Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Züchten im Natursprung: Wilde Romantik oder unterschätztes Risiko?

15 Mai 2017 14:41

In der heutigen globalisierten Sportpferdezucht, die dank Tiefgefriersperma kaum geografische Grenzen kennt, kommt es nur selten zu einem direkten Kontakt zwischen Stute und Hengst. Doch bei Problemstuten, die nur schwer trächtig werden, stellt der Natursprung eine wichtige Alternative dar. Und auch Stutenbesitzer/innen, die ein eigenes Fohlen ziehen möchten, sehen das Decken durch einen Weidehengst oftmals als optimale Fortpflanzungsmethode, die der Natur am nächsten kommt. Eine fahrlässige Vermenschlichung sagen die einen, eine bewährte Zuchtmethode im modernen Zeitgeist, die anderen.

Eine Stute aus dem Harem signalisiert Lord Sinclair III ihre Deckbereitschaft. Eine Stute aus dem Harem signalisiert Lord Sinclair III ihre Deckbereitschaft.

Zwei Dinge zeichnen das Burgund aus: der gute Wein und die weiten Ebenen. Hier lässt es sich leben - was für Mensch und Pferd gleichermassen gilt. Das bewog vor über 20 Jahren auch den renommierten Schweizer Pferdezüchter Hans-Jakob Fünfschilling, nebst seinem Gestüt «de Lully» im Kanton Freiburg hier einen weitläufigen Pferdebetrieb aufzubauen. Nicht nur die Jungpferde sollten im Herzen Frankreichs genügend Platz zum Wachsen und Toben erhalten, sondern auch der hoch erfolgreiche Zuchthengst Gauguin de Lully, der unter dem Sattel von Christine Stückelberger im Dressursport neue Massstäbe setzte, sollte hier als Weidehengst eine neue Aufgabe erhalten. «Zurück zur Natur» hiess die Devise.

Altbewährt und aktuell wie nie

Schon damals bewirtschaftete Christian Hürzeler mit der Unterstützung seiner Frau Marianne einen Teil des Fünfschilling-Betriebs im Burgund. Als Hans-Jakob Fünfschilling Ende 2016 in den züchterischen Ruhestand trat, übernahm die Familie Hürzeler auch den Weidehengstbetrieb mit 40 Hektar Weidefläche und grosszügigen Laufställen. Und Hürzeler ist überzeugt: Das Konzept der Weidehengsthaltung ist aktueller denn je! Die Pferdebesitzer besinnen sich heute zurück auf die artgerechte Pferdehaltung und somit auf die Zucht auf der Weide.

Zwar wirkt heute nicht mehr der unvergleichliche Gauguin de Lully im Burgund - er starb 1996 nach seiner zweiten Decksaison an einem Aortenabriss inmitten seiner Herde. Doch mit dem Vollblüter Stargate XX wurde ein aus der Sicht des Besitzers würdiger Nachfolger gefunden. Der inzwischen 18-jährige Hengst kümmert sich seit vielen Jahren um seine Pferdefamilie, und die sechs Stuten - fünf davon bereits ältere Damen aus dem Bestand von Fünfschilling - bringen mit einer Trächtigkeitsrate von nahezu 100 % jedes Jahr gesunde Fohlen zur Welt, die sich später im Sport bewähren werden.

Naturnahe Zucht braucht Zeit

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zucht im Weidesprung liegt, so Hürzeler, in der sorgfältigen Vorbereitung. Von verklärter Romantik ist er mit seinem Projekt denn auch weit entfernt. Soll das Vorhaben verletzungsfrei gelingen, wird nichts dem Zufall überlassen. Neue Stuten werden nicht einfach in die Herde integriert. Erst wenn die rossige Stute beim Abprobieren - also dem durch eine Abschrankung getrennten Beschnuppern von Hengst und Stute - ihre Deckbereitschaft anzeigt, wird sie zunächst an der Hand für den ersten Deckakt mit dem Hengst zusammengeführt. Hürzeler verzichtet dabei bewusst auf Fussfesseln bei der Stute, setzt zur Sicherheit jedoch eine Nasenbremse ein. Denn, so Hürzeler, der Natursprung ist für den Hengst gefährlicher als für die Stute. Gelingt dieser erste Kontakt zwischen Hengst und Stute wunschgemäss, dürfen die beiden anschliessend gemeinsam auf die Weide und werden dann in die Herde integriert. Hürzeler hat die Erfahrung gemacht, dass das Deckverhalten der Hengste in der Herde schwierig zu beobachten ist. Hengst und Stute scheinen die ruhigen Nacht- und frühen Morgenstunden zu nutzen, um den für sie optimalen Zeitpunkt für den Deckakt zu finden, was die Wahrscheinlichkeit einer Trächtigkeit um ein Vielfaches erhöht.

Diese Vorbereitung und das Management der Familienbande erfordert viel Zeit, Erfahrung und Feingefühl. Es gibt keine Abkürzungen und keine Kompromisse, denn das Verletzungsrisiko würde dadurch deutlich erhöht.

Zuchttiere mit einwandfreiem Charakter

Bei Hürzelers verlief die Sportpferdezucht im Natursprung bisher unfallfrei. Der gelernte Landwirt räumt jedoch ein, dass nur Stuten und Hengste mit einwandfreiem Charakter für den Natursprung geeignet sind. Ist eine Stute zickig mit dem Hengst, sollte sie nicht im Natursprung bedeckt werden.

Sollte Stargate eines Tages ersetzt werden, müsste bei der Wahl des neuen Weidehengstes - nebst dem sportlichen Leistungspotenzial - viel Wert auf den Charakter gelegt werden. Der Vererber soll sich dem Menschen gegenüber respektvoll verhalten und darf sich auch gegenüber den Stuten und Fohlen nicht aggressiv zeigen, so Hürzeler: «Was wir brauchen, ist ein fürsorglicher Familienvater.» Sind diese Voraussetzungen gegeben, lernt ein neuer Hengst erst einmal, an der Hand zu decken. Wenn dies klappt, kann er in die Stutenherde integriert werden. «Am Ende muss man auch auf die Instinkte der Tiere vertrauen. Wie sich die meisten Stuten instinktiv gut um ihre Fohlen kümmern, fühlen sich auch Hengste im Familienverband meist schnell wohl.»

Ein weiterer entscheidender Faktor für die erfolgreiche Weidehengsthaltung ist das Platzangebot. Nur wenn der Hengst sich zwischenzeitlich zurückziehen kann und auch die Stuten und ihre Fohlen nicht in Bedrängnis geraten, herrscht Ruhe und Zufriedenheit in der Gruppe.

Junge Stutenherde für die Zukunft

Um den Fortbestand des Zuchtprojekts zu sichern, möchten Hürzelers in nächster Zeit die Stutenherde verjüngen. Wer der eigenen Stute die Möglichkeit zum naturnahen Decken geben möchte, ist herzlich willkommen. Kurzaufenthalte sind jedoch nicht erwünscht, da sie Unruhe in die Herde bringen. Idealerweise bleibt die Zuchtstute über mehrere Decksaisons hinweg beim Weidehengst und schenkt ihrem Besitzer jedes Jahr ein Fohlen.

Spagat zwischen Sport und Zucht

Auch im aargauischen Dintikon lebt ein Topvererber in seiner Stutenherde: Lord Sinclair III, das Aushängeschild der Sportpferdezucht Rietenberg. Betriebsleiter Si-mon Alt und seine Frau Corinne Sélébam Alt kauften den in Bayern gezogenen Dunkelbraunen gezielt mit dem Vorhaben, einen Weidehengst für ihre problematischen Zuchtstuten zu haben. Der sporterprobte Hengst galt damals aufgrund einer Sportverletzung als nicht mehr reitbar. Simon Alt ist überzeugt: Dass der 17-Jährige heute im Dressursport bis Grand Prix eingesetzt werden kann, ist zu einem Grossteil der Hal-tung zu verdanken. «Lord ist im Offenstall und auf der Weide den ganzen Tag auf Achse. Die ruhige Bewegung im Schritt ist die beste Therapie für seine Schwachstelle.» Doch die naturnahe Hengsthaltung und der gleichzeitige Zucht- und Sporteinsatz haben auch ihren Preis, wie Corinne Sélébam Alt weiter anführt: «Die Sport- und Zuchtsaison fallen weitgehend zusammen. Wenn seine Stuten rossig sind, nimmt sich Lord manchmal kaum Zeit zum Fressen und das Decken kostet Substanz. Das sieht man ihm natürlich an. So sucht man Fettpölsterchen bei ihm vergebens. Und wenn er die ganze Nacht gedeckt hat, fehlt ihm anderntags manchmal der nötige ‹Pfupf› im Viereck.»

Fremde Stuten im Harem

Zur Hauptkundschaft der Sportpferdezucht Rietenberg gehören Pferdebesitzer, die der eigenen Stute den Kontakt zum Hengst ermöglichen wollen, und professionelle Züch-ter mit Problemstuten, die mit künstlicher Besamung nicht trächtig werden. Nach sehr sorgfältigem Abprobieren der fremden Stute - auch mehrmals täglich - kann diese problemlos in den Weideharem integriert werden. «Wir müssen ganz sicher sein, dass die Stute rossig ist. Dazu dürfen sich Hengst und Stute zuerst durch ein Fenster beschnuppern. Zeigt sich die Stute dort deckbereit, ist das noch kein hundertprozentiges Zeichen, dass sie beim Deckakt auch steht. Deshalb wird sie anschliessend in den Untersuchungsstand geführt und darf vom Hengst durch ein Fenster von hinten beschnuppert und beknabbert werden, ohne dass er aufspringt», erklärt Corinne Sélébam Alt. Erst wenn sie in dieser Situation, wo sie nicht weg kann, auch steht und den Hengst einlädt, kann man Hengst und Stute - auf der Weide oder an der Hand - zusammenführen. Fussfesseln für die Stuten erübrigen sich nach solch aufwendiger Vorbereitung.

Es sollte jedoch nie nur eine Stute beim Hengst auf der Weide sein, ergänzt Simon Alt. Denn die Stuten schützen sich gegenseitig oder buhlen gemeinsam um die Gunst des Hengstes. Andernfalls ist der Hengst zu sehr auf die eine Stute fixiert und kann sie in eine Ecke drängen, auch wenn sie nicht deckwillig ist.

Die Natur als Vorbild

Ob im Natursprung an der Hand oder beim Decken auf der Weide - das Ehepaar Sélébam Alt ist überzeugt, dass man sich die Natur zum Vorbild nehmen muss, um mög-lichst optimale Bedingungen zu schaffen. «Auf der Weide deckt der Hengst die Stute sechs bis sieben Mal pro Tag. Die Stute entscheidet, wie oft und wie lange sie den Hengst duldet.» Ausserdem haben die erfahrenen Pferdeleute beobachtet, dass der Hengst auf der Weide seine Stute nach dem Deckakt jeweils noch eine Weile vor sich hertreibt. Davon inspiriert werden auch die Stuten, die in der Sportpferdezucht Rietenberg an der Hand gedeckt werden, anschliessend im Schritt geführt, um die Befruchtungschance zu erhöhen.

Auch muss man dem Hengst beim Decken an der Hand gewisse Freiräume lassen. «Man darf mit dem Hengst in dieser Situation nicht zu streng sein. Natürlich muss er kontrollierbar bleiben, aber er muss auch ‹den Chef raushängen lassen› dürfen. Andernfalls kann es passieren, dass der Hengst die Lust verliert.»

Nur in erfahrene Hände

Auch Corinne Sélébam Alt und Simon Alt sind sich einig, dass das naturnahe Decken trotz grösster Vorsicht ein gewisses Risiko mit sich bringt. Es kann zu Tritt- und Bissverletzungen kommen, und die Stute kann im Deckakt innerlich in der Scheide verletzt werden. Letzteres ist zwar sehr selten, doch sind solche inneren Blutungen nicht zu unterschätzen.

Das Decken im Natursprung ist also auch in der Sportpferdezucht durchaus eine Option. Der Aufwand dafür ist jedoch gross, und alle Beteiligten müssen sich der Risiken, die sie eingehen, bewusst sein. Der Natursprung und vielmehr noch der Weidesprung werden in der gewerblichen Sportpferdezucht wohl ein Nischenmarkt bleiben, da nicht in der gewünscht kurzen Zeit eine entsprechend grosse Nachfrage gedeckt werden kann. Dennoch darf diese Fortpflanzungsmethode nicht belächelt werden, denn sie erfordert vom Hengsthalter viel Know-how und Erfahrung und hat ihren berechtigten Platz in der Zucht - auch von Sportpferden.

Cornelia Heimgartner

zVg

In der Herde entscheidet die Stute über den Deckzeitpunkt. In der Herde entscheidet die Stute über den Deckzeitpunkt.

Der Spagat zwischen Spitzensport und Zuchteinsatz als Weidehengst ist nicht immer einfach. Der Spagat zwischen Spitzensport und Zuchteinsatz als Weidehengst ist nicht immer einfach.

Stargate, eine Veredler für die Warmblutzucht, der im Burgund sein Leben geniesst. Stargate, eine Veredler für die Warmblutzucht, der im Burgund sein Leben geniesst.

Weidehengste zeichnen sich charakterlich als liebevolle Familienväter aus. Weidehengste zeichnen sich charakterlich als liebevolle Familienväter aus.