Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Para-Dressage
Para-Equestrian

Ausnahmeathleten in der Para Dressage

15 Juli 2019 10:00

Sie sind teilweise gelähmt oder haben ein eingeschränktes Sehvermögen, vielleicht fehlen ihnen sogar einzelne Gliedmassen. Dennoch lassen sich die Athletinnen und Athleten der Disziplin Para Equestrian nicht entmutigen, den Traum vom Wettkampfsport zu leben. Auch Trainer und Richter, die diese Pferdesportler unterrichten und benoten, müssen sich anpassen - oder vielleicht doch nicht? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigten sich am Para Equestrian Forum des Weltreiterverbandes FEI in Lamotte-Beuvron (FRA) Vertreterinnen und Vertreter von Pferdesportvereinigungen aus 23 Nationen.

Nicole Geiger ist eine Para-Dressage-Reiterin im Grade V und vertritt als Kadermitglied die Schweiz an internationalen Prüfungen. Nicole Geiger ist eine Para-Dressage-Reiterin im Grade V und vertritt als Kadermitglied die Schweiz an internationalen Prüfungen.

Der brasilianische Dressurreiter Rodolpho Riskalla hatte eine Bilderbuchkarriere im Dressursport hingelegt und begeisterte schon bei den Junioren und Jungen Reitern durch sein Talent. Sein grosser Traum: Olympia! Nachdem er die Qualifikation für London 2012 knapp verpasst hatte, setzte er alles auf eine Karte und zog 2015 nach Frankreich, um sich voll und ganz auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele von Rio 2016 zu konzentrieren. Doch dann nahm sein Leben eine dramatische Wende: Infolge einer bakteriellen Meningitis hing sein Leben plötzlich an einem dünnen Faden, und es mussten ihm die rechte Hand und zwei Finger der linken Hand sowie beide Beine unterhalb des Knies amputiert werden. Der Traum von Olympia im Heimatland schien geplatzt, seine ganze Existenz infrage gestellt. Doch dank seiner unheimlichen Willenskraft und der unermüdlichen Unterstützung seiner Familie ritt er in Rio schliesslich doch noch in das olympische Viereck ein - in der Disziplin Para Dressage, dem Dressurreiten für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Heute steht der 35-jährige Reiter und Trainer sprichwörtlich mit beiden Beinen im Leben und gab am FEI Para Equestrian Forum seine Erfahrungen in der Para Dressage weiter.

 

Unterrichten wie im Regelsport

Auch wenn Para-Reiter besondere Bedürfnisse haben, sollen sie unterrichtet werden wie jeder andere Reiter auch, so das Kredo von Riskalla. In der kommentierten Unterrichtseinheit, die er im Rahmen des Para Equestrian Forum abhielt, ermunterte er die Trainer von Para-Sportlern, keine Angst vor Fettnäpfchen zu haben: Wenn der Trainer seinen Schüler beispielsweise auffordern möchte, das äussere Bein stärker einzusetzen, soll er dies mit genau diesen Worten sagen, auch wenn der betreffende Para-Reiter kein äusseres Bein hat. Die Reiter wüssten sich sehr wohl zu helfen und zu interpretieren, was der Trainer meint. Dank der individuellen Hilfsmittel, die den Reitern zur Verfügung stehen, werden sie diese Anweisung umsetzen können.

Auch der Cheftrainer des US-amerikanischen Para-Dressage-Teams und ehemalige Nationaltrainer der britischen Para-Dressage-Reiter, Michel Assouline, macht bei seinem Unterricht keinen Unterschied zwischen Regelsport- und Para-Reitern, was er an seinem öffentlichen Training im Rahmen des Para Equestrian Forum eindrücklich bewies. Der gebürtige Franzose war selbst Grand-Prix-Reiter und hat schon so manchem Schüler zu paralympischen Medaillen verholfen. Seine Erfahrung als Trainer von Para-Reitern hat ihn jedoch auch gelehrt, dass Reiter mit körperlichen Beeinträchtigungen noch viel stärker als Regelsport-Reiter ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu ihrem Heimtrainer pflegen. Vor diesem Hintergrund erläuterte er am FEI-Forum seinen Ansatz «coach the coach». Demnach soll es nicht Aufgabe des Nationalcoaches sein, den Heimtrainer zu verdrängen, sondern vielmehr diesem mit Ratschlägen zur Seite zu stehen, damit der Heimtrainer selbst seinen Schüler weiterbringen kann.

Rodolpho Riskalla (BRA) gewann mit Don Henrico an den Weltreiterspielen von Tryon 2018 die Silbermedaille im Grade IV. Rodolpho Riskalla (BRA) gewann mit Don Henrico an den Weltreiterspielen von Tryon 2018 die Silbermedaille im Grade IV. (Foto: S.Vandeput)

Harmonie im Zentrum

Auch das Richten von Para-Dressage-Prüfungen wurde am FEI-Forum thematisiert. Was zunächst eine schier unlösbare Aufgabe scheint, da die einzelnen körperlichen Beeinträchtigungen so unterschiedlich sind, wird in der Praxis sehr pragmatisch gelöst: Wie präzise die geforderten Aufgaben geritten werden, kann der Richter im Para-Sport genauso gut beurteilen wie im Regelsport - da werden keine Augen zugedrückt. Entscheidend ist aber insbesondere auch das Gesamtbild, die Harmonie zwischen Pferd und Reiter. Der Richter muss ausblenden, dass ein Reiter aufgrund seiner Einschränkungen vielleicht eine schiefe Haltung hat und Schulter, Hüfte und Ferse nicht eine gerade Linie bilden. Viel wichtiger ist, wie das Pferd mit dieser anspruchsvollen Situation umgeht, diese kompensiert und trotzdem in der Lage ist, richtlinienkonform die Prüfung zu absolvieren.

 

Der Weg in die Para Dressage

Der Einstieg in die Para Dressage ist zu Beginn aufwendig und zeitintensiv. Doch diese anfänglichen Formalitäten sind wichtig, um faire und gleichberechtigte Wettkampfbedingungen für alle zu gewährleisten.

Der erste Schritt ist das Grading, also die Zuordnung der Reiterinnen und Reiter zu einer Kategorie in Abhängigkeit vom Schweregrad und der Art ihrer körperlichen Beeinträchtigungen. Hierzu nehmen Interessierte in der Schweiz Kontakt auf zur Geschäftsstelle des SVPS, wo ihnen die Kontaktinformationen eines nationalen Classifiers vermittelt werden. Es handelt sich hierbei um Ärzte oder Physiotherapeuten, die eine spezielle Ausbildung bei der FEI absolviert haben. In der Schweiz ist dies die Physiotherapeutin Christina Silagi. Diese medizinische Fachperson erhält vom Para-Anwärter dessen Krankenakte und beurteilt auf dieser Grundlage und anhand eines sogenannten «Banktests», bei dem die funktionalen Fähigkeiten des Para-Reiters in der Arzt- oder Physiotherapiepraxis geprüft werden, ob eine Einbusse der Kraft, Beweglichkeit oder Koordination von mindestens 15 Prozent vorliegt. Allenfalls kann zusätzlich noch eine Sichtung zu Pferd vorgenommen werden, wobei diese eher der Einschätzung des leistungssportlichen Potenzials dient als dem eigentlichen Grading. Die Kosten für dieses Grading trägt der SVPS.

Der Classifier verfasst schliesslich ein Informationsschreiben zuhanden des SVPS, damit festgehalten werden kann, welchem Grade der Reiter zugeordnet wird (von Grade I mit den grössten Beeinträchtigungen bis Grade V mit den geringsten Einschränkungen), welche Hilfsmittel erlaubt sind (z.B. spezielle Zügel mit Halteschlaufen, zwei Gerten, besondere Zäumung usw.) und ob diese Beurteilung definitiv ist oder im Folgejahr überprüft werden muss.

Anhand dieses Informationsschreibens stellt der SVPS schliesslich die sogenannte PEID aus, das Para-Equestrian-Identifikationsdokument. Die Erstausstellung der PEID kostet 90 Franken und geht zulasten des Para-Reiters. Die PEID muss jedes Jahr kostenlos erneuert werden, was eine reine Formsache ist, sofern der Status im Informationsschreiben keine Neubeurteilung des Gradings erfordert.

 

Mit PEID im Regelsport

Ein Grading kann jederzeit veranlasst werden. War der Reiter schon vor dem Grading Inhaber eines Brevets oder einer Lizenz, kann er, sobald er über eine PEID verfügt, in regelsportlichen Dressurprüfungen mit den bewilligten Hilfsmitteln starten. Um unnötige Diskussionen am Turnier zu vermeiden, müssen Para-Reiter vor der Veranstaltung dem zuständigen Technischen Delegierten eine Kopie ihrer PEID schicken, damit dieser dann die Richter der Prüfung über die erlaubten Hilfsmittel informieren kann.

Möchten Reiterinnen und Reiter mit körperlichen Beeinträchtigungen neu in den Turniersport einsteigen, müssen sie das Grading vornehmen, bevor sie sich für die Grundausbildung Pferd anmelden. So wird gewährleistet, dass die Para-Reiter schon für diese Einsteigerprüfung alle Hilfsmittel zur Verfügung haben, die sie brauchen.

 

Partnerschaften für Leihpferde

Die Pferde in der Para Dressage erfüllen eine äusserst anspruchsvolle Aufgabe. Sie müssen sehr sorgfältig ausgebildet sein und über einen durch und durch ehrlichen Charakter verfügen. Gerade Para-Reiter mit schwereren körperlichen Einschränkungen sind nicht immer in der Lage, ihre Pferde täglich zu trainieren. Sie sind darauf angewiesen, dass sie von anderen Reitern beim Training der Pferde unterstützt werden. So bietet es sich an, Partnerschaften zu bilden, um Para-Reitern geeignete Pferde zur Verfügung zu stellen. Auch für die Pferdebesitzer selbst kann dies ein spannendes Abenteuer sein: Sie können ihre Pferde weiterhin selbst im Regelsport reiten und sie zusätzlich im Rahmen der Para Dressage auf die internationalen Turnierplätze auf der ganzen Welt begleiten. Mit etwas Glück kann man vielleicht sogar hautnah an Paralympischen Spielen dabei sein! Wenn Sie Ihr Pferd als Leihpferd für die Para Dressage anbieten möchten, wenden Sie sich einfach an die Geschäftsstelle des SVPS.

Wer in die Para Dressage einsteigt, muss noch kein Spitzenathlet sein. Gerne begleitet der SVPS motivierte Para-Reiter und ihre Trainer auf ihrem Weg in den Turniersport. Noch mehr als im Regelsport ist in der Para Dressage das Umfeld der Reiterinnen und Reiter äusserst wichtig. Viele Para-Reiter sind für jeden Handgriff auf die Unterstützung von Begleitpersonen angewiesen. Wer aber mit Leidenschaft dabei ist und diese motivierten Athleten auf ihrem bisweilen steinigen Weg begleiten darf, wird erleben, wie viel es diesen Menschen bedeutet, nach den Sternen zu greifen und einen Lebenstraum zu verwirklichen.

Cornelia Heimgartner

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