen über einen langen Atem verfügen, denn die zu absolvierende Strecke beträgt 2700 m. Schneiders Pinot mag die langen Wege und ist einfach zu lenken, was eine wichtige Eigenschaft für Skikjöringpferde ist. Die Fahrer auf ihren Skiern haben über die langen Leinen nur sehr begrenzte Einwirkung auf die Tiere.

Stiebender Schnee mitten im Rennen. Foto: turffotos.ch Stiebender Schnee mitten im Rennen. Foto: turffotos.ch

Aller Anfang ist schwer

Das vielleicht schwierigste an der Schulung der sensiblen Vollblüter fürs Skikjöring ist die Gewöhnung ans Geschirr. Carina Schneider holte sich dafür bei den ersten Versuchen Hilfe. Sie erzählt: «Ich hatte den Skikjöringfahrer Alfredo ‹Lupo› Wolf an meiner Seite. Durch seine über 30-jährige Erfahrung in dieser Disziplin konnte ich von seiner schier endlosen Fülle an Tipps profitieren. Er zeigte mir, wie die Pferde ideal eingeschirrt werden, und gab mir bei den ersten Versuchen durch seine Anwesenheit und Hilfe die nötige Ruhe.» Es sei extrem wichtig, dass man das Pferd in den gesamten Prozess integriere, ihm die einzelnen Bestandteile des Geschirrs zeige und ihm auch genug Zeit lasse, sich daran zu gewöhnen. Schliesslich unterscheide sich so ein Geschirr doch sehr vom üblichen Sattelzeug, so die Trainerin weiter.

Eine Impression vom berittenen Training. Pinot mit Trainerin Carina Schneider im Sattel und deren Schwester Nicole Ulrich auf Skiern im Schlepptau. Foto: turffotos.ch Eine Impression vom berittenen Training. Pinot mit Trainerin Carina Schneider im Sattel und deren Schwester Nicole Ulrich auf Skiern im Schlepptau. Foto: turffotos.ch

Schritt für Schritt

Nach gelungener Angewöhnung ans Geschirr wird das Pferd von zwei Personen geführt, während eine dritte Person hinterherläuft und die Leinen kontinuierlich unter aufbauender Spannung hält. Carina Schneider betont, dass dies der Moment sei, in dem man erkenne, ob sich ein Pferd fürs Skikjöring eigne oder nicht. Sie erklärt bildlich: «Wenn das Pferd keine Angst vor dem Druck auf die Brust und vor dem flatternden Tuch hinter sich hat und sich noch dazu richtig ins Geschirr legt und zu ziehen beginnt, dann weiss man, dass man das Abenteuer wagen kann.»

Am Renntag braucht es immer zwei Führer für die Skikjöringpferde. Und wenn die Aufregung kurz vor dem Start steigt, haben diese manchmal alle Hände voll zu tun, um die unberittenen Pferde im Zaum zu halten. Foto: turffotos.ch Am Renntag braucht es immer zwei Führer für die Skikjöringpferde. Und wenn die Aufregung kurz vor dem Start steigt, haben diese manchmal alle Hände voll zu tun, um die unberittenen Pferde im Zaum zu halten. Foto: turffotos.ch

Viele Helfer

Fast aufwendiger als das Training der Pferde für diese aussergewöhnlichen Rennen ist deren Handhabe am Renntag. Carina Schneider erläutert: «Im Skikjöring braucht man drei Personen zum Einspannen, und danach muss das Pferd bis zum Start des Rennens immer von zwei Führern begleitet werden.» Und natürlich brauche man auch noch einen guten Skifahrer - bestenfalls einen mit Pferdekenntnissen. Im Falle vom Rennstall Schneider ist es der bereits erwähnte Lupo Wolf, der Pinot in St. Moritz jeweils pilotiert. Der Skilehrer, der eine Skischule für Wiedereinsteiger und eine Event-agentur betreibt und den man auch als Speaker von Pferderennen kennt, fährt bereits seit über 30 Jahren Skikjöringrennen.

Grosse Spannung vor dem Rennstart. Foto: turffotos.ch Grosse Spannung vor dem Rennstart. Foto: turffotos.ch

Viele Überraschungen

Als sehr interessant beschreibt die Pferdefachfrau das Überraschungspotenzial von Skikjöringrennen: «Bei dieser Disziplin spielt die bisherige Leistung des Pferdes keine grosse Rolle. Im Skikjöring können erfolgreiche Galopper genauso enttäuschen wie bisher unauffällige Pferde für grosse Überraschungen sorgen können.» Spezifisch über ihr Skikjöringpferd Pinot sagt Schneider: «Er ist in den normalen Flachrennen kein herausragendes Pferd. Auf Gras hat er erst einmal einen dritten Platz erreicht. Auf Schnee dagegen kam er noch nie ohne Preisgeld aus den Rennen. Er hat grosse Freude daran, einen Skifahrer zu ziehen. In seinen ersten zwei Skikjöringjahren konnte er zudem ein starkes Selbstvertrauen aufbauen und lernte, ohne Reiter im Sattel selber Entscheidungen zu treffen. Spätestens seit seinem Sieg bin ich überzeugt, dass wir mit Skikjöring seine Lieblingsdisziplin gefunden haben.»

Der ganze Rennstall Schneider freudestrahlend nach dem ersten Skikjöringsieg von Pinot im Februar 2018. Foto: turffotos.ch Der ganze Rennstall Schneider freudestrahlend nach dem ersten Skikjöringsieg von Pinot im Februar 2018. Foto: turffotos.ch

Unterstützung

Wenn die junge Trainerin mit Pinot im Februar in St. Moritz weilt, kann sie auf Unterstützung aus der Familie zählen. An den Rennwochenenden schaut in Wald eine Nachbarin zu den Pferden, so dass Carinas Eltern - die auch die Besitzer von Pinot sind - die Rennen im Engadin live verfolgen können. Auch Carinas Schwester Nicole wird mit ihrer Familie vor Ort sein. Deren Mann - der Fotograf Stephan Ulrich aus Volketswil - wird nämlich mit seinem Compagnon Yves Wiesmann an allen drei Renntagen die Szenerie aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln ins Visier nehmen und faszinierende Bilder von den Vollblütern im stiebenden Schnee liefern.

Entspannung und Freude nach dem gewonnenen Rennen. Foto: turffotos.ch Entspannung und Freude nach dem gewonnenen Rennen. Foto: turffotos.ch

Ausblick und Ziele

Wenn bis im Februar alles rund läuft, wird Pinot an allen drei St. Moritzer Renntagen im Skikjöring laufen und um den Sieg in den einzelnen Rennen wie auch in der Skikjöring Trophy kämpfen. Carina Schneider dazu: «Wichtig ist in erster Linie, dass Pinot im Engadin Spass hat und gesund aus den Rennen kommt. Denn die Skikjörings bergen einige Gefahren, z.B. Zwischenfälle, die von fahrerlosen Pferden nach Turbulenzen verursacht werden. Und es kann auch Verletzungen von den Kanten der Skier geben, denn die Skifahrer bewegen sich nahe an den Pferdebeinen.» Die Trainerin hofft aber auch, dass Pinot wie schon im letzten Winter mindestens einmal einen optimalen Rennverlauf bekommt und seine Bestleistung abrufen kann. «Denn ein erneuter Skikjöringsieg wäre natürlich der schönste Lohn für die ganze Vorarbeit», so Carina Schneider abschliessend.

Barbara Würmli

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