Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Zirkusbereiterin aus Leidenschaft

19 August 2019 06:00

Rebecca Fratellini ist im Zirkus geboren und hat eine klassische Artistenausbildung absolviert. Ihre Leidenschaft für Pferde und die enge Verbundenheit mit ihrem Götti Fredy Knie jun. und dessen Tochter Géraldine haben aber dazu geführt, dass sie nicht mehr im Rampenlicht steht, sondern als engagierte Bereiterin im Schweizer National Circus Knie für das Wohl der Pferde, Ponys und Exoten mitverantwortlich ist.

Organisiert wird im Zirkus ständig. So müssen sich auch die Pferde manchmal gedulden, wenn der weitere Tagesablauf koordiniert wird. Organisiert wird im Zirkus ständig. So müssen sich auch die Pferde manchmal gedulden, wenn der weitere Tagesablauf koordiniert wird. (Foto: B. Würmli)

Offiziell gibt es den Beruf der Bereiterin und des Bereiters in der Schweiz nicht mehr. Heute wird man nach abgeschlossener Ausbildung zur Pferdefachperson EFZ in einer der verschiedenen Fachrichtungen. In der Welt des Zirkus ist aber die alte Berufsbezeichnung noch immer gängig. Rebecca Fratellini, die langjährige Bereiterin des Circus Knie, hat aber keinen klassischen Pferdeberuf erlernt. Sie ist ausgebildete Artistin und zoologische Tierpflegerin.

 

Ein echtes Zirkuskind

Als Tochter der Tänzerin Carol und des Artisten Tino Fratellini verbrachte die heute 37-jährige Rebecca Fratellini ihre Kindheit in Zirkusunternehmen in ganz Europa. 1993 war die Familie Fratellini beim Circus Roncalli in Deutschland engagiert, ebenso Géraldine Knie mit ihren Pferden. Schnell entstand eine enge Verbundenheit zwischen den Familien, denn Pferdenärrin Rebecca verbrachte viel Zeit bei den Knie-Pferden. Als ihr Vater Tino kurze Zeit später schwer erkrankte, lud die Familie Knie Rebecca ein, den Sommer bei ihnen im Schweizer National Circus zu verbringen, um ein bisschen Ablenkung zu bekommen. Kurz danach verstarb ihr Vater viel zu früh, und die Welt des Zirkuskindes wurde auf den Kopf gestellt, denn ihre Mutter entschied sich, mit den zwei Kindern - Rebecca war zwölf Jahre alt, ihr Bruder Francesco erst zwei - sesshaft zu werden.

 

Gekommen, um zu bleiben

Was aber blieb, waren die alljährlichen Sommeraufenthalte von Rebecca im Circus Knie. Sie erzählt: «Fredy jun. wurde mein Götti. Bei ihm und seiner Familie lernte ich alles über Pferde und natürlich auch das Reiten bis zur hohen Schule. Er versprach mir, mich nach Abschluss meiner Ausbildung einzustellen. So absolvierte ich nach der normalen Schulzeit die ‹Annie Fratellini National Circus School› in Paris und kam danach in die Schweiz, um zu bleiben.» Das war vor rund 20 Jahren. Rebecca arbeitete bei Fredy Knie jun. von Anfang an vor allem mit Pferden und machte noch eine Ausbildung zur zoologischen Tierpflegerin. Zudem stand sie als Akrobatin mit Elefanten, als Zirkusreiterin und als Komikerin mit dem Duo Fischbach in der Manege. Sie erinnert sich: «Ich durfte mich neben meiner Hauptbeschäftigung als Bereiterin in den verschiedensten Disziplinen versuchen. Aber ich habe nie etwas halbherzig gemacht, denn eines gibt Fredy Knie jun. allen seinen Schützlingen mit: Wer Zirkus machen will, muss es aus ganzem Herzen und mit vollem Einsatz tun.»

Rebecca Fratellinis Tochter Laura liebt es, bei der Pflege der Ponys zu helfen.
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<br />Laura, la fille de Rebecca Fratellini, aime aider à soigner les poneys. Rebecca Fratellinis Tochter Laura liebt es, bei der Pflege der Ponys zu helfen. (Foto: zVg)

Alltag im Zirkus

Heute ist es um Rebecca Fratellini ruhiger geworden. Sie ist mit dem Zeltmeister Roger Mühlematter verheiratet, zusammen haben sie die siebenjährige Tochter Laura. Nach zwei Unfällen, die mehrere Knieoperationen mit sich brachten, und der Geburt des Kindes arbeitet sie nicht mehr als Artistin, sondern ist nur noch als Bereiterin tätig. Doch was heisst «nur noch», denn die Aufgaben einer Zirkusbereiterin sind sehr vielfältig. Zum Pferdestall gehören nicht nur die Pferde und Ponys, sondern auch Exoten wie Lamas und Kamele. Dieses Jahr sind zusätzlich zwei Schweine und eine Kuh mit auf Tournee, die mit den Komikern auftreten. Auf die Frage, was denn ihre Hauptaufgaben sind, schmunzelt die Pferdefachfrau: «Diese Liste wird lang.» Dann zählt sie auf: «Den Vormittag über trainiere ich mit Fredy jun. und Ivan Knie mit den Pferden. Wenn wir jungen Hengsten die Grundausbildung - das ABC, wie wir es nennen - beibringen oder Freiheitsdressuren proben, arbeiten wir vom Boden aus. Wann immer die Zeit reicht, wird aber auch geritten. Während der Vorstellungen assistiere ich bei allen Tiernummern.» Zudem sei sie für die Gesundheit der Pferde und Exoten zuständig, behandle leichte Blessuren und rekonvaleszente Tiere. Rebecca Fratellini dazu: «Wir sind mit über 80 Tieren unterwegs. Da gibt es immer eines mit einem Wehwehchen.» Sie organisiere, wenn nötig, den Tierarzt oder den Hufschmid, mache die Futter- und Materialbestellungen und schaue zusammen mit dem Sattler, dass alle Probe- und Auftrittsgeschirre, Sättel und anderes Zubehör in Ordnung seien.

Und die Liste geht weiter, denn die Bereiterin ist auch beim Auf- und Abbau des Stallbereichs und beim Transport aller Tiere von Ort zu Ort mitverantwortlich. In Basel, wo «Bulletin» Rebecca Fratellini besuchte, koordiniert sie zudem den Weidegang der Pferde und Ponys, denn der ist in Zürich und Basel eine viel aufwendigere Sache als an anderen Orten. Sie erläutert: «Der Zirkus steht in diesen grossen Städten mitten im Zentrum. Zwar haben die Pferde ihre Auslaufboxen zur Verfügung, aber keine Weiden. So mieten wir jeweils Weiden ausserhalb des Stadtzentrums und fahren die Pferde in Gruppen im Lastwagen dorthin.» Dies erfordert aber einiges an Organisation, denn natürlich muss der Weidegang mit den Morgenproben und den Vorstellungen in Einklang gebracht werden. Jedes Tier muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Obwohl sie in erster Linie Bereiterin ist, arbeitet Rebecca Fratellini auch mit Lamas und Kamelen und sorgt für deren Wohl. Obwohl sie in erster Linie Bereiterin ist, arbeitet Rebecca Fratellini auch mit Lamas und Kamelen und sorgt für deren Wohl. (Foto: B. Würmli)

Organisation ist alles

Sowieso steht das Organisieren immer im Mittelpunkt - bei der Arbeit wie auch im Privaten. Rebecca Fratellini seufzt: «Seit ich Mutter bin, ist der Tagesablauf nicht einfacher geworden. Mein Mann ist als Zeltmeister oft unterwegs. Während ich am aktuellen Platz arbeite und Laura dort die Zirkusschule besucht, ist Roger oft schon am nächsten Spielort, um den Platz zu vermessen und den Aufbau zu planen.» Sie sei es dann, die ihre Arbeit sowie die Betreuung der Tochter unter einen Hut bringen müsse. «Da bei der Familie Knie die Kinder aber immer im Vordergrund stehen, erlaubt mir mein Chef Fredy jun., meine Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Und wenn Laura möchte, darf sie ausserhalb der Schulzeit dabei sein, wenn ich bei den Tieren bin», so Rebecca Fratellini weiter. Schwieriger sei es an Auf- und Abbautagen. Da gibt es kaum eine freie Minute. Am Vormittag wird wie immer mit den Pferden trainiert. Nach dem Mittagessen muss der Wohnwagen reisefertig gemacht werden. Am Nachmittag beginnen im Stall- und Zoobereich schon die Abbauarbeiten. Alles, was für die Abendshow nicht mehr gebraucht wird, wird bereits transportfertig gemacht.

Während der Vorstellung assistiert die Bereiterin wie üblich, ist aber auch darum besorgt, dass die Geschirre und alles Zubehör sofort nach dem Auftritt verpackt und die Pferde verladen werden. Rebecca Fratellini erzählt: «Gegen Mitternacht ist meine Arbeit am alten Spielort erledigt. Dann fahre ich zusammen mit meiner Tochter den Wohnwagen in die nächste Stadt, während mein Mann noch am alten Platz im Einsatz ist.» Am neuen Ort werde ihr der Standplatz zugewiesen, Strom und Wasser würden angeschlossen, der Wohnwagen wieder wohnlich hergerichtet und Laura ins Bett gebracht. «Bis ich selbst ins Bett falle, ist es oft schon fast Morgen.» Nach wenigen Stunden Schlaf steht die Bereiterin wieder auf dem Platz und hilft bei allem, was am Aufbautag im Stallbereich anfällt. Wenn alles planmässig läuft, absolvieren die Pferde am späten Nachmittag bereits eine kurze Trainingseinheit in der Manege, und am Abend findet die Premierenvorstellung am neuen Spielort statt. Nur in Städten, wo durch die Verkehrslage und die Infrastruktur der Aufbau der Zeltstadt erschwert ist, ist der Aufbautag spielfrei.

 

Neubeginn

Obwohl Rebecca Fratellini im Zirkus und mit ihrer Arbeit glücklich ist und sich wie ein Mitglied der Familie Knie fühlt, haben sie und ihr Mann nun aber beschlossen, den Zirkus Ende der Saison 2019 zu verlassen und sesshaft zu werden. «Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir uns entscheiden mussten, ob wir bis zur Pensionierung im Zirkus bleiben oder ob wir nochmals neu beginnen. Denn wenn wir mal fünfzig sind, wird es schwierig, im normalen Berufsleben ausserhalb der Zirkuswelt nochmals Fuss zu fassen», so die Pferdefrau. Eines ist aber klar: Rebecca Fratellini wird mit ihrer Familie auch in Zukunft oft im Circus Knie zu Besuch sein. Zudem möchte die Bereiterin die Arbeit mit Pferden nicht aufgeben, weiss aber noch nicht, wie ihre neue Tätigkeit aussehen wird. Abschliessend sagt sie lächelnd: «Wie unser neues Leben wird, steht noch in den Sternen. Aber als Zirkusleute sind wir es gewohnt zu improvisieren, denn wir wissen nie genau, was uns am nächsten Tag und am nächsten Ort erwartet.»

Barbara Würmli

Ein Blick hinter die Kulissen des Circus Knie 
Bei den morgendlichen Tierproben im Zirkuszelt sind Besucher herzlich willkommen! Wer ein Ticket für den fahrenden Zoo oder eine Vorstellung am jeweiligen Tag hat, kann von Montag bis Samstag (ausgenommen Aufbautage und spielfreie Tage) die Morgenarbeit hautnah miterleben.
Ausserdem erläutert Fredy Knie jun. an bestimmten Tagen seine Herangehensweise beim Tiertraining unter dem Motto «Tiere gehen zur Schule» und kommentiert seine Arbeit mit den tierischen Zirkusartisten jeweils von 10.00 bis 11.30 Uhr. Die nächsten Daten dieser Veranstaltungsreihe sind:
– Genf: Sonntag, 25. August 2019
– Lausanne: Sonntag, 29. September 2019

Weitere Informationen: www.knie.ch/circus/tournee-2019/fahrender-zoo

Wie werde ich Bereiter/in? 
Die Berufsbezeichnung «Bereiter/in» wird heute im Rahmen des eidgenössischen Bildungswegs nicht mehr verwendet und ist somit nicht geschützt. Das bedeutet, dass jeder sich «Bereiter/in» nennen kann, auch ohne eine entsprechende Berufslehre gemacht zu haben. Die offizielle Bezeichnung von Reiterinnen und Reitern, die im Rahmen der Organisation der Arbeitswelt (OdA) Pferdeberufe Schweiz ihren Beruf erlernt haben, lautet «Pferdefachfrau» bzw. «Pferdefachmann». Diese berufliche Grundausbildung dauert drei Jahre und wird mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) abgeschlossen.
Zu Beginn der Ausbildung entscheiden sich die angehenden Pferdefachpersonen für eine Fachrichtung. Zur Auswahl stehen: Pferdepflege, klassisches Reiten, Westernreiten, Gangpferdereiten, Pferderennsport oder Gespannfahren.

Weitere Infos: www.pferdeberufe.ch

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