Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Welche Metalle haben unsere Pferde im Maul?

11 Oktober 2019 12:00

Reiterinnen und Reiter haben den Schweizerischen Verband für Pferdesport (SVPS) angefragt, ob so genannte Sweet-Iron-Gebisse für Pferde giftige Mengen an Eisen freisetzen. Das gab Anlass zu einer Diplomarbeit der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL), in der Metalle von 103 verschiedenen Gebissen für Pferde mittels Röntgenfluoreszenz analysiert wurden. In einem 90-tägigen Praxisversuch wurde zudem untersucht, ob sich der Eisengehalt und das Gewicht bei Sweet-Iron- und konventionellen Gebissen durch den täglichen Gebrauch verändern.

Foto: A. Heimgartner Foto: A. Heimgartner

Im Pferdesport wünschen sich Reiter und Trainer, dass die Pferde das Gebiss leicht annehmen und dabei eine angemessene Speichelmenge produzieren. Üblicherweise werden Edelstahl und verschiedene Messinglegierungen für Gebisse verwendet. Im Trend sind zurzeit Sweet-Iron-Gebisse. Die blaue Farbe der Gebisse ist das Ergebnis einer thermischen Behandlung der metallischen Oberfläche bei 300 °C, was zu der typischen Farbgebung führt. Sweet-Iron- Gebisse entwickeln durch die Luftfeuchtigkeit oberflächlichen Rost, der süss schmecken soll und die Speichelproduktion der Pferde anregt. Man glaubt, dass das Gebiss dadurch von den Pferden leichter angenommen wird.

Der direkte Kontakt mit Metallen kann Allergien auslösen, und die Aufnahme von bestimmten Metallen über die Haut und Schleimhäute sowie über den Verdauungstrakt kann gesundheitsgefährdend sein. In der Lebensmittelgesetzgebung sind u.a. in der Verordnung über Gegenstände für den Humankontakt maximal zulässige Gehalte und Abgaben allergener oder gesundheitsgefährdender Substanzen mit Höchstwerten geregelt. So bestehen z.B. begrenzende Gehalts- und Abgabeanforderungen für metallische Gebrauchsgegenstände, die direkt mit der menschlichen Haut in Kontakt kommen können (Gürtelschnallen, Knöpfe, Reissverschlüsse usw.), sowie Piercings und Schmuck. Im Veterinärbereich – z.B. für metallische Teile an Pferdesportartikeln wie Halfter, Sattel und Zaum – bestehen keine entsprechenden Anforderungen. Insbesondere von den Gebissen könnte – je nach deren Zusammensetzung – ein relevantes Allergiepotenzial oder eine Gesundheitsgefährdung ausgehen.

XRF-Handscanner zur Metallanalyse. Foto: HAFL XRF-Handscanner zur Metallanalyse. Foto: HAFL

Welche Metalle waren in den untersuchten Gebissen?

Insgesamt wurden 103 Gebisse unterschiedlicher Marken untersucht, 11 davon waren Sweet-Iron-, 92 herkömmliche Gebisse. Neun Sweet-Iron- und 10 herkömmliche Gebisse waren gebraucht und wurden ebenfalls für den Praxisversuch verwendet. 84 Gebisse waren neu und konnten in verschiedenen Reitsportgeschäften analysiert werden. Die Metallanalysen wurden mit einem transportablen Handgerät mittels Röntgenfluoreszenz (XRF-Handgerät) in den beteiligten Reitsportgeschäften durchgeführt.

Alle Gebisse wurden an drei verschiedenen Stellen gescannt – jeweils auf der Vorder- und der Rückseite einer Gebisshälfte sowie auf der gelenkigen Verbindung des Gebisses. In Voruntersuchungen wurde festgestellt, dass sich die linke und rechte Gebisshälfte kaum unterschieden, sodass man sich für alle weiteren Analysen auf eine Hälfte beschränkte. Die Gebissringe wurden nicht untersucht, da sie nicht in direkten Kontakt mit der Maulschleimhaut und den Zähnen stehen. Die Analyse konzentrierte sich auf 14 Metalle, die im Durchschnitt 99,7% des Gesamtgewichts der Gebisse ausmachten.

Ein Gemisch, das durch das Zusammenschmelzen verschiedener Metalle entsteht, nennt man Legierung. Mithilfe der statistischen Auswertung dieser Studie konnten 93 von 103 Gebissen sechs definierten Legierungsgruppen zugeordnet werden. Die enthaltenen Anteile von Zink und Kupfer beschrieben dabei die meisten der sechs Legierungsgruppen.

Kupfer-Zink-Gemische sind als Messing (Gruppe 1, 3, 5, 6) bekannt und haben ein goldfarbenes Aussehen sowie einen hohen Korrosionswiderstand. Edelstahl und Stahl bestehen hauptsächlich aus Eisen, wobei der Chromanteil im Edelstahl zu einem höheren Korrosionswiderstand führt.

Weiterhin konnten die erhaltenen sechs Gruppen kommerziellen Metalllegierungen zugeordnet werden. Dazu gehörten Aurigan©, ein Messing aus Kupfer-Zink-Silizium (Gruppe 1), Sweet Iron oder Stahl, eine Eisenlegierung (Gruppe 2), SENSOGAN©, ein Messing aus Kupfer-Zink-Magnesium (Gruppe 3), Edelstahl, eine Eisen-Chrom- Nickel-Legierung (Gruppe 4), Argentan oder Neusilber, eine Kupfer-Zink-Nickel-Legierung (Gruppe 5), und Messing, eine Kupfer- Zink-Legierung (Gruppe 6). Unter den verbleibenden, nicht den Gruppen zuordenbaren Gebissen waren zwei Titangebisse. Titan wird aufgrund seiner hohen Widerstandkraft gegen mechanische Einflüsse (wie durch die Zähne) und seiner Leichtigkeit für Gebisse im Pferdesport genutzt.

Sweet-Iron-Gebiss und Messstellen, die mit dem XRF-Handgerät untersucht wurden. Foto: HAFL Sweet-Iron-Gebiss und Messstellen, die mit dem XRF-Handgerät untersucht wurden. Foto: HAFL

Gebisse mit hohem Nickelgehalt

Zwei Gebisse der gleichen Marke wiesen hohe Nickel- (90,2% bzw. 71,4%) und niedrige Eisengehalte (8% bzw. 27,6%) auf, während alle anderen Gebisse Nickelkonzentrationen unter 13% hatten. Nickel ist eine wichtige Ursache für allergische Hauterkrankungen nach direktem Kontakt beim Menschen, sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen. Nickel-überschichtete Metalle und bestimmte Edelstähle wurden beim Menschen auf ihr Allergiepotenzial untersucht. Edelstahl setzte 0,03 Mikrogramm Nickel pro cm² frei, was sogar bei Menschen, die sehr sensitiv auf Nickel reagieren, keine Reaktion auslöste. Für das Pferd bestehen keine vergleichbaren Allergiestudien. Nimmt man aber eine ähnliche Freisetzungsrate aus Nickelgebissen an, so scheint eine allergische Reaktion sehr unwahrscheinlich. Trotzdem gibt es Berichte von Tierärzten, dass Gebisse mit hohem Nickelbestandteil Blasen an den Maulschleimhäuten auslösen können.

Kupfer- und Zinkgehalte charakterisieren verschiedene Gruppen von metallischen Gebissen. Die Gruppen 2 und 4 bestehen hauptsächlich aus Eisen und enthalten keine oder nur minimale Spuren von Kupfer und Zink. Deshalb liegen die Punkte dieser Gruppen übereinander. Foto: HAFL Kupfer- und Zinkgehalte charakterisieren verschiedene Gruppen von metallischen Gebissen. Die Gruppen 2 und 4 bestehen hauptsächlich aus Eisen und enthalten keine oder nur minimale Spuren von Kupfer und Zink. Deshalb liegen die Punkte dieser Gruppen übereinander. Foto: HAFL

Der Praxistest: Abnutzung von Sweet-Iron- und konventionellen Gebissen

Bei neun Sweet-Iron- und zehn konventionellen Gebissen wurde über einen Zeitraum von drei Monaten untersucht, wie gross der Gewichts- und Eisenverlust durch den Gebrauch beim Reiten war. Die Pferde, die mit den konventionellen Gebissen geritten wurden, kamen sowohl im Dressur- als auch Springsport zum Einsatz und wurden üblicherweise von mehr als einem Reiter geritten. Die konventionellen Gebisse waren zwischen sechs und 42 Monate im Gebrauch, durchschnittlich 24,6 Monate. Bei der Gruppe der Pferde, die mit Sweet-Iron-Gebissen geritten wurden, handelte es sich um fünf Pferde, die im Dressur- und Springsport eingesetzt wurden, sowie um vier Dressurpferde.

Zwei der Pferde, die im Dressur- und Springsport liefen, wurden von mehreren Reitern bewegt, alle übrigen wurden nur von einer Person geritten. Die Analysen fanden an den Tagen 0, 28, 60 und 90 statt. Alle sauberen und trockenen Gebisse wurden mit dem XRF-Handgerät gescannt und mit einer Präzisionswaage gewogen.

Die Analysen haben ergeben, dass sich der Eisengehalt weder bei konventionellen noch bei Sweet-Iron-Gebissen während der drei Monate bedeutsam änderte. Das Eisen der Gebisse ist nahezu vollständig oxidiert, sodass die Freisetzung einer schädlichen Menge nicht erwartet werden kann. Diese Annahme wird durch die Untersuchungen dieser Studie unterstützt.

Im Gegensatz dazu wurde eine erkennbare Gewichtsabnahme der Gebisse nach drei Monaten festgestellt. Für Sweet-Iron-Gebisse betrug der Gewichtsverlust durchschnittlich 0,2 Gramm, für konventionelle Gebisse 0,28 Gramm, was pro Jahr 0,8 Gramm bzw. 1,1 Gramm ausmacht. Das älteste konventionelle Gebiss war 42 Monate alt, womit das durchschnittliche Gewicht von 265 Gramm auf 262 Gramm gefallen wäre. Aus praktischer Sicht dürfte dieser Gewichtsverlust unbedeutend sein.

Conny Herholz und Christoph Kopp, HAFL

Messinggebisse im Angebot. Foto: HAFL Messinggebisse im Angebot. Foto: HAFL

92 konventionelle Gebisse

  • im Durchschnitt von den am meisten vorhandenen Metallelementen waren aufgerundet 48% Kupfer, 7% Zink, 7% Chrom und 5% Nickel
  • höchste Gehalte hatten bei einzelnen Gebissen Titan (99,6%), Kupfer (92%), Nickel (90,2%) und Eisen (74,6%).


11 Sweet-Iron-Gebisse

  • hoher Eisengehalt, minimal 94%, maximal 98% und im Durchschnitt 97%
  • alle anderen Elemente waren in Sweet-Iron-Gebissen unter 1% vertreten
  • Zink, Blei und Magnesium kamen gar nicht vor

 

Schlussfolgerungen

  • Die untersuchten 93 Stahl-, Edelstahl- und Messing-Gebisse waren von guter Qualität.
  • In keinem der 103 Gebisse wurden potenziell giftige Elemente wie Cadmium oder Blei gefunden.
  • Eine für das Pferd giftige Abgabe von Eisen durch Sweet-Iron-Gebisse ist nicht zu erwarten.

 

Danksagung

Die vorliegende Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem SVPS und dem kantonalen Laboratorium Bern, Abteilung Umweltsicherheit, durchgeführt. Unser Dank geht an die Reitsportgeschäfte und Reiter – ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.
Originalartikel mit weiterführenden Informationen:
Pferdeheilkunde – Equine Medicine 35, 3, 234–239 (2019)
www.pferdeheilkunde.de/de/fundus

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