Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Traumberuf Jockey: Durch Disziplin, Ehrgeiz und harte Arbeit zum Erfolg

13 Februar 2017 17:14

Dick eingepackt trotzt Jan Mbaye (vorne) der eisigen Kälte im Winter-Morgentraining. Dick eingepackt trotzt Jan Mbaye (vorne) der eisigen Kälte im Winter-Morgentraining.

Die Ausbildung zur Rennreiterin und zum Rennreiter – Jockey darf man sich erst nennen, wenn man 30 Siege auf dem Konto hat – nennt sich in der Schweiz Pferdefachfrau/Pferdefachmann EFZ Fachrichtung Pferderennsport und ist eine dreijährige Lehre im schweizweit üblichen Dualsystem. Eine weitere Möglichkeit, hierzulande Rennen zu reiten, bietet sich aber auch neben­beruflich mit dem Erwerb der Amateurrennreiterlizenz.

Gemäss der «Organisation der Arbeitswelt Pferdeberufe» bieten in der Schweiz im Schnitt jährlich vier bis sechs Berufstrainer Lehrstellen für zukünftige Jockeys an. Zurzeit sind sechs Lehrlinge – über drei Lehrjahre verteilt – in der Ausbildung. Was alle gemeinsam haben, das sind die Liebe zu Pferden, der Ehrgeiz, trotz harter Arbeit und vielen Entbehrungen alles für die paar – im besten Falle ruhmreichen – Minuten im Rennsattel zu tun, und die Disziplin, bei jeder Witterung morgens um halb sechs Uhr im Stall zu stehen und bereits während der Ausbildung immer aufs Gewicht zu achten. Denn wer – unter anderen – zweijährige Jungpferde reitet, darf nicht zu schwer sein, selbst wenn sie oder er erst im Training reitet und noch nicht in den eigentlichen Rennsattel steigt.

Eddie Pedroza der Schweiz?
Einer, der den nötigen Ehrgeiz und die Disziplin aufbringt und im ersten Lehrjahr zum Rennreiter steht, ist Ismael Jan Mbaye. Wer den grossgewachsenen, schlanken und exotisch anmutenden jungen Mann in Renntrainingsmontur zum ersten Mal sieht, denkt sofort an den in Deutschland stationierten weltweit bekannten dunkelhäutigen Jockey Eduardo «Eddie» Pedroza aus Panama.

Die Gemeinsamkeiten sind frappant. Ismael Jan Mbaye wurde zwar in der Schweiz geboren und besitzt den Schweizer Pass, aber seine Mutter ist Deutsche und sein Vater kommt aus Senegal. Entsprechend ist auch Jan – wie ihn seine Kollegen nach seinem zweiten Vornamen nennen – dunkelhäutig. Obwohl Eddie Pedroza mit seinen 1,72 m als sehr grosser Jockey gilt, toppt Mbaye ihn mit 1,79 m locker. Der Panamese kann mit seiner Grös­se als leichtestes Gewicht 54 Kilo reiten. Der junge Schweizer kann auch da – trotz wesentlich mehr Zentimetern – ziemlich mithalten, denn er bringt ohne zu hungern 57 Kilo in den Sattel. 

Übungsrennen als erste Erfahrung
Der grosse Unterschied zwischen den beiden Protagonisten ist, dass Eddie Pedroza bereits über 1400 Siege im Rennsattel auf seinem Konto hat, während Jan Mbaye erst im vergangenen Sommer seine Lehre bei Trainerin Karin Suter-Weber im Horsepark Dielsdorf begonnen hat. Er ist noch nicht berechtigt, Rennen zu reiten. In einem Übungsrennen war er aber im Herbst 2016 bereits im Einsatz. Diese inoffiziellen Übungsrennen finden an normalen Renntagen vor Publikum statt, mit allem Drumherum wie Auswiegen, Präsentation im Führring, Aufgalopp und Starten aus der Startmaschine. 

Die Übungsrennen werden von einer erfahrenen Rennreiterin oder einem Rennreiter angeführt, die oder der das richtige Tempo vorgibt. Die Lernenden dürfen dieses Führpferd erst im Einlauf überholen, um dann einen rennmässigen Finish zu reiten. Trotz erstem Übungsrenneinsatz und grosser Begeisterung für seinen Beruf, ist für Jan Mbaye aber klar: 

Mit meiner Grösse und ­meinem Gewicht werde ich es nicht leicht haben, als Rennreiter genügend Ritte zu bekommen – schon gar nicht in Flachrennen.

Er sieht sich daher längerfristig als spezialisierten Hindernisjockey für Hürden-, Jagd- und Crossrennen, tendenziell in England oder Frankreich, wo es viel mehr Hindernisrennen gibt als hierzulande. Die Chancen, dass Ismael Jan Mbaye dereinst als «Eddie Pedroza der Schweiz» gefeiert wird, stehen also nicht ganz so gut.

Vielseitige Ausbildung
Jan erzählt:

Ich hatte mich nach der Schule entschieden, etwas ‹Richtiges› zu lernen, wie es viele pferdebegeisterte Jugendliche – oft ihren Eltern zuliebe – tun. 

In Jans Fall war es eine Lehre als Zimmermann. Allerdings hat er diese nach einem Jahr abge­brochen, um sich ganz den Pferden zu ­widmen. 

Ich wollte und will einfach nichts anderes tun, als mit Vollblütern zu arbeiten und Rennen zu reiten.

Allerdings hat sein Alltag wenig mit dem Glamour von grossen Renntagen zu tun. Jan arbeitet viereinhalb Tage pro Woche im Rennstall, mistet Boxen aus, pflegt die Pferde und reitet täglich bei jedem Wetter mehrere Lots auf dem offenen, ungeschützten Rennbahngelände. In die Halle ausgewichen wird nur, wenn die Sandbahn sowie die Trabringe gefroren sind. Einen Tag geht er zur Schule, und eineinhalb Tage hat er frei. Fällt allerdings ein freier Tag auf einen Renntag, verbringt er auch diesen oft auf der Rennbahn, amtet als Pferdeführer – was einen Nebenverdienst bringt – oder holt sich durch das Beobachten der Reiter und Pferde sowie in Gesprächen mit erfahrenen Jockeys weiteres Wissen.

Schulbankdrücken ist disziplinen­übergreifend
In der Ausbildung lernen die angehenden Pferdefachleute EFZ Fachrichtung Pferderennsport in der Schule in den ersten zwei Jahren mit den Azubis aller Fachrichtungen zusammen, bekommen also eine Grundausbildung in Pferdepflege, Pferdetraining, Stallorganisation, Rechtskunde und weiteren Fächern. Bei der täglichen Arbeit im Rennstall setzen sie dieses Wissen in die Praxis um und lernen zusätzlich die spezifischen Gegebenheiten bei der Betreuung und dem Training von Rennpferden. Im dritten Lehrjahr trennen sich auch im Schulunterricht die Fachrichtungen. Somit konzentrieren sich die angehenden Jockeys dann rein auf den Rennsport. 

Einblick in verschiedene Rennställe
Da jede Trainerin und jeder Trainer die eigene Philosophie umsetzt, hat jeder Rennstall einen ganz eigenen Tagesablauf, individuelle Trainingseinheiten und spezifische Vorgehensweisen bei der Fütterung und vielen anderen Tätigkeiten. Damit die Auszubildenden auch Einsicht in einen anderen Trainingsalltag bekommen und quasi neutral in die Rennsportpraxis eingefuchst werden, besuchen sie mehrmals pro Jahr sogenannte überbetriebliche Kurse. Diese finden bei Rennpferdetrainerin Claudia Erni in Avenches statt. Da sie selber keine Lehrlinge ausbildet, gilt sie als neutral. Zudem hat sie früher Reitunterricht erteilt, hat also auch eine gewisse pädagogische Erfahrung – allerdings keine entsprechende Ausbildung, was für die praxisorientierten Kurse auch nicht nötig ist.

Ohne Rennpraxis keine Abschlussprüfung
Speziell ist, dass die angehenden Rennreiter neben dem Druck der Lehrabschlussprüfung, die es zu bestehen gilt, auch bereits einem gewissen Erfolgsdruck im Rennreiten standhalten müssen. Denn das Bestehen der Rennreiterlizenz muss während der Ausbildung erreicht werden, und bis zum Lehrabschluss müssen die zukünftigen Jockeys bereits mindestens sechs offizielle Rennen bestritten haben. Die Trainer – und somit auch deren Besitzer – sind also verpflichtet, ihren Auszubildenden schon während der Lehrzeit Pferde zur Verfügung zu stellen. 

Klar ist, bei jungen Menschen, die sich für den Beruf der Rennreiterin oder des Rennreiters entscheiden, müssen die Liebe zu den Pferden und die Freude an der Arbeit im Stall sowie am Training definitiv grösser sein als das Streben nach Berühmtheit, Ruhm und Ehre sowie dem Glamour von grossen Renntagen im In- und Ausland. Und trotzdem ist zu hoffen, dass Nadja Kessler (siehe Kasten) vielleicht einmal den Titel der Amateurweltmeisterin in die Schweiz holt oder der Name Ismael Jan Mbaye in den Siegerlisten der grossen Hindernisrennen in England auftaucht und vielleicht genauso berühmt wird wie der Name Eduardo «Eddie» Pedroza.

Barbara Würmli

Alternativweg mit ­Amateurlizenz

Neben der Ausbildung zur Rennreiterin oder zum Rennreiter gibt es auch einen Alternativweg. Wer nicht ganz auf die Karte Jockey setzen will, sondern nebenberuflich Rennen bestreiten möchte, hat die Möglichkeit, die Amateurrennreiterlizenz zu absolvieren. Wer es als Amateur schafft, 30 Siege einzuheimsen, hat danach die Möglichkeit, ins Profilager zu wechseln, und darf sich dann auch Jockey nennen.

Eine, die den Amateurweg gewählt hat, ist Nadja Kessler. Sie ist in einer Rennsportfamilie aufgewachsen. Ihre Mutter war einst im Trabrennsport aktiv, ihr Vater war viele Jahre Amateurrennreiter und trainiert die familieneigenen Galopper. Die Familie Kessler hat Rennpferde in jeder Grösse. Ponys, die in den verschiedenen Kategorien der Pony-Trab- und -Flachrennen an den Start gehen, sowie drei Vollblüter für Flachrennen. Nadja hat mit Ponyrennen begonnen, und als sie dort altershalber nicht mehr startberechtigt war, wurde die Amateurrennreiterlizenz absolviert, und so reitet sie nun bei den «Grossen» mit. 

Ausgleich und Ablenkung
Nadja arbeitet vollberuflich als kaufmännische Angestellte und übt den Rennsport quasi als Hobby aus. Dies bietet finanzielle Vorteile sowie die Sicherheit, ein zweites Standbein zu haben, wenn zum Beispiel gesundheitliche Probleme das Rennreiten und die Stallarbeit einmal nicht mehr zulassen.

Die Doppelbelastung ist aber nicht zu unterschätzen, denn wenn man als Familie nebenberuflich Rennpferde und -ponys hält und trainiert, ist jedes Familienmitglied gefordert, und Freizeit und Ferien finden vorwiegend im Stall und auf dem Rücken der Pferde statt. Zudem kann man sich als angehende Amateurrennreiterin nie komplett auf die Rennkarriere konzentrieren. 

Ich habe praktisch gleichzeitig Lehrabschlussprüfungen, die Autofahrprüfung und dazu noch das Trainingslager für Amateurrennreiter absolviert. Das war ganz schön happig,

sagt Nadja. Allerdings sei ihr die Zeit mit den Pferden und auf der Rennbahn damals trotz allem entgegengekommen – weil es ein Ausgleich und eine Ablenkung vom KV-Prüfungsstress war.

Eigene Pferde von Vorteil
Für Nadja ist es ein grosser Vorteil, dass sie die drei familieneigenen Galopper Power Primus, Simple Affaire und Urquiro in den Rennen reiten darf und dadurch regel­mässig zu Ritten kommt. Zwar reitet sie auch ein- bis zweimal pro Woche bei Trainer Andreas Schärer in Dielsdorf im Training und bekam dadurch auch bereits einmal einen «fremden» Ritt. Allerdings ist es für Amateurrennreiter noch schwieriger, in der Schweiz Ritte zu bekommen, als für Profis. Denn die Konkurrenz durch renommierte Jockeys aus dem Ausland, die von den Trainern und Besitzern für die Renntage engagiert werden, ist gross. 

Nadja Kessler. Nadja Kessler.

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