Schweizerischer Verband für Pferdesport SVPS

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Der Pferderücken im Fokus – Teil 2

11 Oktober 2019 12:00

Nachdem SVPS-Disziplintierärztin Dr. med. vet. Selma Latif im 1. Teil des Interviews mit dem «Bulletin» (Ausgabe 09/19) erklärt hat, weshalb heute so viele Pferde Rückenprobleme haben und was das mit der modernen Sportpferdezucht zu tun hat, erfahren Sie nun im 2. Teil des Gesprächs, wie Sie erkennen, ob auch Ihr Pferd körperliche Schwachstellen hat, und wie Sie es rückenschonend trainieren können.

Das Überprüfen des Sattels ist ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung von Bewegungsproblemen beim Pferd. Foto: T. Acklin Das Überprüfen des Sattels ist ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung von Bewegungsproblemen beim Pferd. Foto: zVg

Welche Haltung wäre gesund für das Pferd?

Die Haltung, die wir unter dem Reiter brauchen, finden wir auch in der Natur, nämlich beim Imponiergehabe: Das Pferd wölbt sich im Rücken auf, macht die Oberlinie lang und kippt das Becken ab. Es entsteht eine elastische Spannung in der Oberlinie, bei der das Pferd den Brustkorb anheben und mit den Hinterbeinen unter den Schwerpunkt treten kann. Die Pferde sind weder «elektrisch» und auf der Flucht, noch stehen sie bildlich gesprochen auf der Handbremse. Die Bewegungsenergie fliesst funktionell durch den ganzen Körper. Wie genau die Pferde darauf reagieren, wenn sie nicht genügend funktionell stabilisiert sind, ist individuell. So gibt es Pferde, die aus Unvermögen, in einer korrekten Haltung bergab zu gehen, einfach bergab rennen, andere wiederum deuten an, nicht bergab gehen zu wollen. Der Umgang mit der Überbeweglichkeit ist bestimmt auch eine Frage des Charakters.

Die korrekte Stabilisierung mit aktivem Schultergürtel, getragenem Brustkorb und unter den Schwerpunkt tretender Nachhand lässt sich sowohl in einer Dehnungshaltung wie auch in der Versammlung erreichen. Diese positive Spannung sollte im Sport auf jeder Leistungsstufe beibehalten werden können, sie ist nicht auf Jungpferde und GA-Niveau beschränkt. Wichtig ist aber auch, dass man Stabilität nicht mit Steifheit verwechselt - ein stabiles Pferd hat aufgrund der frei arbeitenden Bewegungsmuskulatur einen grossen Bewegungsumfang, wo hingegen das steife Pferd seine Stabilität durch eine Anspannung der Bewegungsmuskulatur zu erreichen versucht, was den Bewegungsumfang generell einschränkt.

Eine von der Kruppe zum Widerrist abfallende Rückenlinie ist in manchen Fällen mit einem grossen Bauchumfang vergesellschaftet und hat dann nichts mit dem BMI, sondern v. a. mit einer fehlerhaften Körperhaltung zu tun. S. Latif Eine von der Kruppe zum Widerrist abfallende Rückenlinie ist in manchen Fällen mit einem grossen Bauchumfang vergesellschaftet und hat dann nichts mit dem BMI, sondern v. a. mit einer fehlerhaften Körperhaltung zu tun. Foto: S. Latif

Woran erkenne ich als Pferdebesitzer, ob mein Pferd ein Rückenproblem hat?

Wenn mir Pferde vorgestellt werden, sagen mir die Besitzer nicht: «Mein Pferd ist inaktiv im Schultergürtel.» Sie haben vielmehr Probleme, das Pferd zu biegen oder an den Zügel zu stellen. Sie beobachten vielleicht ein unregelmässiges Gangbild oder bemerken Abwehrreaktionen beim Satteln oder Putzen. Manchmal reagieren Pferde ausweichend beim Aufsteigen, sind unter dem Reiter unwillig, an der Longe jedoch einwandfrei. Manche Reiter kommen mit ihrem Pferd auch zu mir, weil die Ausbildung stagniert und der Trainer nicht weiter weiss.

Grundsätzlich kann jeder sehen lernen, wenn ein Pferd eine von hinten nach vorne abfallende Rückenlinie oder Kuhlen hinter dem Schulterblatt aufweist und zu wenig Oberhals bzw. einen allzu ausgeprägten Unterhals hat. Oftmals spürt man sogar ganz prominent das nach vorne und unten abgesunkene Brustbein, wenn man dem Pferd an die Vorderbrust fasst. Ein weiterer Hinweis sind vermeintlich dicke Bäuche, die jedoch nicht durch Übergewicht entstehen, sondern durch mangelnde Bauchmuskulatur, die einen wichtigen Beitrag zur Aufwölbung des Rumpfes leisten sollte. Das alles sind Warnsignale im Hinblick auf Rückenprobleme.

Der Tierarzt kann in vielen Fällen punktuell helfen, wenn das Pferd Schmerzen hat. Aber Schmerzfreiheit allein führt nicht zu einem besseren Bewegungsablauf - der muss bewusst trainiert werden, um das Übel an der Wurzel zu packen. Es gilt herauszufinden, ob eine allfällige Unregelmässigkeit im Gangbild eher mit einer muskulären Dysbalance und Fehlhaltung oder mit strukturellen Veränderungen des Bewegungsapparates in Verbindung gebracht werden muss. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass zwischendurch keine klar lokalisierbare Ursache für eine geringgradige Lahmheit gefunden werden kann.

Die stabilisierende Arbeit an der Hand hat nichts mit einem gemütlichen Spaziergang zu tun. Um dem Pferd Körperspannung zu vermitteln, sind verschiedene Bodenbeschaffenheiten, ein individuell zu wählendes Grundtempo im Schritt und Übergänge im Schritt und Trab von Bedeutung. Foto: S. Latif Die stabilisierende Arbeit an der Hand hat nichts mit einem gemütlichen Spaziergang zu tun. Um dem Pferd Körperspannung zu vermitteln, sind verschiedene Bodenbeschaffenheiten, ein individuell zu wählendes Grundtempo im Schritt und Übergänge im Schritt und Trab von Bedeutung. Foto: S. Latif

Wenn ein Pferd so viele Schwachstellen hat, wo setzt man da als Erstes an?

Wichtig ist insbesondere, dass alle Beteiligten am gleichen Strick ziehen. Ein Sattler kann nicht einfach einen schlecht sitzenden Sattel anpassen, wenn die Sattellage darunter mangelhaft ist. Denn so können die besten Absichten erfolglos bleiben, wenn das langjährige kompensatorische Bewegungsmuster des Pferdes nicht umgeschult wird. Auf der anderen Seite wird das Pferd den Rücken nicht anheben, wenn der Sattel beispielsweise Druck an der Widderristbasis ausübt.

Dasselbe Problem ergibt sich beim Unterricht der Reiter. Es ist toll, wenn Reiter Sitzschulungen besuchen, um sich zu verbessern. Die Erarbeitung der Grundfitness der Reiterinnen und Reiter scheint mir in diesem Zusammenhang eine wichtige Voraussetzung. Bevor ein Reiter nicht in sich stabil ist, also die eigenen Haltemuskeln aufgebaut hat, können Sitzübungen zum Ausgleichen von Asymmetrien nicht nachhaltig fruchten! Hier gibt es also Parallelen zwischen Pferd und Reiter. Auch das Pferd muss zunächst im Sinne einer veterinärmedizinischen Trainingstherapie seinen Körper funktionell stabilisieren, also sein Bewegungsmuster verändern und mittels Aufbau der nützlichen Muskeln bzw. Abbau der störenden Muskeln festigen. Erst dann kann man Asymmetrien beheben. Anders wird es schwierig, sportliche Ziele möglichst gesunderhaltend zu erreichen.

Gezielte Übungen im Stehen können das tägliche Bewegungstraining sinnvoll ergänzen. Vetsuisse-Fakultät, UZH / M. A. Oesch Gezielte Übungen im Stehen können das tägliche Bewegungstraining sinnvoll ergänzen. Foto: Vetsuisse-Fakultät, UZH / M. A. Oesch

Wie beginnt man denn nun ganz konkret diese Umschulung der Bewegung?

Ich empfehle in vielen Fällen, mit dem Pferd zunächst eine gewisse Zeit vom Boden her zu arbeiten, damit es ohne Reiter die korrekte Körperhaltung in der Bewegung erreichen kann.

Sind diese Grundlagen etabliert, fängt man wieder an zu reiten. Dabei ist es manchmal ratsam, das Pferd im Schritt vom Boden her in eine positive Spannung zu bringen und nach dem Aufsitzen direkt anzutraben, denn mit dem Schwung des Trabs ist es einfacher, eine korrekte Haltung zu erreichen als im Schritt.

Der Reiter spielt bei der Reathletisierung des Pferdes eine unglaublich wichtige Rolle. Ich kann als Tierärztin noch so viel am Pferd therapieren - wenn der Reiter nicht mitzieht und an seiner Reitqualität arbeitet, werden meine Bemühungen langfristig keinen Erfolg bringen. Es braucht viel Eigenverantwortung und Selbstkritik seitens der Reiterinnen und Reiter, diesen ganzheitlichen Weg zu gehen. Wenn sie aber gewillt und motiviert sind, das durchzuziehen, ist es erstaunlich, welche Verbesserungen in wenigen Monaten möglich sind.

Das Gespräch führte
Cornelia Heimgartner

 

Das Überprüfen des Sattels ist ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung von Bewegungsproblemen beim Pferd. Vetsuisse-Fakultät, UZH / M. A. Oesch Das Überprüfen des Sattels ist ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung von Bewegungsproblemen beim Pferd. Vetsuisse-Fakultät, UZH / M. A. Oesch

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