Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Zu schwierig? Zu kompliziert? Der neuen Grundausbildung auf den Zahn gefühlt

11 Oktober 2019 12:00

Seit dem 1. Januar 2019 ist das neue Ausbildungskonzept des SVPS in Kraft. Neu sind die Anforderungen für den Einstieg in den Turniersport höher. Dafür muss bei der neuen Grundausbildung, die dem früheren Brevet gleichgesetzt wurde, im praktischen Teil nicht mehr gesprungen werden. Eine erste Bilanz nach rund acht Monaten.

Nach gut zwei Jahren und zahlreichen Sitzungen der Arbeitsgruppe, in der etwa 20 verschiedene Verbände, Kommissionen und Parteien vertreten waren, war es am 1. Januar dieses Jahres so weit: Ein neues Ausbildungskonzept war geboren und bereit für seinen Einsatz. Dieses beinhaltet die folgenden Punkte - eine kurze Zusammenfassung:

1. Grundausbildung Pferd Reiten/Fahren: Diese Ausbildung bildet eine Basisausbildung für Reiterinnen und Reiter bzw. Fahrerinnen und Fahrer und kann mit einer Prüfung, dem Attest (ohne Reiten/Fahren) oder dem Diplom (mit Reiten/Fahren) abgeschlossen werden. Der Reittest beinhaltet keine Sprünge und keinen Trail.

2. Brevet: Das Brevet wird von den Disziplinen des Schweizerischen Verbands für Pferdesport (SVPS) oder anderer Verbände wie Gangpferde und Western (neu ab 1.1.2020) angeboten und dient als Standortbestimmung für den Einstieg in den Wettkampfsport auf tieferem Niveau oder als Ausbildungsprüfung ohne Einstieg für den Wettkampfsport. Das Vortraben und die Theorie betreffend die Reglemente usw. gehören neu zu den Anforderungen der Brevetprüfung.

3. Lizenz: Die Lizenz dient als Test für den Wettkampfsport und wird von den Disziplinen des SVPS angeboten, wie die Spring-, Dressur-, Fahr-, Endurance- oder TREC-Lizenz. Hier gibt es keine wesentlichen Änderungen, ausser dass das Vortraben und die Theorieprüfung bei der Dressur- und Springlizenz bereits auf der Stufe Brevet geprüft werden. Die Kontrolle der Pferdepässe mit den korrekt eingetragenen Impfungen wird beibehalten.

Soweit die Neuerungen, wie sie ab Januar 2019 umgesetzt worden sind.

Auch das korrekte Führen eines Pferdes wird erlernt. Foto: A. Schneider Auch das korrekte Führen eines Pferdes wird erlernt. Foto: A. Schneider

Positive Rückmeldungen

Dies schon mal vorweg: Trotz einiger kritischer Äusserungen darf unter dem Strich gesagt werden, dass die Umstellung auf das neue Konzept geglückt ist und soweit auch bei allen Beteiligten gut ankommt. Das Attest, also eine erste Grundausbildung ohne Reiten oder Fahren, ist gefragter als zunächst angenommen. 116 Kandidatinnen und Kandidaten haben sich bisher dafür angemeldet, 108 haben bestanden, und 8 Personen haben sich für die Prüfung abgemeldet. «Die Rückmeldungen sind durchwegs positiv. Erst hatte man Bedenken, ob beispielsweise der Regenschirmtest in der Bodenschulung beim Attest wirklich funktioniert. Dies ist aber, soweit ich informiert bin, überhaupt kein Problem», erläutert Markus Niklaus, Verantwortlicher Ausbildung Offizielle und Nachwuchsförderung auf der Geschäftsstelle des SVPS.

Attest als solides Fundament

Das Attest richtet sich an Personen, die noch wenig Erfahrung im Umgang mit Pferden haben und die Grundlagen erlernen möchten, wie beispielsweise Eltern von reitenden Kindern. Auf die Frage, wer denn sonst noch das Attest absolviere, erklärt Markus Niklaus: «Zum Beispiel Militärangehörige des Trains. Sie machen erst das Attest, und wenn sie in ihrem Dienst auch reiten müssen, absolvieren sie in einem zweiten Schritt das Diplom und dann je nachdem noch das kombinierte Brevet Dressur/Springen - für den allfälligen Sporteinstieg.» «Jedoch auch für Kinder, die fürs Reiten vielleicht noch zu klein sind, ist das Attest eine passende Möglichkeit, sich schon mal mit dem Pferd als Wesen und dem ganzen Wissen rund ums Pferd zu befassen», ergänzt der Ausbildungsverantwortliche im Vorstand des SVPS, Martin Habegger.

Ein neuer Teil der Grundausbildung Pferd beinhaltet auch Bodenschule, zum Beispiel die Übung mit dem Regenschirm - für mehr Sicherheit. Foto: A. Schneider Ein neuer Teil der Grundausbildung Pferd beinhaltet auch Bodenschule, zum Beispiel die Übung mit dem Regenschirm - für mehr Sicherheit. Foto: A. Schneider

Zahl der bestandenen Prüfungen stabil

Schaut man die Statistiken der vergangenen Jahre an und vergleicht sie mit den Zahlen vom Januar bis Ende Juli 2019, so sehen diese folgendermassen aus: 2016 haben rund 3300 Personen das Brevet bestanden, 2017 rund 3100, 2018 waren es rund 4200. Die erhöhte Absolventenzahl im vergangenen Jahr war aufgrund des bevorstehenden Wechsels zu den neuen Ausbildungsstrukturen zu erwarten. Die Statistiken zeigen jedoch, dass nur rund ein Drittel der erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen des früheren Brevets dieses im Jahr nach der Prüfung auch aktiviert haben, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Das heisst, zwei Drittel der damaligen Prüflinge absolvierten das Brevet als «Ausbildungsprüfung» und nicht als «Eintrittsprüfung» für den Turniersport.

Dieses Jahr haben bis Ende Juli 2019 bereits rund 1400 Personen die Grundausbildung bzw. das Brevet bestanden. Die Grundausbildung Diplom Reiten haben 1039 Personen bestanden, während 10 nicht bestanden haben. Die Grundausbildung Fahren haben 62 bestanden und eine Person nicht bestanden. Bei den Brevets sieht die Bilanz bis Ende Juli 2019 folgendermassen aus:

  • Brevet Dressur: 12 bestanden, 3 nicht bestanden
  • Brevet Kombiniert: 53 bestanden,22 nicht bestanden
  • Brevet Gangpferde: 29 bestanden,5 nicht bestanden
  • Brevet Fahren: 54 bestanden, 1 nicht bestanden

Die neue Aufteilung von Grundausbildung und Brevet scheint soweit geglückt und auch bei Kindern, Teenagern und Erwachsenen nach wie vor anzukommen und gefragt zu sein.

Das Reiten verschiedener Bahnfiguren in der Gruppe ist Teil der praktischen Prüfung für das Diplom. Foto: A. Schneider Das Reiten verschiedener Bahnfiguren in der Gruppe ist Teil der praktischen Prüfung für das Diplom. Foto: A. Schneider

Einstieg in den Turniersport zu lang und zu schwierig

Trotzdem werden auch kritische Stimmen laut. In erster Linie aus der französischsprachigen Schweiz und auch aus Kreisen, die dem Breitensport nahestehen. Diese beiden Lager argumentieren, dass das neue Brevet als Hürde für den Einstieg in den Turniersport zu hoch sei und somit der Turniersport der tieferen Leistungsklassen, insbesondere B60 bis B75, torpediert würde. Man befürchtet, dass es immer weniger Startende geben wird und somit die Veranstalter, die bereits heute ums Überleben kämpfen, aufgeben oder mittelfristig zumindest keine Prüfungen unter B80 mehr anbieten werden. Urs Schneider vom Ponyhof Bätterkinden sagt dazu: «Für das neue Brevet sind die Anforderungen viel höher als bisher. Das ist so gewollt. Vielen Kandidaten fehlt zum Prüfungszeitpunkt jedoch das bisschen an (Wettkampf-)Erfahrung, das für mental weniger Starke nötig ist, um die Brevetprüfung beim ersten Anlauf zu bestehen.» Weiter käme hinzu, dass nicht selten bisherige Anbieter von Brevetkursen der alten Art keine Pferde und Ponys für das neue Brevet zur Verfügung stellen könnten oder wollten, die niveaumässig die Anforderungen des neuen Brevets erfüllten. Dies sei ein weiterer erschwerender und limitierender Punkt.

Offen sein und bleiben

Auf diese Punkte entgegnet Martin Habegger vom SVPS-Vorstand: «Klar braucht es nun eventuell etwas mehr Zeit, bis ein Reiter oder eine Reiterin bereit ist für die Brevetprüfung, um dann an Turnieren starten zu können. Jedoch muss ihm oder ihr nach bestandenem Brevet ja auch ein Pferd oder Pony zur Verfügung stehen, das auf diesem Niveau eingesetzt werden kann.» Und auch an einem Turnier seien die Athleten ja einem gewissen Druck ausgesetzt, wie sie dies eben auch an einer Brevetprüfung sind. «Grundsätzlich denke ich, dass die Richtung des neuen Ausbildungskonzepts stimmt. Und trotzdem möchte ich betonen: Wir sind und bleiben offen für Anregungen, und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass noch die eine oder andere Anpassung vorgenommen wird», sagt Habegger weiter. Beispielsweise sei das neue «E-Learning» für Einsteiger zwar in Ordnung, allerdings müsse dann die Onlineprüfung für bereits erfahrenere Pferdesportlerinnen und -sportler, also für das Brevet, unbedingt ergänzt und ausgebaut werden.

Eine fundierte Ausbildung im Umgang mit dem Pferd fördert die Sicherheit - beispielsweise auch im Strassenverkehr. Foto: A. Schneider Eine fundierte Ausbildung im Umgang mit dem Pferd fördert die Sicherheit - beispielsweise auch im Strassenverkehr. Foto: A. Schneider

Wie machen es andere?

Der Blick über den Tellerrand beziehungsweise über die Landesgrenzen - immer mit der Tatsache im Hinterkopf, dass die Schweiz nur bedingt mit den wirklich grossen Pferdesportnationen wie Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder Schweden verglichen werden kann - lohnt sich: All diese Länder haben ein gewisses Brevet- oder Lizenzsystem als Voraussetzung für den Einstieg in den Wettkampfsport. Die Briten haben in der Disziplin Springen ein eigenes Mitgliedersystem, bei dem man sich eine Mitgliedschaft, je nach Niveau, kaufen kann. Weiter haben sie ein spezielles System für Schulen, die so Kinder und Teenager anmelden können. Hier kommt ganz klar rüber, dass im angelsächsischen Raum der Pferdesport eine stark verwurzelte Tradition hat und somit auch einen etwas anderen, um nicht zu sagen automatischen, Stellenwert in der Gesellschaft.

Das Springen über kleine Naturhindernisse lernen die Reiterinnen und Reiter für den Silbertest. Foto: A. Schneider Das Springen über kleine Naturhindernisse lernen die Reiterinnen und Reiter für den Silbertest. Foto: A. Schneider

Vom Breitensport über «Galops» bis zur
«Green Card»

Die Deutschen trennen klar zwischen Breiten- und Leistungssport, dafür gibt es sogar zwei verschiedene Reglemente, und so sind auch unterschiedliche Anforderungen für den Einstieg in den Wettkampfsport gestellt. In Frankreich und Schweden wird der Wettkampfeinstieg ähnlich wie in der Schweiz gehandhabt. Während die Franzosen ein vergleichbares System mit Brevet (Galops) und Lizenzen haben, gibt es in Schweden die sogenannte «Green Card», die analog dem aktuellen Brevet in der Schweiz über Kurse und eine Prüfung erworben werden kann.

Vorstandsmitglied Martin Habegger unterstreicht: «Ziel der neuen Brevets ist, dass die Reiterinnen und Fahrer beim Turniereinstieg über mehr Wissen beispielsweise über Reglemente und das Verhalten auf dem Aufwärmplatz verfügen und auch in der Praxis weiter sind als die früheren Brevetabsolventen. Diesem Ziel wurde definitiv Rechnung getragen.» Nun gelte es abzuwarten und zu analysieren, was in Zukunft eventuell noch verbessert oder optimiert werden sollte. «Vor allem muss man auch überlegen und definieren, was denn ‹besser› in diesem Sinn bedeutet», sagt er weiter.

Dass man - und damit auch ein Schweizerischer Verband für Pferdesport - es nicht immer allen recht machen kann, ist kaum abzustreiten. Das Ziel sollte jedoch weiterhin und überhaupt sein, dass ein Konsens besteht und möglichst alle Beteiligten den Karren in die gleiche Richtung ziehen - für das Pferd und für den Pferdesport.

Nicole Basieux

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